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Flucht und Zuwanderung

02. Januar 2015

Flüchtlinge: Geisterschiffe auf See

 Von 
Symbolfoto  Foto: reuters

Schlepper und Besatzung lassen Flüchtlinge immer öfter auf hoher See im Stich. Am Neujahrstag trieb ein Schiff mit 450 Flüchtlingen auf die italienische Küste zu.

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Führerlos trieb der Frachter „Ezadeen“ mitten im aufgewühlten Ionischen Meer. Kapitän und Besatzung hatten das unter der Flagge von Sierra Leone fahrende Handelsschiff bei hohem Seegang und starkem Wind im Stich gelassen, die Treibstofftanks waren leer.

Einem der 450 syrischen und kurdischen Flüchtlinge an Bord gelang es am Nachmittag des Neujahrstages, einen Hilferuf abzusetzen, etwa 80 Seemeilen vor der kalabrischen Stadt Crotone: „Wir sind ohne Besatzung, wir treiben auf die italienische Küste zu und wir haben niemanden, der steuern kann.“ Schlechtes Wetter erschwerte den Rettungseinsatz, erst am Freitagmorgen konnte die Küstenwache Entwarnung geben: Die „Ezadeen“ wurde von einem isländischen Schiff der EU-Mission Triton ans kalabrische Festland geschleppt.

Es war bereits der zweite Vorfall dieser Art innerhalb weniger Tage. In der Nacht vor Silvester musste der unter moldawischer Flagge fahrende Frachter „Blue Sky M“ mit knapp 800 vorwiegend syrischen Flüchtlingen in einer dramatischen Aktion geborgen werden. Er war ebenfalls von der Besatzung aufgegeben und drohte, an der Küste Apuliens zu zerschellen. Die Küstenwache schaffte es, mit einem Helikopter sechs ihrer Männer an Bord zu hieven. Sie versuchten fieberhaft, die blockierte Steuerung in Gang zu bringen. Deren Kurs war bei laufenden Maschinen direkt auf die Felsen zwischen Santa Maria die Leuca und Otranto eingestellt. Erst fünf Meilen vor der Küste waren die Experten erfolgreich, die „Blue Sky M“ konnte in den apulischen Hafen Gallipoli gebracht werden. „Es war ein Wettlauf mit der Zeit“, sagte ein Sprecher der Küstenwache. Es hätte viele Todesopfer geben können und obendrein ein Umweltdesaster, weil in den Tanks neun Tonnen Treibstoff lagerten. Alle Passagiere überlebten.

Die Rede ist nun bereits von einer neuen Masche der kriminellen Menschenhändler. Sie pferchen syrische Bürgerkriegsflüchtlinge im Südosten der Türkei auf ausgemusterte Frachter älteren Baujahres, die sie meist vor Ort ankaufen. Die Schiffe werden dann auf dem Meer von der eigens angeheuerten Besatzung aufgegeben – meist auf den Routen der internationalen Handelsschiffe, in der Hoffnung, dass diese zur Rettung eilen. „Das ist eine neue Erscheinung dieses Winters“, sagte die Sprecherin der EU-Grenzschutzagentur Frontex am Freitag. Die Menschenhändler zeigten einen neuen Grad der Grausamkeit. Denn wenn so ein Geisterschiff in Seenot gerate, hätten die im Lagerraum Eingeschlossenen keine Chance.

Die "Blue Sky M" ist knapp 40 Jahre alt, wem sie gehört, ist unklar.  Foto: REUTERS

Auch in den beiden jüngsten Fällen hatte die Fahrt im Südosten der Türkei begonnen. Die knapp 40 Jahre alte „Blue Sky M“ legte am 25. Dezember in Mersin ab, das eine Fährverbindung zum syrischen Latakia hat. Das Frachtschiff verkehrte früher zwischen dem bulgarischen Schwarzmeer-Hafen Varna und dem kroatischen Rijeka. Mehreren italienischen Zeitungen zufolge war es erst vor zwei Wochen an einen Syrer verkauft worden, dessen Identität nun ermittelt werden soll. Er habe nur wenige Hundert Dollar dafür gezahlt. Das Sicherheitszertifikat des Schiffs war schon vor Wochen eingezogen worden. Die syrischen Flüchtlinge sagen, sie hätten pro Person zwischen 5000 und 7000 Euro an die Schlepper gezahlt, der Kontakt sei über Facebook-Seiten zustande gekommen. Somit könnten die Kriminellen allein mit dieser Fahrt mehr als vier Millionen Euro verdient haben. Und die Kosten für das Abwracken des Schiffs muss der italienische Staat tragen.

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Den Flüchtlingen versprachen die Schleuser, sie würden nach Sizilien gebracht. Ein Syrer sagte dem „Corriere della Sera“: „Niemand wusste, wer der Kommandant des Schiffes und die Besatzung sind, es war ein Klima wie bei der Mafia. Wir wussten aber, dass sie sich unter uns gemischt hatten, um zu entkommen.“ Vier Syrer wurden festgenommen, sie seien als Besatzungsmitglieder identifiziert worden, so die italienischen Behörden. Die am Freitag geborgene „Ezadeen“ war der Internetseite Marine Traffic zufolge offiziell auf dem Weg von Zypern ins südfranzösische Sète. Der 50 Jahre alte Viehtransporter soll von einer libanesischen Kompagnie betrieben werden.

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