Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Flucht und Zuwanderung

26. Januar 2016

Flüchtlinge in Essen-Karnap: „Wir helfen wirklich gerne, aber ...“

 Von 
Die Flüchtlingsunterkunft in Essen-Karnap erhitzt die Gemüter.  Foto: Imago

Als ein SPD-Ortsverein vorige Woche zu einer Demonstration gegen neue Flüchtlingsunterkünfte im Essener Norden aufruft, schlägt eine Welle der Empörung hoch. Ortsvereinschef Stephan Duda verteidigt sich im FR-Interview.

Drucken per Mail

Herr Duda, Sie sind der Vorsitzende eines kleinen SPD-Ortsvereins im Ruhrgebiet mit 125 Mitgliedern. Seit dem Wochenende stehen Sie plötzlich im nationalen Scheinwerferlicht. Was ist das für ein Gefühl?
Das war anfangs erschreckend. Ich saß vor meinem Computer und sah, wie ich innerhalb von kurzer Zeit 93 000 Klicks auf meiner Facebook-Seite hatte. Ich bekomme Post und E-Mails aus der ganzen Welt und werde in Zeitungen in Polen, Italien, Spanien und den Niederlanden zitiert. Das war mit Sicherheit nicht mein Ziel.

Welchen Tenor haben die Reaktionen?
Das kommt aus allen Richtungen. Von jeder Gruppierung bin ich beschimpft worden – auch aus der eigenen Partei. Viele haben mich in die rechte Ecke gesteckt. In kurzer Zeit war das ein Shitstorm mit 30 000 Kommentaren, aber es waren auch sehr viele positive Kommentare darunter - und zwar  nicht von Rechtsextremisten. 

Ihr Flyer „Genug ist genug. Der Norden ist voll“, mit dem Sie zu einer Demonstration gegen neue  Flüchtlingsunterkünfte im Essener Norden aufgerufen haben, klang ziemlich fremdenfeindlich und populistisch.
Ja, der Slogan war von mir falsch gesetzt. Das war unüberlegt und hätte mir nicht passieren dürfen, ich kann mich hierfür nur entschuldigen. Es hätte heißen müssen: Für eine gerechte Verteilung der künftigen Flüchtlingsstandorte in der Stadt Essen. 

Viele halten Sie jetzt für einen AfD-Sympathisanten.
Das ist kompletter Unsinn. Ich bin Mitglied des Runden Flüchtlings-Tisch hier in Karnap. Und ich bin Anfang 2012 in die SPD eingetreten, weil das definitiv meine Richtung ist und ich etwas bewegen wollte. Von den rechten Parteien distanziere ich mich vehement. 

Weshalb wehren Sie sich gegen neue Flüchtlingsunterkünfte im Essener Norden?
Ich wohne hier in Essen-Karnap. Das ist eine ehemalige Bergarbeitersiedlung mit kleinen Häuschen. Von den 7000 Einwohnern beziehen 35 Prozent Hartz IV und 40 Prozent sind Migranten. Das gab nie Probleme. Man wächst hier auf und schließt Freundschaften. Rund 70 Meter Luftlinie von meinem Haus entfernt gibt es eine Zeltstadt für 650 Flüchtlinge. Da gehe ich als Flüchtlingshelfer ein und aus. Man kennt meinen Namen dort nur positiv. Ich beschäftige mich vor allem mit den 18- bis 30-Jährigen, die angeblich so böse sind. Tatsächlich spüre ich viel Dankbarkeit. Das motiviert mich, weiter ehrenamtlich zu helfen. 

Was machen Sie mit den Flüchtlingen?
Ich bin dritter Vorsitzender des Fußballvereins in unserem Stadtteil und organisiere im Flüchtlingslager zweimal die Woche ein Fußballtraining. 

Wo ist dann das Problem?
In Essen müssen neue Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden. Auf dem Papier existieren dafür  rund 300 Standorte. Aber nur 15 werden diskutiert. Dann bleiben sieben übrig – und von denen liegen sechs im strukturschwachen Essener Norden. Wir reden hier über richtig große Flüchtlingsunterkünfte für insgesamt 2600 Menschen. Eine solche Ballung in einem sozial schwachen Gebiet finde ich absolut falsch. 

Was stört Sie genau?
Zunächst einmal bin ich generell gegen solche großen Flüchtlingsunterkünfte. Und zwar als Sozialdemokrat, nicht als angeblicher Rechter. Weil ich selber in der Flüchtlingshilfe tätig bin, sehe ich die Probleme: Das Zusammenleben verschiedener Kulturen auf engstem Raum ist extrem schwierig. Es gibt kaum Privatsphäre. Um 22 Uhr geht zentral das Licht aus. Und es herrscht eine furchtbare Langeweile. Wenn wir Ehrenamtler uns nicht engagieren würden, hätten die gar nichts zu tun. 

Stephan Duda (45), Vorsteher des SPD-Ortsvereins Essen-Karnap.  Foto: Privat

Was wäre die Alternative?
Wir brauchen ganz viele Standorte, verteilt auf das ganze Stadtgebiet, also auch dort, wo die Mieten höher sind. Kleineren Gruppen kann man wesentlich besser helfen. Und es würde den Flüchtlingen ein etwas würdigeres Leben ermöglichen. 

Sie stören sich aber auch an den jetzt geplanten konkreten Standorten.
Ja. Der Essener Norden braucht dringend eine Aufwertung. Seit Jahrzehnten versucht man, die ehemalige Kohleregion attraktiver zu machen. Jetzt gibt es endlich ein Prestigeprojekt: Unter dem Namen Marina Essen soll ein neues Hafenquartier mit 600 Arbeitsplätzen, hochwertiger Wohnbebauung und Yacht-Anlegestellen entstehen. Die Planungen stehen kurz vor dem Abschluss. Es könnte gebaut werden. Aber genau auf diesem Gebiet an der Grenze zwischen Altenessen und Karnap sollen nun die neuen Flüchtlingsunterkünfte entstehen.  Die heißen „feste Provisorien“, haben aber eine Lebensdauer von 30 Jahren. Damit wäre die Marina tot. 

Wie ist denn die Stimmung bei normalen Bürgern in Ihrer Nachbarschaft?
Na, was glauben Sie? Die sagen: Jetzt kriegen wir keine Boote. Stattdessen kommen noch mehr Flüchtlinge. Die Bürger fühlen sich übergangen und verschaukelt. Dabei sind viele in ihrer Freizeit extrem für die Flüchtlinge engagiert und bieten vom Deutschunterricht über Nähkurse bis zur Ämterbegleitung alle mögliche Unterstützung an. Wir helfen wirklich gerne. Aber man kann nicht beliebig immer noch eine Schippe drauflegen.  

Sie sind auch von SPD-Ministerpräsidentin Kraft scharf kritisiert worden. Hat Sie das getroffen?
Ich hätte mir von Hannelore Kraft gewünscht, dass sie in der hochgekochten Stimmung einmal direkt Kontakt zu mir aufnimmt, bevor Sie sich auf diese Weise gegen mich wendet. Diese Chance zu  einem Gespräch hätte ich gerne gehabt. Man hätte sagen können: Der Duda hat sich in der Wortwahl vergriffen. Das stimmt ja. Aber ein wenig Verständnis für die Bürger hätte ich schon erwartet. 

Wie reagieren nun die Genossen in Karnap? 
Die haben mir den Rücken gestärkt und gesagt: Mensch, mach bloß weiter und knick nicht ein! Viele sagen auch: Wir stehen absolut hinter der SPD. Aber wir finden es schade, dass Frau Kraft nicht mal aus Düsseldorf hier herüberfährt, um sich das anzugucken.  

Und - machen Sie weiter?
Natürlich doch. Ich wohne hier. Es kann doch nicht sein, dass unser CDU-Oberbürgermeister hier im Essener Norden  einfach diese Großunterkünfte baut, ohne die Betroffenen anzuhören. 

Und bleiben Sie in der SPD?
Darauf können Sie wetten. Das Parteibuch werde ich behalten. Und ich werde weiter für unsere Bürger und deren Anliegen da sein. 

Interview: Karl Doemens

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Dossier

Flucht und Zuwanderung



Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Terror, viele sterben auf dem Weg nach Europa. Dort steht die Politik vor Herausforderungen. Wenige protestieren, viele Menschen helfen.

Dossier-Übersicht - alles auf einen Blick
Kommentare und Leitartikel - Meinung der FR
Zuwanderung in Rhein-Main - Lage vor Ort

Asyl-Quoten

Verteilung der Asylsuchenden auf die Bundesländer nach dem "Königsteiner Schlüssel"

Daten: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Stand: 2015, Karte: Monika Gemmer