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Flucht und Zuwanderung

10. März 2016

Flüchtlinge: Schlepper offerieren „Reisepakete“ nach Italien

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Ende 2014 waren in Apulien zwei schrottreife Frachter voller Flüchtlinge gelandet, die im türkischen Mersin abgelegt hatten. (Archivbild)  Foto: rtr

Zehntausende Syrer, Iraker und Afghanen sitzen in Griechenland fest, seit die Balkanroute Richtung Norden nach Grenzschließungen gesperrt ist. Nun könnten die Flüchtlinge über die Adria kommen.

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Rom. –  

Zwanzigtausend Albaner stürmten im August 1991 den verrosteten Frachter „Vlora“ und zwangen den Kapitän, Kurs auf Italiens Adriaküste zu nehmen. Die Bilder gingen damals um die Welt. Kurz zuvor hatte ein Massenexodus aus der zerfallenden kommunistischen Diktatur eingesetzt, Zehntausende Albaner versuchten über das Meer nach Italien zu gelangen. Nun gibt es in Italien Befürchtungen, dass erneut viele Menschen über die Adria kommen.

Zehntausende Syrer, Iraker und Afghanen sitzen in Griechenland fest, seit die Balkanroute Richtung Norden nach Grenzschließungen gesperrt ist. Und wie der italienische Kriminologe Andrea Di Nicola sagt, der sich mit Schleusern und Migrationsrouten befasst: „Wenn ein Flusslauf gestaut wird, sucht sich das Wasser einen anderen Weg.“

Schlepper offerierten auf Facebook bereits neue „Reisepakete“ zum Preis von 2000 bis 3000 Euro, berichtet die italienische Zeitung „La Repubblica“. Von Griechenland aus könnten sie Flüchtlinge in Bussen nach Albanien bringen und von dort über die Adria nach Italien. Die Meeresstraße von Tarent ist nur etwa 90 Kilometer breit und bei gutem Wetter im Schlauchboot in wenigen Stunden zu überqueren.

Italiens Regierung ist alarmiert

Dieser Weg wird bisher vor allem von Drogenschmugglern genutzt. Ihre Boote, mit bis zu zehn Metern Länge zu klein, um bei Radarkontrollen erfasst zu werden, könnten nun Flüchtlinge transportieren, schreibt das Blatt. Eine zweite Alternativroute wäre der direkte Seeweg aus Griechenland und der Türkei. Bereits Ende 2014 waren in Apulien zwei schrottreife Frachter voller Flüchtlinge gelandet, die im türkischen Mersin abgelegt hatten.

Zwar wird in Brüssel wie in Rom beschwichtigt, es gebe bisher keine konkreten Anzeichen für einen neuen Flüchtlingsweg Richtung Adria. Doch der apulische Oberstaatsanwalt Cataldo Motta sprach unter Verweis auf Geheimdienstquellen von vielen Verdachtsmomenten, die zeigten, dass die Organisation angelaufen sei. Italiens Regierung ist alarmiert und führt Gespräche mit Albanien und Montenegro. Innenminister Angelino Alfano reise diese Woche nach Tirana, berichtet die Zeitung „La Stampa“.

Sein albanischer Kollege Saimir Tahiri sei vor wenigen Tagen in Rom gewesen. Italien biete dem Land jenseits der Adria vermutlich den Einsatz von Militärschiffen und Ausrüstung zur Überwachung an. Albaniens Regierungschef Edi Rama hat versichert, man werde den Transit von Flüchtlingen mit allen Mitteln verhindern. Doch die Berge zwischen Griechenland und Albanien dürften schwer zu kontrollieren und ein möglicher neuer Treck kaum aufzuhalten sein.

Die Behörden in den süditalienischen Regionen Apulien und Kalabrien versuchen sich schon auf einen Ausnahmezustand vorzubereiten und suchen neue Unterbringungsmöglichkeiten. In Sizilien fürchtet man unterdessen, dass im Frühjahr auch die Zahl der Flüchtlingsboote aus Libyen wieder zunehmen wird. Dieses Risiko sieht auch die deutsche Regierung.

Ab dem Spätsommer 2015 waren viele Migranten auf die weniger gefährliche Balkanroute umgeschwenkt. Kämen sie nun wieder in großer Zahl nach Italien, würde sich die Lage im Land verschärfen.

Flüchtlinge wie früher einfach unbehelligt Richtung Nordeuropa weiterziehen zu lassen, das ist nicht mehr möglich. Wegen des Drucks der EU müssen sie jetzt mit Fingerabdrücken registriert werden. Und Österreich will seine Grenze zu Italien demnächst dichtmachen.

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