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Flucht und Zuwanderung

20. Februar 2016

Flüchtlinge: Wenn Sekunden über Schicksale entscheiden

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Ein Mann schaut aus einem Zug nahe der serbischen Grenze.  Foto: dpa

Wie Österreich den Flüchtlingen den Weg versperrt: Vom 1. März an soll der meterbreite Durchlass auf dem Feld von Idomeni für immer mehr Menschen und schließlich für alle geschlossen bleiben.

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„Ja, was denn nun?“, fragt der lange Grenzer und blättert verächtlich durch die knittrigen Papiere. „Syrer? Palästinenser?“ Eine freundliche griechische Polizistin ist mit an den Durchlass im Stacheldraht gekommen und erklärt ihrem brummigen mazedonischen Kollegen den Fall. „Die kommen aus Syrien, sind aber von der Staatsangehörigkeit her Palästinenser.“ Nicht alle dummerweise, was das Ganze kompliziert macht. Einer der Brüder, der an Muskelschwäche leidet und in einem verdreckten Rollstuhl sitzt, ist Syrer. Aber „family“ seien sie alle, sagte der Wortführer des traurigen Trüppchens leise und schaut demütig zu Boden.

Die dreißig Sekunden an dem improvisierten Übergang neben der Bahnlinie sind für das weitere Schicksal der Familie Hamadi entscheidend. Heute ist es warm, die Sonne scheint. Kein Wort sagt der Grenzer, nur ganz unmerklich dreht er das Kinn ein wenig nach links. Ihr dürft durch, heißt das. Wer 1500 Kilometer mit einem Bruder im Rollstuhl durch den Nahen Osten gezogen ist, lässt sich kein Muskelzucken entgehen. Glück gehabt.

Die „kakanische Allianz“ heißt im Wiener Jargon neuerdings das Bündnis der Balkanroutenstaaten von Österreich bis hier hinunter nach Mazedonien – nach einem Wortspiel aus der Zeit der k.u.k. Monarchie, als Wien ganz offiziell die Hauptstadt des Balkan war. Ausgangs- und Endpunkt der Route, Deutschland und Griechenland, blieben bei der Allianz außen vor, als Mitte Januar Österreichs junger Außenminister Sebastian Kurz und seine strenge Innenministerin Johanna Mikl-Leitner das Heft des Handelns in die Hand genommen haben.

Nach und nach aussperren

Seit Kommissionspräsident Juncker kurz vor dem Gipfel die Kakanier nach Brüssel einlud, dürfen die Staats- und Regierungschefs sich eine Woche lang als Retter Europas fühlen. Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann, selbst vom rechten Flügel seiner Partei in die Allianz mit dem machtbewussten Ungarn Viktor Orbán gedrückt, traute sich zu sagen, dass „wir Schritte gesetzt haben, die Deutschland auch noch setzen wird“.

Posse ist es keine, wenigstens nicht für die Hamadi-Brüder. Vom 1. März an, übernächste Woche Dienstag also, soll der meterbreite Durchlass auf dem Feld von Idomeni für immer mehr Menschen und schließlich für alle geschlossen bleiben. Seit Mitte November schon werden hier noch Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsstaaten Syrien, Irak und Afghanistan durchgelassen. Nach dem Stichtag sollen nach einander erst Afghanen, dann Iraker und schließlich auch Syrer ausgesperrt bleiben.

Offiziell bestätigt wurde der Termin noch nicht, aber nach ihrem Treffen mit Ratspräsident Donald Tusk und Kommissionschef Jean-Claude Juncker ließen die Staatschef Mazedoniens und Serbiens – beides keine EU-Länder – an dem Plan keinen Zweifel mehr.


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Wenn die Sonne scheint, funkeln die scharfen Spitzen des Nato-Drahts im weiten Vardar-Tal bis zum Horizont. Zwei Reihen dichter Maschendraht, dazwischen die Stacheldrahtrollen – auf den ersten Blick scheint der neue Schutzwall unüberwindlich. Gerade hämmern Arbeiter noch ein neues Stück Zaun am Bahngleis zusammen: Keiner, der hier zurücktransportiert wird, soll im letzten Moment noch abspringen können.

Auch auf den zweiten Blick hält der kakanische Wall. Probeschließungen in den vergangenen Wochen, als die mazedonischen Grenzer für Stunden oder gar Tage mit fadenscheinigen Begründungen das Törchen schlossen, verliefen erfolgreich: Niemand fand einen Umweg, Tausende kampierten zeitweise 20 Kilometer landeinwärts an einer Autobahn-Tankstelle. Seit Flüchtlingshelfer auch dort große Zelte aufgebaut haben, ist hier alles leer.

In der vergangenen Woche kamen jeden Tag weniger als 200 Menschen, so wenige wie seit dem letzten Sommer nicht. Viele von denen, die über die Ägäis auf eine der vier großen griechischen Inseln übersetzen, hängen irgendwo in Griechenland fest. Nach monatelangem Zögern haben gerade jetzt die Griechen ihre Registrierungsstellen auf Lesbos, Samos, Chios und Kos zu „Hotspots“ erklärt – was erst mal nur bedeutet, dass alles länger dauert. Immer wieder blockieren Bauern mit ihren riesigen Traktoren die Europastraße von Athen hinauf nach Saloniki – und die Busse müssen große Umwege in Kauf nehmen. Im Dezember nahm die Reise über die Balkanroute von Griechenland nach Deutschland manchmal nur drei Tage in Anspruch. Heute sind es mindestens fünf.

Aber weder die Balkanstaaten haben das Zauberwort, noch hat es Griechenland. Es ist die Türkei, aus der gerade kaum mehr jemand kommt – ganz ähnlich wie an den Tagen vor den beiden Gipfeltreffen von Angela Merkel mit Recep Erdogan und Ahmet Davutoglu, den Herren der Türkei. In Kakanien, scheint es, wird das Schicksal der Balkanroute doch nicht entschieden.

Unkontrollierbare Grenzen

Der dritte Blick gilt dann schon der Landkarte – und von ferne trübt sich das Bild. Rechts und links der Hügel am Rande des Vardar-Tals liegen von der Ägäis bis zur Adria über tausend Kilometer dünn besiedeltes, kaum bewachtes Hügelland. Griechenland hat nicht nur eine Grenze mit Mazedonien, sondern auch eine doppelt so lange, ganz und gar ungesicherte zum EU-Land Bulgarien. Wird der wichtige Straßenübergang bei Kulata geschlossen, nur anderthalb Stunden mit dem Sammeltaxi von Saloniki, bieten sich die Rhodopen an, eine schwer kontrollierbares Gebirge, das von einer muslimischen Minderheit besiedelt ist.

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Die griechisch-albanische Grenze schließlich, fast so lang wie die griechisch-mazedonische, ist seit vielen Jahren der Alptraum aller Behörden. Bis zum Beginn der Flüchtlingskrise fand hier jährlich etwa die Hälfte aller illegalen Grenzübertritte in ganz Europa statt. Staatliche Strukturen gibt es hier wenig. Dafür aber umso mehr private. Gut organisierte Schmugglerringe finden in Albanien, aber auch in Montenegro und in Bosnien ideale Bedingungen. Von dort sind es nur noch 200 Kilometer bis nach Österreich.

In Spielfeld jedenfalls, dem Dorf an Österreichs Grenze zu Slowenien, ist alles auf einen großen Ansturm vorbereitet. Soldaten sitzen zwischen Armeelastern und spielen Karten. „Die Slowenen sind uns schon ein bissl zuvorgekommen“, sagt ein freundlicher Gendarm mit grauem Bart. An die Flüchtlingskrise haben die Zäune zwar noch nicht gerührt. Aber wenigstens ist die Welt der k.u.k. Kleinstaaterei wieder in Ordnung. Und die Wachttürme sind hoch genug, dass die Retter des Abendlands einander zuwinken können.

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