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Flucht und Zuwanderung

08. Februar 2016

Flüchtlinge: Zeebrugge statt Calais

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Der Containerhafen ist mit Nato-Stacheldraht gesichert.  Foto: dpa

Flüchtlinge sammeln sich in der belgischen Hafenstadt Zeebrugge.

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Brüssel –  

Ungefährlich ist auch diese Route nicht. Unlängst griff die belgische Polizei Flüchtlinge an der Küste auf. Sie liefen auf den Gleisen der Hafenbahn Richtung Veurne, „aber sie wussten nicht, dass die Strecke noch in Betrieb ist“, berichtete ein Polizist. Kein Einzelfall in Veurne in der Gegend der belgischen Hafenstadt Zeebrugge.

Im französischen Fährhafen Calais wird es ungemütlich. „Dschungel“ wird die Zeltstadt dort vor den Hafenanlagen genannt. Wer sich Calais auf der Autobahn nähert, ist überrascht: Auf dem Standstreifen marschieren Flüchtlinge zu Dutzenden. Doch den „Dschungel“ gibt es nicht mehr. Frankreichs räumt auf und siedelt die Flüchtlinge in Container um. Viele Flüchtlinge fürchten die Registrierung, und so machen sich etliche von ihnen auf den Weg nach Zeebrugge. Mit dem Bus geht es an die Grenze, und vom belgischen Badeort De Panne ruckelt die Kusttram, die Küstenstraßenbahn, gen Norden nach Zeebrugge. Neuer Hafen, altes Ziel: Auch nach dem Seitenwechsel heißt es Britannien.

Flüchtlinge in der belgischen Hafenstadt Zeebrugge.  Foto: dpa

Knapp 600 Flüchtlinge zählte die belgische Polizei im vergangenen Dezember; im neuen Jahr waren es bereits 900, gut die Hälfte stammt aus dem Iran. Aber auch Flüchtlinge aus anderen Ländern machen sich auf den Weg: Irak, Afghanistan, Eritrea, selbst Vietnam.

Ein Etappenziel lautet Veurne. In dem Küstenort wird viel Fracht umgeschlagen, die per Lastwagen kommt. Die Spritpreise sind hier sehr niedrig. In der Regel kommen die Trucker, stellen den Anhänger ab, tanken auf und nehmen Waren mit nach Kontinentaleuropa. Am nächsten Morgen kommt ein Lkw aus England, tankt auf und nimmt Waren mit ins Vereinigte Königreich. In der Nacht versuchen Flüchtlinge sich zwischen der Ladung zu verstecken und über Calais nach Britannien oder weiter nördlich in Zeebrugge direkt auf die Fähren ins englische Hull zu kommen. Noch.

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Die Fährgesellschaft P&O rüstet auch im  Zeebrugger Hafen auf. 35 000 Euro pro Monat investiert das Unternehmen in zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen. P&O-Chefin Helen Deeble beschwerte sich unlängst gar beim belgischen Innenminister Jan Jambon. Sie warnte auch vor möglichen wirtschaftlichen Folgen für den Hafen Zeebrugge. Der flämische Regionalpolitiker Jambon verkündete flugs: „Ich werde nicht akzeptieren, dass aus Zeebrugge ein neues Calais wird.“ Brügges sozialistischer Bürgermeister Renaat Landuyt ist dagegen realistisch: „Wir glauben, dass der heutige Flüchtlingsstrom nur die Vorhut ist.“

Längst machen sich nicht nur Flüchtlinge aus Calais auf den Weg nach Belgien. Auch über Deutschland reisen Flüchtlinge an die belgische Küste. Manche auf eigene Faust, andere begeben sich in die Hände von Schleppern, albanischen Banden etwa.

Belgiens Polizei ist machtlos. „Das Problem ist, dass viele Flüchtlinge sich weigern, ihre Fingerabdrücke abnehmen zu lassen, weil sie in Belgien kein Asyl beantragen wollen“, sagte Ermittler Toon Fonteyne der Zeitung „De Tijd“.


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„Ich habe schon zehn Mal versucht, auf ein Schiff zu kommen“, erzählte ein junger Iraner. Bisher vergeblich. Aber er ließ keinen Zweifel daran, dass er es wieder versuchen wird. Sein gelobtes Land heißt immer noch Großbritannien.

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