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Flucht und Zuwanderung

18. Februar 2016

Flüchtlingsunterkunft: Schwere Vorwürfe gegen Wachdienst

 Von Uli Kreikebaum, Bettina Janecek und Tim Stinauer
Flüchtlingsunterkunft in Köln: Hier sollen Wachmänner Flüchtlingsfrauen sexuell belästigt haben.  Foto: dpa

Gegen Wachleute einer Kölner Flüchtlingsunterkunft erheben Bewohnerinnen schwere Vorwürfe. Die Sicherheitsleute sollen die Frauen sexuell belästigt und beim Duschen und Stillen gefilmt haben.

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Die Vorwürfe sind dramatisch: Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes in der Flüchtlingsunterkunft Westerwaldstraße in Köln-Gremberg werden in einem offenen Brief bezichtigt, „systematisch Frauen von uns zu begrabschen und nackt zu filmen“. Die Angestellten, die sich selbst als „Mafia-Netzwerk“ bezeichneten, versuchten, Frauen „zum Sex zu überreden“. In dem Brief ist auch von vollzogenen Vergewaltigungen die Rede. Die für den Sicherheitsdienst zuständige Adler-Wache bestreitet die Beschuldigungen vehement. „Ich habe mit unseren Sozialarbeitern gesprochen: Es ist kein einziger solcher Fall bekannt“, sagt Projektmanager Bernhard Deschamps.

Die Mitarbeiter würden engmaschig überprüft. „An solchen Beschuldigungen, die Flüchtlinge so nie formulieren würden, kann eine Firma kaputt gehen“, sagte Deschamps. „Wir werden alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um dagegen vorzugehen.“ Derzeit arbeiten Deschamps zufolge 350 Menschen in Flüchtlingsunterkünften für den Sicherheitsdienst der Adler-Wache. Sie sind nicht fest einer Unterkunft zugeordnet, sondern rotieren. Alle würden interkulturell geschult.

Als die Polizei am Donnerstag anlässlich einer Demonstration der Flüchtlinge vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge von den Vorwürfen erfuhr, wurden sofort Ermittlungen eingeleitet. Zeitgleich hatte Polizeipräsident Jürgen Mathies mit Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker gesprochen – sensibilisiert durch die Übergriffe in der Silvesternacht am Bahnhofsvorplatz überprüfte sofort ein Großaufgebot der Polizei die Unterkunft. Über 50 Frauen wurden gestern und heute bislang befragt – keine von ihnen habe berichtet, sie sei Opfer geworden oder habe einen Übergriff selbst beobachtet. „Eine Frau machte anfänglich konkretere Angaben. In der Vernehmung stellten sich diese aber dann als Informationen vom Hörensagen heraus“, sagte ein Polizeisprecher. Die Kriminalpolizei hat inzwischen eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet. Eine Strafanzeige gibt es noch nicht.

Gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte eine junge Syrerin am Mittwoch gesagt, ein Wachmann habe ihr gesagt: „Ich würde gern mit dir zusammen sein.“ Als sie ihm gesagt habe, sie sei nicht interessiert und habe einen Freund, habe der Wachmann gesagt: „Dann fliegst du hier bald raus.“ Am Donnerstag sagte eine 39 Jahre alte Syrerin, sie habe beobachtet, dass ein Security-Mitarbeiter nachts schlafende Frauen fotografiert habe.

Aussagen bleiben vage

Mehrere Frauen hatten am Mittwoch während der Demonstration im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ bestätigt, dass es stimme, was in dem Brief stünde. Der Inhalt des Briefes existiert auf Arabisch, Englisch und Deutsch. Lanciert wurde der Brief von politisch links stehenden Unterstützern der Flüchtlinge, sie gehören zu der Gruppe „Dignity for refugees Cologne“.

„Sollten die Vorwürfe zutreffen, wäre das heftig“, sagte Claus-Ulrich Prölß vom Flüchtlingsrat. „Das Problem ist aber, dass trotz harter Vorwürfe bis hin zur Vergewaltigung alle Aussagen sehr vage bleiben und bedauerlicherweise keine konkreten Nachweise erbracht werden. Ich frage mich auch, warum die Betroffenen das nicht uns oder anderen politischen Akteuren in der Stadt erzählen, die wirklich etwas tun könnten.“
Die Stadt Köln äußerte in einer Stellungnahme, dass keine Vorwürfe bei der Heimleitung und dem beauftragten Träger DRK eingegangen seien.

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