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Flucht und Zuwanderung

27. Januar 2016

Fremdenangst: Das schwarz-weiße Weltbild der Rechthaber

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Sich gezielt Objekte suchen, die man angreifen kann: Viele nutzen diesen Ausgang aus der Angst. Aber es gibt noch einen anderen, sagt der Sozialpsychologe.  Foto: dpa

Der Frankfurter Sozialpsychologe Rolf Haubl spricht im Interview der FR über Vereinfachungen in der Flüchtlingsdebatte und das Gefühl, ein Deutscher zweiter Klasse zu sein.

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Herr Haubl, woher kommt die Angst, beziehungsweise wie stellt sie sich aus psychoanalytischer Sicht dar?
In der Sozialpsychologie wird zunächst zwischen Angst und Furcht unterschieden. Angst ist im Vergleich zur Furcht für die betroffene Person viel weniger durchsichtig, sie kann überfallartig als Panik auftreten, und wer Angst hat, weiß oft nicht, wovor. Solche objektlosen Situationen, in denen keine konkrete Vorstellung besteht, wovon die Bedrohung ausgeht, sind schlimmer, als ein Gegenüber zu haben, das man bekämpfen oder vermeiden kann. Das wäre dann die Furcht. Ein Mechanismus, mit der Angst umzugehen, ist es, Objekte zu definieren, die häufig kollektiv schon vordefiniert sind. Auf die lassen sich die Ängste projizieren, die ganz konkret als Furcht ankommen. Dadurch gewinnt der Betroffene den Eindruck, indem er das Objekt bekämpft, bekämpft er gleichzeitig seine Angst. Wenn man jedoch sauber trennt zwischen Angst und Furcht, wird man feststellen, dass die Angst nicht verschwindet, sich vielmehr immer andere Angstobjekte sucht.

Im Kontext der Flüchtlingsdiskussion ist häufig von den Ängsten der Menschen die Rede. Wie erklären Sie sich das?
Hier spielt der Zusammenhang zwischen Angst und Aggression eine große Rolle, denn Angst hat in der Regel zwei unterschiedliche Ausgänge. Der eine Ausgang ist, Situationen zu vermeiden und vor bestimmten Objekten zu fliehen. Der andere ist, sich gezielt Objekte zu suchen, die man angreifen und bekämpfen kann. Das wiederum geht immer einher mit der Vorstellung: Wenn ich das Objekt, hier beispielsweise ein Flüchtlingsheim, in Brand gesetzt habe, ist auch die Angst verschwunden. Nur bleibt die Angst über die Objekte hinaus bestehen, weil sie in ihren tiefen Schichten nicht erkannt ist und auch nicht berührt wird.

Spielt fehlende Toleranz auch eine Rolle in Bezug auf die Angst vor dem Fremden?
Vielen Menschen fehlt die Toleranz dort, wo sie sich einem Objekt gegenübersehen, das sie nicht verstehen, und weil sie es nicht verstehen, als Bedrohung wahrnehmen. Diese Menschen erleben ihre Intoleranz auch nicht als etwas Negatives, sondern als berechtigte Verteidigung ihres Lebens und ihrer Werte, die für sie weder verhandelbar noch relativierbar sind. Denn im Grunde sind sie felsenfest davon überzeugt, recht zu haben. Das ist ein Symptom dafür, wie stark die Angst ist. Angst führt in der Regel auch zum Wunsch nach einfachem Denken, weshalb ein starker Bedarf an Orientierungshilfe besteht. Man könnte sagen, dass wir in der derzeitigen Diskussion um die Flüchtlinge oft auf Personen treffen, die sich einen autoritären Staat wünschen, der ihnen alle Orientierungsprobleme abnimmt.

„Ausdruck unserer menschenfreundlichen Werte“: Warten auf Flüchtlinge am Hauptbahnhof Frankfurt, 5.9.2015.  Foto: epd

Wieso bezieht sich die Angst so massiv auf die Flüchtlinge? Inwiefern schafft das konkret eine Orientierung?
Flüchtlinge sind gerade deshalb ein Ziel der Angstprojektion, weil die Flüchtlingsbewegungen nicht so einfach zu begreifen sind. Hinzu kommt die Unterstellung, die Flüchtlinge würden den Einheimischen etwas wegnehmen, das Entdecken von Positivem wird einfach nicht zugelassen. Vielmehr wird alles als negativ wahrgenommen mit der gleichzeitigen Überzeugung, auf der Seite der Wahrheit zu stehen. Jemand ohne Angst hat eine viel größere Distanz zu den Dingen und wird verschiedene, eben auch positive Perspektiven zulassen. Der Ängstliche reduziert die ganze Welt auf einzelne Schemata, was es ihm erleichtert, für ihn eindeutige Lösungen zu finden. In dieser Welt gibt es entweder Schwarz oder Weiß – Differenzierung wird nicht zugelassen.

Welchen Vorteil hat die Vereinfachung? Ist es nicht schwer, Fakten einfach auszublenden?
Wenn ich Differenzierung scheue, habe ich auch große Schwierigkeiten, sachliche Informationen in mein Gesamtbild einzubauen, wie etwa Statistiken. Jemand der Angst hat, lässt sich und sein Angstobjekt nicht durch Daten relativieren, was schließlich zu Vokabeln wie „Lügenpresse“ führt. Mit sachlichen Informationen will er sich nicht beschäftigen, sondern glaubt – von Angst diktiert – zu wissen, wie die Sachverhalte sind. Viele entwickeln sogar die Vorstellung, die wahren Informationen würden einem vorenthalten, wobei hier das Bedürfnis nach Eindeutigkeiten groß ist, die man am besten von einer Autorität versichert bekommt. Zwischenfarben werden nicht akzeptiert.

Warum findet diese Angstbewegung sehr häufig an Orten in Deutschland, wie etwa dem Osten statt, wo das Furchtobjekt am wenigsten Präsenz zeigt?
Wir sprechen von einer Bevölkerungsgruppe, die sich als Deutsche zweiter Klasse erlebt, was nach wie vor auf viele Menschen im Osten zutreffen dürfte, aber selbstverständlich nicht nur dort. Diese Menschen fühlen sich von wohlfahrtsstaatlichen Modellen abgehängt und schauen auf die Westdeutschen als diejenigen, denen es besser geht – ungerechtfertigt in deren Wahrnehmung. Es ist diese Schwierigkeit im Erleben, ein Deutscher zweiter Klasse zu sein, obwohl man doch zum selben Volk gehört. Hier wird verstärkt mit der vor-modernen Kategorie des „Volkes“ argumentiert, das blut- anstatt verdienst- oder leistungsorientiert ist und eine Gleichheit suggeriert, die viele Menschen speziell in Ostdeutschland aber gar nicht erleben. Diese Diskussion der Zugehörigkeit wird jetzt verschoben auf die Flüchtlinge als diejenigen, die das „Volk“ unterwandern. Damit wird so getan, als sei Deutschsein eine verdiente Auszeichnung, im Gegensatz zu den Fremden, die – angeblich – bevorzugt behandelt werden, ohne es verdient zu haben. Dabei würde kein Bürger mit einem von den Flüchtlingen tauschen wollen. Insofern ist die Angst nicht selten eine Angst davor, tatsächlich ein Deutscher zweiter Klasse zu sein.

Aber diese Bevorzugung wird als real empfunden.
Jemand, der in dieser Weise unter Angst steht, ist nicht mehr in der Lage, objektive Informationen zu verarbeiten. Der ist voller Panik, dass sein Weltbild nicht stimmen könnte, und blendet alles aus, was dieses Weltbild bedroht. Daher haben Kampagnen, die auf sachliche Informiertheit ausgerichtet sind, meist wenig Erfolg: Es wird nur für wahr gehalten, was die Angst, wenigstens für den Moment, beseitigt. Also abschieben oder verfolgen. Als gut erscheint alles, was zu mehr Kontrolle führt. Wichtig an dieser Stelle ist, dass im Hintergrund die Vorstellung steht, der Staat habe in seiner unbezweifelbaren Autorität nichts anderes zu tun, als die Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Und was in erster Linie Sicherheit bietet, ist die Reduzierung der Gesamtbevölkerung auf etwas, was „Volk“ heißt und von vornherein Fremde – also die, die man nicht versteht und denen man deshalb misstraut – ausgrenzt. Fremd sind allerdings nicht nur Flüchtlinge, sondern alle alternative Formen der Lebensführung.

Welche Rolle spielen die Medien? Inwiefern kanalisieren sie Ängste von außen?
Die Medien haben eine Aufklärungspflicht und müssen dazu beitragen, dass der Diskurs rational geführt wird. Wenn jedoch beispielsweise nach gewalttätigen Auseinandersetzungen in einem Flüchtlingsheim alle Medien rund um die Uhr dasselbe berichten, kommt es automatisch zu einer Dramatisierung eines einzelnen Ereignisses. Es gibt einen bekannten Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Berichtens und der vermeintlichen Relevanz des Ereignisses, weshalb hier in der Wahrnehmung der Eindruck entstehen kann, es gäbe überall neue Heime mit lauter Menschen, die alle aggressiv und nicht integrierbar sind. Dann ist es letztlich auch eine gute Sache, gegen sie vorzugehen. Das Agenda-Setting der Medien ist ein Dilemma, und tatsächlich wird auch viel seltener über die Fälle berichtet, in denen Integration konfliktfrei funktioniert. Eigentlich müssen die Medien dazu beitragen, die positiven Ereignisse gegenüber den negativen im Gespräch zu halten.

Der FR wird häufig das Gegenteil unterstellt. Wir würden zu positiv über Flüchtlinge berichten, heißt es.
Als Rundschau-Leser kann ich das nicht bestätigen. Mir geht es jetzt nicht um eine Medienschelte, nur muss man eine Darstellungsform finden, die entsprechend ausgewogen und realitätsnah ist. Ein Beispiel ist die Diskussion um die „Willkommenskultur“. Ist sie naiv? Ich kann nur sagen, selbst wenn sie naiv ist, ist es erst einmal ein Ausdruck unserer menschenfreundlichen Werte. Vielleicht aber auch Ausdruck von abgewehrten Schuldgefühlen, sind wir doch immer schon in die Ursachenketten mitverwickelt, die die Flüchtlinge aus ihrer Heimat vertreiben. Die Flüchtlinge aus Syrien haben zum großen Teil Erfahrungen gemacht, die sich in unserem Land niemand vorstellen kann, sie haben sich in einem permanenten Überlebenskampf befunden, der auch nicht sofort mit der Ankunft in Deutschland endet. Daher könnte man genauso gut sagen: Es ist doch erstaunlich, wie wenig konflikthaft alles bislang abgelaufen ist, und wie zivilisiert sich die meisten von ihnen auch dann noch verhalten, wenn sie von Deutschland aufgrund unrealistischer Vorstellungen enttäuscht sind.

Sie sagen, die Angst projiziert sich auf ein Furchtobjekt, gegen das es sich leichter vorgehen lässt. Wo bleibt die eigentliche Angst? Bekommt die keinen Raum?
Generell – und da ist das Flüchtlingsbeispiel nur eines – ist es die moderne globalisierte Gesellschaft, die offensichtlich einen nicht geringen Teil von Menschen überfordert. Denn das, was diese einklagen, ist Einfachheit. Es soll einfach und es muss klar sein, was schwarz und was weiß ist. Doch in den globalisierten Gesellschaften muss man sich permanent mit Situationen auseinander setzen, die nicht eindeutig sind. Wo oft nicht klar ist, wer Täter oder Opfer ist. Der Wunsch nach einem schützenden Staat ist das durchgängige Moment.

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Wie bewerten Sie die massiven sexuellen Übergriffe auch durch Flüchtlinge in Köln?
Der Großteil der Flüchtlinge, die aggressive Ausbrüche produzieren, sind junge Männer, die aus einer autoritär strukturierten Gesellschaft kommen. In ihrer Heimat sind sie eingeordnet in ein muslimisch patriarchales System, in dem die Väter das Sagen haben und dafür verantwortlich sind, das Aggressionspotenzial zu begrenzen. Indem sie flüchten, verlieren sie mit ihrer Heimat auch ihre Orientierung an einer väterlichen Autorität. So gelangen sie in eine Freiheit, die auch sie überfordert und aggressionsbereit macht. Insofern kann einen Massenpsychologen nicht verwundern, was passiert ist, es hat eben nicht nur mit uns zu tun, sondern damit, was passiert, wenn ein autoritäres System auf ein System trifft, das sich Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat. Mit Freiheit ohne Aggression umzugehen, ist ein unvollendetes Zivilisationsprojekt.

Inwiefern glauben Sie, dass sich nun insbesondere Frauen deutlich bedrohter fühlen?
Ein bekanntes Phänomen ist, dass ein großer Unterschied in den subjektiven Wahrnehmungen von Bedrohung und in den objektiven Gegebenheiten existiert. Das stimmt selten überein. Mittlerweile gibt es wohl knapp 500 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe in Köln. Man könnte meinen, diese Anzeigen seien alle gleich motiviert, doch blendet man dann massenpsychologisch aus, dass die Schwelle, einen Einzelfall rückwirkend als sexuellen Angriff zu erleben, im Rahmen der Gesamtsituation sinkt. Ohne verharmlosen zu wollen: Es kann durchaus sein, dass manche Frauen sich belästigt fühlen, ohne dass dies in einem anderen Kontext dermaßen gravierend gewesen wäre. Man muss solche bekannten Massenphänomene zu einer realistischen Beurteilung des Geschehens hinzuziehen. Massenhaft medial verbreitet, entsteht dann schnell der Eindruck, in Köln seien lauter Vergewaltiger unterwegs gewesen.

Interview: Katja Thorwarth

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