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Flucht und Zuwanderung

22. März 2016

Integration: Wie Sumte mit den Flüchtlingen umgeht

 Von 
Für die Kinder gibt es Schulangebote in der Notunterkunft in Sumte, in der zurzeit knapp 500 Flüchtlinge leben.  Foto: dpa

Sumte ist ein niedersächsisches Dorf mit 102 Einwohnern. Im Oktober kam ein Anruf: 1000 Menschen werden kommen. Und heute? Brandanschläge? Hass-Geschrei? Belästigungen oder Diebstähle durch Flüchtlinge? Nichts dergleichen. Ein Besuch in einem Dorf, das die Ruhe weg hat.

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"Mist", ruft der Big Leader. Gerade hat er gemerkt, er muss um halb zwei in Hamburg sein und nicht erst um halb vier. „Das ist gar nicht zu schaffen“, sagt er und setzt sich erst einmal wieder in seinen Schreibtischstuhl. Neu nachdenken. Der Mann hat furchtbar viel um die Ohren. Im Türrahmen steht noch Reinhold Schlemmer, 73 Jahre alt. „Ja, Schlemmer, wie der weltberühmte von dem Hape Kerkeling, nur mit e“, sagt der letzte DDR-Ortsbürgermeister. Er hat seinen Schwiegersohn herumgeführt. Der ist Amerikaner aus Florida und schreibt seine Doktorarbeit über Migration in Europa. „Na, da ist er hier genau richtig“, sagt der Big Leader.

Der Big Leader heißt natürlich nicht so, sondern Jens Meier, 58 Jahre alt, 1,96 Meter groß, eine Hüne von einem Kerl. Aber die Leute im Camp nennen ihn so, Big Leader, was freundlich gemeint ist und respektvoll. Meier ist Geschäftsführer im Camp, das er und alle Camp nennen, weil es netter und griffiger klingt als Asylbewerberheim. Er arbeitet für den Arbeiter-Samariter-Bund Hannover-Land. Anfang Oktober 2015 übernahm er von jetzt auf gleich das Camp, einen flachgezogenen Bürokomplex aus Stahl und Glas, der an einen hypermodernen Wintergarten erinnert und noch vor ein paar Jahren ein großes Inkasso-Unternehmen mit 300 Beschäftigten beherbergte, das nach eigenen Angaben nach Hannover umgezogen ist. Nun also Flüchtlinge betreuen statt Schulden eintreiben.

Grit Richter, parteilose Bürgermeisterin der Gemeinde Amt Neuhaus, zu der die Ortschaft Sumte gehört.  Foto: Honnigfort

Also verwandelte der Big Leader das Inkassohaus über Nacht in ein Camp, ließ aus Büros Wohnräume machen. Mit Toiletten und Waschmöglichkeiten, mit Küchen, Gemeinschaftsräumen und auf dem Flur Platz für Kinder, die auf Inlineskatern ihre Runden drehen. Damals war der Big Leader noch 20 Kilo leichter. Aber 16 Stunden Arbeit am Tag seitdem, kaum Schlaf, der Stress und die Süßigkeiten gegen den Stress...

Alles begann am 5. Oktober. Grit Richter wird den Tag ihr Leben lang nicht vergessen. Sie ist Bürgermeisterin von Amt Neuhaus. Ein Anruf von der Landesregierung in Hannover: Sumte bekomme Flüchtlinge zugewiesen. Bis zu 1000. Ihr blieb fast das Herz stehen vor Schreck. 1000. Was für eine furchtbare Zahl.

Sumte, 102 Einwohner, ist eine von sieben Ortschaften der Gemeinde Amt Neuhaus (4755 Einwohner) im Landkreis Lüneburg. Ostelbisch gelegen, Hochwassergebiet, Biosphärenreservat, bis zur Wende Teil der DDR, danach auf eigenen Wunsch in den Westen rübergemacht. Heute dritt-ärmste Gemeinde in Niedersachsen, 24 Millionen Euro Schulden, ständiger Einwohnerrückgang, wenig Steuern, viele Pendler nach Hamburg, Schwerin und Lüneburg. Alte Bauernhöfe aus rotem Ziegel, Eichen und Buchen, Schafe, Wiesen, Wind, Wind und noch mehr Wind. So sieht es aus.

Dirk Hammer, Feuerwehrmann und Fahrradhändler.  Foto: Honnigfort

102 Einwohner in Sumte und ab November zusätzlich 1000 Flüchtlinge? Zehn zu eins? Grit Richter, 53, parteilos, seit 2011 Bürgermeisterin, blickt hinunter aus dem Rathaus auf den Marktplatz von Amt Neuhaus. Erst mal tief Luft holen. Im Hotel Hannover gegenüber war damals die Bürgerversammlung, kurz nachdem das herausgekommen war mit den 1000 Flüchtlingen. Große Aufregung. „Die Leute waren voller Skepsis, zurückhaltend, einige hatten Angst“, sagt sie. „Es ging hin und her.“ Frauen prophezeiten, sie würden vergewaltigt, niemand wäre mehr sicher. Andere fürchteten, von nun an ständig beklaut zu werden, einige schrien „Diktatur“. Mittendrin saß Alexander Götz vom Innenministerium in Hannover und beantwortete geduldig und saalschlachtenerprobt eine Frage nach der anderen.

Und dann gab es noch eine Bürgerversammlung Ende Oktober in der Sporthalle, weil das Hotel zu klein geworden war für all die interessierten Bürger. Herr Götz beantwortete wieder alle Fragen so gut es ging. Und dann, am 2. November, standen plötzlich zwei Busse mit 50 Flüchtlingen vor dem Camp. Da war es dann passiert.

Und? „Nichts und“, sagt die Bürgermeisterin ein Vierteljahr später. Sie klopft mit der Faust auf ihren Schreibtisch, toi, toi, toi. „Es ist ruhig hier. Nichts ist passiert, überhaupt nichts.“ Keine Nein-zum-Heim-Bewegung? Keine Blockade? Keine Steinwürfe? Kein Brandanschlag? Keine Überfälle? Keine Diebstähle durch Flüchtlinge? Keine Belästigungen? Kein Hass-Geschrei? „Nein, absolut nichts.“

Jens Meier, der Big Leader im Flüchtlingscamp, Geschäftsführer, Arbeiter-Samariterbund, Kreisverband Hannover-Land.  Foto: Honnigfort

Überall im Land gibt es Anschläge auf Flüchtlingsheime, es hat Silvester die Übergriffe von Migranten auf Frauen in Köln gegeben, Pegida und AfD machen Stimmung – und in Sumte ist – nichts? „Nein, nichts,“ sagt Grit Richter, klopft noch einmal besonders heftig auf ihren Schreibtisch und lächelt.

Kurz bevor es dunkel wird, kommt Dirk Hammer auf den Bauernhof gefahren. Der schwarze Renault knirscht in die Parklücke neben dem Haufen alter Fahrräder. Seit mindestens 1674 ist der Hof im Besitz der Familie. Ein Hund großer Hund trottet herbei, legt sich sofort auf den Rücken und will massiert werden. Ein mächtiger Wind lässt die Eichen auf dem Hof brausen.

„Hier ist nichts los“, sagt Hammer, als er das Haus aufschließt. Auch so ein Hüne. „Hier gibt es keine Kneipe, noch nicht ein mal einen Zigarettenautomaten.“ Hammer ist 45, gelernter KfZ-Meister, er handelt mit Zahnriemen und teuren Liegefahrrädern.

Er war einer von denen, die auf der Bürgerversammlung den Mund aufmachten, weil sie Bescheid wissen wollten. Als ein NPD-Mann losschimpfte, fuhr ihm der Feuerwehrmann Hammer dazwischen: „Setz dich hin und sei still!“ Und der NPD-Mann blieb den Rest des Abends ruhig.

„Es ist so“, sagt Hammer: Was die Bundeskanzlerin da seit einem Jahr mache, nein, das könne er auch nicht gutheißen, all die Flüchtlinge ins Land zu holen, ohne die Menschen zu fragen. Aber dagegen könne er ja nun einmal nichts machen, die Flüchtlinge seien jetzt da, ihnen selbst könne man am allerwenigsten einen Vorwurf machen. Und weil sie nun einmal da seien, müsse man ihnen auch helfen, das sei selbstverständlich und Christenpflicht. „Wir wollen hier kein zweites Freital oder ein zweites Heidenau“, sagt er.

Hammer weiß, wovon er redet, wenn er die beiden sächsischen Kleinstädte, in denen es heftige Ausschreitungen gab, zum Vergleich heranzieht. Ein Teil seiner Familie stammt aus der Nähe von Dresden. Als bekannt wurde, dass er sich in Sumte um Flüchtlinge kümmert, hagelte es böse Mails, ein Rechtsextremist aus dem Nachbarkreis bedrohte ihn. Hammer zeigte ihn an. „Von solchen Nasen lasse ich mich nicht einschüchtern“, sagt er.

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Die Fahrräder auf dem Hof hat er aus Hamburg mitgebracht. Sie müssen noch ins Camp. Flüchtlinge können sie benutzen. Vom Camp in Sumte bis zum einzigen Bäcker und Penny-Markt in Amt Neuhaus sind es vier Kilometer. „Die können sich die fertig machen, dann haben sie auch was zu tun.“

Mit den Flüchtlingen, nein, keinen Ärger habe es bislang gegeben, sagt Hammer. Er ist einer der Wortführer im Dorf. Er schimpft ein bisschen über die Medien, die im Herbst nach Sumte kamen, die „New York Times“, jeder deutsche Fernsehsender, Zeitungen, das japanische Fernsehen, „Russia Today“. Die Leute hätten keine Lust mehr, überhaupt noch etwas zu sagen. Er wohl, er wird demnächst auch noch bei Markus Lanz im ZDF sitzen und den friedlichen Kosmos Sumte erklären. „Hier ist wirklich alles normal“, sagt er. „Und alle Welt wundert sich.“

Hammer meint, das liege womöglich auch an der norddeutschen Mentalität. Anders als Sachsen würden Norddeutsche „nicht sofort aus dem Hemd springen“, noch bevor etwas passiert ist. „Erst einmal zuhören, sacken lassen, sich Gedanken machen, dann: reden.“ Eine Bewegung wie Pegida in Dresden, nein, für ihn unbegreifbar.

Es gibt aber auch andere Gründe, Zahlen, beispielsweise. In Sumte sind seit November nie 1000 Flüchtlinge gewesen, man handelte die Landesregierung auf maximal 750 herunter. Meistens sind es um die 600, im Moment 470. Davon viele Frauen, viele Familien, Menschen aus 25 Nationen. Wenig junge Männer. Die zogen gleich weiter nach Schweden, Norwegen oder Dänemark. Vier zu eins, steht es jetzt in Sumte, nie zehn zu eins.

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Und dann gibt es im Camp 66 Arbeitsplätze. In der Küche, in der Krankenstation, im Wachdienst, unter den Betreuern. 40 von 66 kommen aus Sumte und den Nachbarortschaften. „Das sind alles unsere Botschafter“, sagt der Big Leader. Jens Meier ist immer noch in seinem Glasbüro, immer noch nicht nach Hamburg aufgebrochen. Im Zimmer nebenan bietet sein Kollege, der Herr Weise, einen Erste-Hilfe-Kursus für Mitarbeiter und Flüchtlinge an. Man ist beim Kapitel: „Fremdkörper in der Luftröhre“ angekommen, alle blicken gebannt nach vorne, wo Herr Weise wild auf einen Kollegen einklopft.

„40 Botschafter“, sagt Meier. „Die kommen abends heim und erzählen, dass im Camp auch nur Menschen wohnen.“ Sumte sei nun einmal ein Dorf, wo jeder sofort alles wisse. „Nichts bleibt unter der Decke.“

Zwei Vorfälle, habe es gegeben, sagt Meier. Einmal hat ein syrischer Vater seine Tochter auf einer Wiese auf ein Pferd gesetzt, was dort stand. Der Besitzer sei wütend geworden, weil es besondere Pferde waren, angeblich syrische Vollblüter. „Ausgerechnet“, sagt Meier. Er ging mit dem Vater zum Pferdebesitzer und man versprach ihm, es werde nicht wieder geschehen. Ein andermal tranken ein paar junge Männer im Bushaltehäuschen Wodka und warfen die Flaschen auf die Wiese. „Ich bin mit ihnen hin und habe alles eingesammelt. Ist auch nie wieder passiert.“ Nichts von den befürchteten Dingen sei eingetreten. Auch kein Zusammenbruch des ohnehin schwachen Handynetzes, keine überfüllten Wartezimmer beim Arzt, keine Diebstähle im Supermarkt. „Das wüsste ich“, sagt er.

Kein großes Erfolgsgeheimnis - nur tausende kleine

Zu Weihnachten gab es eine Feier im Camp, zu der 100 Leute aus den Nachbardörfern kamen. Rasem, ein 26-jähriger Mathematikstudent und Musiker aus Damaskus, spielte kürzlich im Dorf auf der Kirchenorgel. Der Bäcker im Ort, der Gemeinderat Manfred Ickert, beliefert die Flüchtlinge mit Brot und Brötchen. Die Handwerker aus der Gegend reparieren Elektrik und Sanitäranlagen, vorher verdienten sie gut beim Umbau vom Inkasso-Gebäude zum Flüchtlingsheim. Die Bürgermeisterin würde gerne Flüchtlinge im Ort behalten, als Neubürger. Er, der Big Leader, plant, drei Frauen zu helfen, die sich zu Altenpflegerinnen ausbilden lassen wollen. „Die können wir hier gut gebrauchen.“ Die Sumter wissen mittlerweile, dass von den Flüchtlingen keine Gefahr ausgeht. Und die Flüchtlinge, egal, ob aus Syrien, dem Iran, Afghanistan oder von der Elfenbeinküste, grüßen, wenn sie zum Penny-Markt nach Amt Neuhaus aufbrechen mit einem knappen „Moin!“

Es gibt kein großes Erfolgsgeheimnis. Nur tausende kleine. Bürgermeisterin Richter blickt aus ihrem Fenster. Es ist windig, niemand ist auf den Beinen. „Ich sehe das Ganze positiv. Es hat richtig Charme“, sagt sie über die Verwandlung des Dorfes. „Man muss mit den Leuten reden und reden und darf bloß nichts schönreden“, beschreibt sie ihre kleine Erfolgsmethode, welche auch die Methode von Feuerwehrmann Hammer ist und die vom Big Leader im Camp. Von Leuten, die das hinbekommen, was Kanzlerin Merkel vor Monaten mutig behauptete, als sie sagte: „Wir schaffen das.“

Hinweis der Redaktion: An dieser Stelle hatten wir ursprünglich berichtet, dass das Inkasso-Unternehmen, das zuvor im Gebäude des jetzigen Asylbewerberheims in Sumte ansässig war, in die Brüche gegangen sei. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass dieses Unternehmen noch existiert und lediglich nach Hannover umgezogen ist, so dass der Bericht entsprechend korrigiert wurde.

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Daten: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Stand: 2015, Karte: Monika Gemmer