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Flucht und Zuwanderung

10. Februar 2016

Island: „Wir brauchen einfach mehr Menschen“

 Von Thomas Borchert
Zum Willkommen gezwungen: Premier Gunnlaugsson begrüßt Flüchtlinge am Isländer Flughafen.  Foto: AFP

Islands Regierungschef Gunnlaugsson kann über die Probleme seiner Kollegin Angela Merkel nur lachen. Er hat keine Rechtspopulisten im Nacken sitzen, vielmehr ertrotzen sich die Isländer eine liberalere Asylpolitik.

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Über die Probleme der Kollegin Merkel wegen ein paar Selfies mit einzelnen Asylbewerbern kann Islands Regierungschef Sigmundur Davíð Gunnlaugsson nur lachen. Der gelernte TV-Journalist hat am Flugplatz Keflavik bis zum Abwinken mit allen Flüchtlingen dieses Jahres für Gruppenfotos posiert. Das sollte gegen seinen steilen Absturz in den Umfragen helfen. Nur dass Gunnlaugsson keine „zuwanderungskritischen“ Rechtspopulisten im Nacken sitzen, sondern aus der entgegengesetzten Richtung die junge Piratenpartei mit zuletzt 40 Prozent in den Umfragen.

„Wir müssen Flüchtlingen besser helfen. Außerdem brauchen wir in Island ganz einfach mehr Menschen“, sagt die 26 Jahre junge Piraten-Abgeordnete Ásta Gudrún Helgadóttir. Ganze 35 syrische Quoten-Flüchtlinge konnte der Premier im Januar per Handschlag begrüßen, mehr sind nicht über den halben Atlantik gekommen. Island ist doch ziemlich abgelegen. Im vergangenen Jahr reichten 354 Ankömmlinge Asylanträge ein, 82 wurden bewilligt.

15 000 bieten ihr Heim an

Das nimmt sich bescheiden aus, auch bei insgesamt 330 000 isländischen Bürgern. In diesem Jahr wollte die Mitte-rechts-Regierung 50 Quotenflüchtlinge ins Land holen. Beschämend, dachten 15 000 Isländer und boten bei einer Facebook-Aktion die Aufnahme von Flüchtlingen in den eigenen vier Wänden an. Etliche auch die Übernahme von Flugkosten. Kleinlaut verkündete Gunnlaugsson die Verdoppelung der Quote für dieses Jahr. Vielleicht sogar auf 500 bis 2017.

Handfest und erfolgreich haben Isländer zudem nach dem Jahreswechsel in klirrender Winterkälte gegen die bisher knallharten Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber protestiert. Sie erzwangen Korrekturen. „Unsere Ausländerbehörde hat da mit Prinzipien wie aus der Nazi-Zeit gearbeitet“, sagt die Parlaments-Piratin Helgadóttir.

Beim Umfragen-Hoch der Piratenpartei seit fast einen Jahr ist die Flüchtlingspolitik noch nicht mal ein ausschlaggebender Faktor gewesen. „Die Leute fürchten, dass sich der ganze Mist mit dem Bankenkollaps wiederholt“, sagt die Journalistin Steinunn Stefánsdóttir. Sie verweist auf tiefes Misstrauen gegenüber schon wieder korruptionsverdächtigen Regierungspolitikern. Spekulationsgeschäfte bei explodierenden Immobilienpreisen und ein wilder Bauboom in Reykjavik erinnern an die Zeit vor dem Zusammenbruch des kompletten Bankensektors 2008, als das Land faktisch bankrott war.

Derzeit dominieren Touristen


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Auf Island schlägt nicht nur das Wetter schneller, wilder und unberechenbarer um als anderswo in Europa. Die Wirtschaft ist nach dem Banken-K.O. verblüffend schnell auf die Beine gekommen. 26 Bankmanager sitzen hinter Schloss und Riegel. Die Regierung hat einen fix nach Brüssel geschickten EU-Aufnahmeantrag noch fixer wieder zurückgezogen. Die Fischerei bringt solo wohl doch mehr ein.

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Der Tourismus ist dauerhafter explodiert als 2010 der legendäre Gletschervulkan Eyjafjallajökull. 1,6 Millionen Besucher werden die Insel dieses Jahr förmlich überrennen. Sie ist dank des gescheiterten Größenwahns der Banken angenehm preiswert für Auswärtige. Kräne für den Bau immer neuer Hotels prägen die Skyline der Hauptstadt. Die Kapazität des Flugplatzes Keflavik soll schleunigst auf sechs Millionen Reisende pro Jahr verdoppelt werden. Vernünftig reguliert ist das alles genauso wenig wie anderswo die Flüchtlingsströme.

„Ich erkenne mein Land nicht wieder,“ seufzen Einheimische gern über das ziemlich veränderte Alltagsgefühl. In Reykjavik dominieren Touristen das Straßenbild jetzt auch im Winter bei zehn bis zwanzig Grad Frost. Steinunn Stefánsdóttir gehört nicht zu denen, die klagen: „Fantastisch, dass jetzt so viele Menschen für Leben sorgen. Wir sind ja so wenige.“

In ihrer Heimatstadt Akureyri sieht es Bürgermeister Eirkíkur Björn Björgvinsson für die hier erwarteten vier Flüchtlingsfamilien ähnlich. Er sagte der Zeitung „Morgunbladid“: „Wir hatten reichlich Zeit, uns auf ihre Ankunft vorzubereiten. Jetzt können wir es nicht erwarten, sie hier willkommen zu heißen.“

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