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Flucht und Zuwanderung

20. Oktober 2015

Jugend in Afghanistan: Der Massenexodus vom Hindukusch

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Der Treck der Flüchtlinge hat die mazedonisch-serbische Grenze überquert. Die meisten dieser Menschen kommen aus Syrien – und aus Afghanistan.  Foto: AFP

Afghanistans Jugend hat den Glauben an eine friedliche Zukunft längst verloren. Zu Tausenden machen sich die jungen Menschen deshalb auf den gefährlichen Weg nach Europa.

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Kabul –  

Die hochgewachsene Farkunda steht in ihrem schwarzen Kostüm am Ende der Warteschlange vor Kabuls Passamt. Etwa 200 Frauen sind vor ihr. „Ich will nach Usbekistan“, sagt sie, „ich werde heiraten und dort hinziehen.“ Ein aufgeregter Polizist eilt herbei und unterbricht das Gespräch. Er will nicht, dass Männer in aller Öffentlichkeit mit den wartenden Frauen reden. Auf der anderen Straßenseite windet sich die Warteschlange der Männer um zwei Häuserblocks. Es ist sieben Uhr morgens. Das Passamt öffnet erst in einer Stunde. Irgendwo in der Mitte der ordentlichen Reihe bewahrt der 23-jährige Shahzad seine Engelsgeduld. „Ich weiß nicht, ob ich heute noch drankomme“, sagt der junge Mann aus Kabul, „wenn nicht, muss ich morgen früh eben um drei Uhr wiederkommen.“

Es gibt nur drei Plätze, an denen sich derzeit in der afghanischen Hauptstadt Kabul in aller Herrgottsfrühe so viele Menschen versammeln. An der Ausfallstraße Richtung Masar-i-Scharif warten täglich Hunderte von Handlangern vergeblich auf Arbeit. Selbst die Drogenbarone setzen ihr Geld nicht mehr für den Bau neuer Gebäude ein. An einem Busbahnhof im Westen von Kabul drängeln sich Passagiere, die in die Nimrus-Provinz fahren. Und vor dem Passamt warten Afghanen auf einen neuen, elektronisch lesbaren Reisepass.

Shahzad will nach Teheran. „Ich möchte studieren und mich fortbilden“, sagt er. Mohammed Ahmed kann sich angesichts des frommen Wunschs des jungen Mannes nach besserer Bildung kaum das Lachen verkneifen. Er sitzt an diesem frühen Morgen an einem Tisch zwischen geparkten Autos. Eine Batterie speist eine Glühlampe und einen Fotokopierer. In dem Freiluftbüro unter einem schattigen Baum können Afghanen, die einen neuen Pass beantragen, die nötigen Formulare ausfüllen lassen und Urkunden fotokopieren. „Meine Kunden wollen alle nach Europa“, sagt Ahmed.

Ein paar Kilometer weiter hocken an der Bushaltestelle in die Provinz Nimrus etwa 50 Männer und sechs Frauen in einem alten Mercedes-Bus und warten auf die Abfahrt. Laut Berichten sollen die radikalislamischen Talibanmilizen seit ein paar Tagen hinter der Stadt Ghasni die Straße blockieren. Die Passagiere wollen dennoch los. Sie übernachten lieber ein paar Nächte auf der Straße, als weiter im teuren Kabul zu bleiben.

30 Busse sind seit ein Uhr morgens losgefahren, das zumindest sagt der Fahrer des schrottreifen Mercedes-Vehikels, das immer noch deutsche Kennzeichen trägt. „Das geht seit März so“, erzählt der Busfahrer Nisram Ahmed. Ziel ist die Provinzhauptstadt Sarandsch. Dort wartet am Stadtrand der Besitzer eines schmuddeligen Restaurants aus Lehmwänden auf die Reisenden. Für ein Entgelt von 30 000 Afghanis (circa 500 US-Dollar) bringt er seine Kunden auf Schleichwegen in den Iran. Anschließend müssen sich die Passagiere bis Teheran durchschlagen. Es ist kein einfaches Unterfangen. Irans Sicherheitskräfte schicken Afghanen häufig zurück über die Grenze. Wer es bis Teheran schafft, kontaktiert kurdische Schlepper. Sie bringen ihre Kundschaft auf Europareise mit einem acht- bis neunstündigen Gewaltmarsch über die Berge in die Türkei. Der Weg hat den Ruf, weitaus gefährlicher zu sein als die Überquerung des Meeres zwischen der Türkei und Griechenland. Hin und wieder werden Grenzgänger sogar erschossen.

Neun Monate nach dem Abzug westlicher Kampftruppen vom Hindukusch erlebt Afghanistan eine Auswanderungswelle ungeahnten Ausmaßes. Analphabeten packen ihre Bündel und machen sich mit Bussen auf die Reise. Universitätsabgänger besorgen sich Pässe und ein reguläres Iran-Visum, bevor sie sich auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa machen.

Präsident Aschraf Ghani und sein Vorgänger Hamid Karsai stemmen sich gegen die Massenflucht vom Hindukusch und rufen ihre Landsleute im Fernsehen regelmäßig zum Bleiben auf. Aber auf den Appell, man brauche Afghanistans Jugend für den Aufbau des Landes, hält einer der Passagiere im Bus nach Nimrus eine knappe Antwort bereit. „Ghani kann Afghanistan für sich alleine haben“, ruft er.

„Wenn ich auf die Straße schaue, sehe ich keine jungen Leute mehr“, sagt der 53-jährige Nur Ullah auf dem großen Basar in Kabul. Er muss es wissen, denn er gewinnt jeden Tag einen guten Überblick aus dem Fenster seines Ladens in der ersten Etage. Nur Ullah verkauft traditionelle Festkleider für Frauen. Sein Ältester spielt in einer Ecke gelangweilt auf einem Telefon herum. „Er will auch gehen“, sagt Nur Ullah, „aber er ist mein Ältester.“ Die restliche Familie scheint längst über die halbe Welt verteilt. Eine Schwester lebt in Schweden. Zwei Neffen sind irgendwo unterwegs zwischen der Türkei und Deutschland. Ein Verwandter hat es gar bis nach Kanada geschafft.

„Keiner besitzt mehr Vertrauen in Afghanistans Zukunft“, sagt Nur Ullah. Sein Telefon piepst mit der Nachricht, dass irgendwo in Kabul schon wieder eine Bombe explodiert ist. „Wir wollen alle, dass unsere Kinder eine sichere Zukunft haben“, sagt der Mann und steckt sich in der verstaubten Luft des Basars eine Zigarette an, „sie sollen ein Leben ohne Angst haben“.

Der 35-jährige Mohammed Amid, von Beruf Reiseunternehmer, lächelt angesichts solcher Begründungen für die afghanische Völkerwanderung gen Westen. „Viele Leute glauben, dass die Zeit eilt“, sagt er, „es gibt das Gerücht, dass nach Weihnachten Europas Grenzen wieder dichtgemacht werden.“ Je mehr Europas Politiker über Abschottung reden, umso stärker wird der Flüchtlingsstrom.

Reiseunternehmer Amid gibt seinen Kunden sogar einen Rat. „Die gefährlichste Passage ist der Marsch durch die Berge vom Iran in die Türkei. Die beste Route lautet: irgendwie nach Istanbul und von dort über Land weiter.“ Die beliebtesten Ziele seien „London, Schweden und Deutschland“. Manche Flüchtlinge aus Afghanistan sind mittlerweile sogar am nördlichsten Grenzübergang Norwegens nach Russland aufgetaucht – auf dem Fahrrad, denn laut Moskaus Vorschriften dürfen dort keine Fußgänger die Grenze überqueren.

„Mein Geschäft boomt schon seit 18 Monaten“, sagt Amid. Schon lange vor dem Abzug der westlichen Kampftruppen vom Hindukusch wussten viele Afghanen, dass ihre Zukunft entgegen allen Versicherungen westlicher Staaten auf des Messers Schneide stehen würde. Amid hilft Afghanen, ein legales Visum für den Iran zu ergattern. Die Einreiseerlaubnis scheint allein eine Frage des Geldes zu sein. „Ein Visum kostet 450 Euro“, sagt der Reiseunternehmer, „außerdem müssen pro Tag Aufenthalt im Iran 300 Euro Pfand hinterlegt werden, die bei der Rückkehr zurückgezahlt werden.“ Dollars sind wegen immer noch bestehender US-Sanktionen verpönt. Doch kaum jemand holt sich in diesen Tagen sein Depot zurück. „Ich weiß, dass die Botschaft des Iran in Kabul täglich 1000 Anträge entgegennimmt“, sagt Amid.

Die Flucht nach Europa ist nicht nur für den Iran ein lohnendes Geschäft. Amid rattert die Visapreise anderer Länder herunter: „Ein Türkei-Visum kostet 6000 bis 7000 US-Dollar. Es ist über die Leute des afghanischen Vizepräsidenten Rashid Dostum, einem Verbündeten von Ankara, zu bekommen. Ein Schengen-Visum gibt es für 27 000 US-Dollar.“

Ob solche Papiere gefälscht sind, ist unklar. Jedenfalls zahlen die meisten Afghanen, die solche Summen aufbringen, erst nach ihrer Ankunft in Deutschland. Jeder Flüchtling macht sich mit einer Zahlenkombination auf den Weg, die er nach Ankunft in Europa seiner Familie übermittelt.

Deutsche Visa stehen ebenfalls zum Verkauf auf dem Schwarzmarkt. Der Preis: 15 000 bis 18 000 US-Dollar. „Wir sind sicher, dass kein Visum schwarz aus der Botschaft gelangt“, heißt es nach Überprüfungen durch das Berliner Auswärtige Amt. Amid bestätigt die Aussage: „Deutschland-Visen werden auf dem Umweg über Indien besorgt.“

Viele afghanische Familien setzen für die Flucht ihre Existenzgrundlage aufs Spiel. Sie verscherbeln ihr Land, ihre Häuser, obwohl es kaum noch Käufer gibt. Oder sie versetzen den Familienschmuck. Und sie wissen, dass auf Jahre kein Geld aus Europa zurückkommen wird. „Ich habe nur noch Leute, die verkaufen wollen“, sagt der Goldhändler Wali Akhundzai auf dem Basar von Kabul. Zum Abschied klammert er die Hand seines Besuchers fest. Der Händler will noch eine Bitte loswerden. „Können sie meinen zwölfjährigen Sohn mit nach Deutschland nehmen?“

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