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Flucht und Zuwanderung

10. Februar 2015

Kosovo: Kosovo-Albaner sehen keine Perspektive

 Von 
Flucht über die ungarisch-serbische Grenze durch einen Wassergraben.  Foto: REUTERS

Ob mit Bussen, Taxis oder privaten Autos: Tausende Kosovo-Albaner flüchten aus ihrem Land. Über den Anlass für den plötzlichen Exodus herrscht Unklarheit. Die wirtschaftliche Lage spielt eine Rolle. Manch Politiker vermutet aber auch einen „organisierten Plan“.

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Es sind Szenen wie aus einem Kriegsgebiet: Familien mit großen Taschen kauern auf verschneitem Feld beim ungarischen Ort Ássothalom, Grenzpolizisten durchstreifen die Reihen. Nur am vergangenen Samstag hat die ungarische Polizei 1022 illegale Grenzgänger aufgegriffen, darunter 991 Kosovo-Albaner. Täglich verlassen zehn Reisebusse mit Auswanderern den Busbahnhof in Pristina. Im Kosovo und in Serbien ist von einem „Massenexodus“ die Rede.

Nicht nur mit Bussen, auch mit Taxis und privaten Autos verlassen Albaner in diesen Tagen zu Tausenden ihr Land. Sie flüchten vor der zunehmend desaströsen Wirtschaftslage. Allein im Monat Januar hat die kosovarische Grenzpolizei um 30 000 mehr Aus- als Einreisen registriert. Nach Zahlen aus dem Kosovo sind im vergangenen halben Jahr 50.000 Menschen emigriert, davon 35.000 in den letzten 45 Tagen. Die Hauptzielländer sind Deutschland, die Schweiz und Österreich.

Seit Anfang Dezember die neue Regierung gebildet wurde, hat offenbar die Mehrheit der Kosovaren jede Hoffnung auf Besserung der Lage verloren. Zwar liegt die offizielle Arbeitslosenrate im Land mit rund 27 Prozent auf dem in der Region durchschnittlichen Niveau. Nicht mitgezählt sind dabei aber die vielen „zu vorübergehendem Aufenthalt“ im Ausland lebenden Kosovaren. Rechnet man nur die im Lande Verbliebenen, liegt die Rate zwischen 50 und 60 Prozent. Nach Berechnungen der Hilfsorganisation „Mutter Teresa“ leben 18 Prozent der etwa 1,8 Millionen Einwohner des Kosovo mit einem Einkommen von weniger als 90 Euro-Cent pro Tag in extremer Armut; weitere 28 Prozent leben von weniger als 1,40 Euro. Gesundheitsversorgung ist meistens nur gegen Bargeld erhältlich.

Zehntausende Kosovaren versuchen über Serbien die EU zu erreichen. Nach Überqueren der ungarisch-serbischen Grenze wärmen sich diese Flüchtlinge erst einmal an einem Feuer auf.  Foto: REUTERS

Der Weg in ein westliches EU-Land oder in die Schweiz führt meistens über Serbien und Ungarn. Nach Serbien, das den seit sieben Jahren unabhängigen Staat noch immer als Teil des eigenen Landes betrachtet, können Kosovaren ohne Pass einreisen. An der Grenze bekommen sie ein Einreisepapier ausgestellt, das zu einem einwöchigen Aufenthalt berechtigt. Weil Kosovo-Busse neuerdings am Grenzübergang zu Serbien aufgehalten werden, schlagen sich viele Albaner inzwischen auf eigene Faust über die serbische Grenze in die Kleinstadt Bujanovac durch. Von dort fahren serbische Busse über Nacht die 600 Kilometer lange Strecke zur ungarischen Grenze bei Subotica – Frauen und Kinder auf den Sitzplätzen, Männer im Stehen. Ein Taxi von Grenze zu Grenze kostet pro Person 300 Euro.

Für die EU und damit auch für Ungarn brauchen Kosovaren als einzige Südosteuropäer ein Visum. Um frei nach Westen reisen zu können, beantragen viele Pässe der Republik Serbien, die sie offiziell als ihre Staatsbürger betrachtet; die Rede ist von 60 000 Anträgen. Wer einen maschinenlesbaren Pass will, der allein zur Einreise in den Schengen-Raum berechtigt, muss aber einen Wohnsitz in Serbien nachweisen – eine Hürde, die gegen Entgelt leicht zu nehmen ist.

Reporter der kosovarischen Zeitung „Zeri“ (Die Stimme) haben die Emigranten begleitet. „Meine Eltern sind krank“, erzählte der 16-jährige Ardian aus einem Dorf bei Gjilan. „Geld haben wir überhaupt keines.“ Wenn er ins Gefängnis müsse, sei ihm das egal. „Da gibt es wenigstens etwas Warmes zu essen.“ An der Grenze angekommen, übernachten die Ausreisewilligen in einer von mehreren heruntergekommenen Pensionen. Lokale Schleuser teilen sie in Gruppen von 20 bis 30 Personen auf. Der Transit in das ungarische Komitat Csongrád, zu Fuß und in der Nacht, kostet 250 Euro.

Die serbische Polizei hat in der vergangenen Woche etwa 500 Grenzgänger aufgegriffen, meist mit Nachtsichtgeräten. Wer festgenommen wird, kommt vor den Untersuchungsrichter. „Wir verhören Tag und Nacht“, sagt ein Richter; in der vergangenen Wochenendschicht waren es 173 Personen. Illegaler Grenzübertritt gilt als Vergehen und wird mit Geldstrafe geahndet. „Viele sind darauf vorbereitet und haben das Geld dabei“, sagt der Richter. In Ungarn angekommen, können die Flüchtenden nicht zurückgeschickt werden, denn mit Kosovo-Pass dürfen sie nicht nach Serbien einreisen.

Jüngst haben Kosovaren einen neuen Fluchtweg aufgetan, wie montenegrinische Behörden melden: Eine unbestimmte Zahl von Kosovaren kommt über Albanien in das Land und zieht von dort weiter nach Bosnien oder gleich ins EU-Kroatien.

Staatspräsidentin Atifete Jahjagaj hat an ihre Landsleute appelliert zu bleiben. Oppositionsführer Ramush Haradinaj hat sich sogar am Busbahnhof eingefunden, um die Kosovaren von der Ausreise abzuhalten. Unter den Flüchtlingen des vergangenen halben Jahres sollen nach kosovarischen Zahlen auch 6000 Schüler sein. Die Regierung will mit einem wirtschaftlichen Notprogramm helfen. Diskutiert wird ein Schuldenschnitt für Privatleute und Unternehmen.

Über den Anlass für den plötzlichen Exodus herrscht Unklarheit. Es sei zum einen die wirtschaftliche und politische Lage, sagt die Politologin Vjollca Hajdari, andererseits vermutet sie auch einen „organisierten Plan“. Für Busunternehmen und Hoteliers sei die Flucht ein gutes Geschäft.

Ein Interesse an einer Massenpanik könnten nach den aktuellen Gerüchten in Pristina sowohl die serbische als auch die kosovarische Regierung haben: Belgrad kann damit zeigen, dass der junge Staat nicht funktioniert, und Pristina könnte mit den enormen Auswandererzahlen Druck auf die EU ausüben, den Kosovaren endlich Reisefreiheit zu gewähren. Gerade die Visumpflicht befördere die Emigration, meint der Analyst Adriatik Kelmendi: „Wer keine Papiere hat, bleibt so lange im Gastland, bis er welche hat.“ Andere wiederum müssten lange im Ausland bleiben und dort arbeiten, um so das Darlehen für ihre Flucht zurückzahlen zu können. Zahlungen von Verwandten aus dem Ausland sind im Kosovo inzwischen die wichtigste Einnahmequelle.

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Im Dezember hat das Kosovo nach sechsmonatigem Tauziehen endlich eine neue Regierung bekommen. Nach der Wahl im Juni hatte sich zunächst ein Bündnis für einen Machtwechsel gefunden. Auf Druck der westlichen Schutzmächte wurde es dann aber eine große Koalition.

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