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Flucht und Zuwanderung

23. November 2015

Migration: „Klimawandel wird Flüchtlingsströme verursachen“

 Von 
Binnenflüchtlinge in Darfur. Der Kampf um knappe Ressourcen nach Dürren und Umweltkatastrophen wird nicht allein im Südsudan mit Gewalt ausgetragen. Mohamed Abdallah /rtr  Foto: REUTERS

Der Sozialpsychologe Professor Harald Welzer spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über neue Kriege, knappe Ressourcen und die notwendige Abkehr vom westlichen Lebensstil.

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Herr Welzer, Sie haben vor in einem Buch vor „Klimakriegen“ gewarnt. Kann der Klimagipfel in Paris, der nächste Woche beginnt, ein solches düsteres Szenario verhindern?
Nein, leider nicht. Handeln und Wirkung fallen bei der Klimathematik weit auseinander. Die Veränderungen, die wir heute sehen, gehen auf Emissionen zurück, die vor 30, 40 Jahren ausgestoßen wurden. Für Paris heißt das: Wenn es dort gelingen sollte, ein Einbremsen des Anstiegs des CO2-Ausstoßes zu vereinbaren, ändert sich am aktuellen Treibhausgas-Niveau vorerst nichts, der Ausstoß wächst sogar erstmal weiter, nur die Steigerung soll irgendwann nach 2020 zurückgehen. Was wir heute tun, wirkt erst in Jahrzehnten. Das heißt allerdings keineswegs, dass man nichts tun soll. Im Gegenteil.

Klimaexperten vermeiden das Wort „Katastrophe“, um nicht als Alarmisten zu gelten. Ihre Warnung lässt sich aber durchaus so verstehen...
Das Wort „Katastrophe“ verwende ich nicht. Die Klimaveränderungen wirken sich nämlich je nach Weltregion unterschiedlich aus. In reichen Ländern mit funktionierender Staatlichkeit, mit gutem Katastrophenschutz, Hilfssystemen wie Feuerwehr und THW sowie einem funktionierenden Medizinwesen können die Folgen etwa von Hitzewellen oder Überflutungen relativ gut beherrscht werden, anders als in armen Ländern, wo es das alles nicht gibt. Hinzu kommt ungerechterweise, dass die Folgen der Erwärmung in den reichen Staaten im Norden ohnehin weniger dramatisch ausfallen als in den Entwicklungsländern im Süden. Dürren, Stürme, Überschwemmungen sind in den Industriestaaten weniger intensiv, dabei haben sie historisch am meisten zum Klimawandel beigetragen.

Aber auch Europa hat bereits eine Hitzewelle erlebt, die kontinentweit rund 70 000 vorzeitige Todesfälle verursacht hat, vor allem unter älteren und kranken Menschen. Es war das Jahr des „Supersommers“ 2003.
Natürlich gibt es auch bei uns drastische Folgen. Und die Veränderungen kommen schneller als bisher erwartet. Trotzdem kann ein Land wie Deutschland besser reagieren. Zudem sind hier nicht jene Sekundärfolgen zu erwarten wie etwa in Subsahara-Afrika. Hungersnöte durch Dürren und Landverlust können in Ländern, in denen es ohnehin kaum funktionierende Strukturen gibt und die von Korruption geprägt sind, Migration oder sogar Kriege auslösen. Der Ausbruch des Darfur-Konflikts in Sudan 2003 ist ein Beispiel dafür.

Es gibt Hinweise, dass Klimaveränderungen den Syrienkrieg und damit den aktuellen Flüchtlingsstrom mit verursacht haben könnten. Wie ist ihre Einschätzung?
Es spricht viel dafür, dass die jahrelang anhaltende Trockenheit in Syrien einer von mehreren Faktoren war, die die Kämpfe auslösten. Es gibt sogar die These, dass die gesamte Arabellion dadurch mitverursacht wurde – durch geringe Ernten mit der Folge von Nahrungsmittelknappheit und dann hohen Preise, die zum Aufstand führten. Aber Vorsicht: Monokausal kann man diese Konflikte nicht erklären. Sicher ist indes, dass wir es künftig häufiger mit dem Klimafaktor zu tun haben werden.

Zur Person

Prof. Dr. Harald Welzer ist Sozialpsychologe, Bestsellerautor sowie Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung „Futurzwei“, die sich das Aufzeigen und Fördern alternativer Lebensstile und Wirtschaftsformen zur Aufgabe gemacht hat. Seine heutigen Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen im Bereich der Transformationsforschung.

Er hat Soziologie, Politische Wissenschaft und Literatur studiert und lehrt heute Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg und Sozialpsychologie an der Universität St. Gallen. Welzer ist zudem Mitglied im Rat für nachhaltige Entwicklung.

Seine bekanntesten Bücher: „Opa war kein Nazi“ (2002), „Klimakriege“ (2008), „Soldaten“ (2011) und „Selbst Denken“ (2013).

Welche Regionen sind für klimabedingte Migration besonders anfällig?
Vor allem Afrika und Teile Asiens, vermutlich auch größere Gebiete Südamerikas. Derzeit wird die Zahl der Flüchtlinge weltweit auf 60 Millionen geschätzt, die meisten von ihnen kommen aus Regionen, in denen die Umwelt stark geschädigt ist, wo etwa die Wüstenbildung voranschreitet oder Überschwemmungen Zerstörungen angerichtet haben, oder aber, wo sie wegen großflächigen Monokulturen vertrieben wurden. Die Menschen gehen dorthin, wo sie hoffen, besser überleben zu können.

Muss Europa sich auf weitere Migrationswellen einstellen – oder ist die Syrienflucht ein Ausreißer?
Das ist kein Ausreißer. Es ist auch keine Krise. Denn Krise würde bedeuten: Es handelt sich um einen vorübergehenden Zustand, der über kurz oder lang beendet ist. Das wird nicht so sein. Die Syrien-Flucht ist primär eine Kriegsfolge. Aber ich sehe keine Grund, wieso die Kriegsfolgen in absehbarer Zeit weniger werden sollten. Weitere Flüchtlingsströme werden deswegen aus dieser Region oder zum Beispiel Afghanistan auf uns zukommen. Und dazu kommen dann noch die Verstärkung durch die Folgen des Klimawandels.

Ist das, was wir jetzt erleben, eine Zeitenwende?
Das hört sich zu dramatisch an. Die Zeitenwende ist ja inzwischen permanent. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass die Zeiten stabil sind. Schaut man sich die letzten 25 Jahre an, findet man andauernd dramatische Veränderungen – Kosovo-Krieg, Nine Eleven, Irak-Krieg, Afghanistan-Konflikt, Arabellion, Syrien-Krieg, Ukraine-Konflikt, Rückkehr des Kalten Krieges, Ressourcen-Konflikte, Klimawandel, IS, Terrorismus. Die stabile Phase zwischen 1945 und 1989 mit einer bipolaren Weltordnung war vermutlich eine historische Ausnahme. Eine Rückkehr dazu halte ich für sehr unwahrscheinlich.


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Das ist Zukunftspessimismus.
Nein, Realismus. Es wäre aber auch falsch, die Welt in einer Art Dauerkrise zu sehen. Wir haben durchaus große zivilisatorische Fortschritte erreicht. Es gibt die Menschenrechte, es verhungern weniger Leute als früher, mehr Kinder als jemals zuvor gehen zur Schule. Auch die kürzlich erfolgte Verabschiedung der globalen Nachhaltigkeitsziele durch die UN ist ein großer historischer Fortschritt. Doch gleichzeitig gibt es Staatenverfall und eine völlig verfehlte Energie- und Ressourcenpolitik der Industrie- und Schwellenländer. Und es gibt internationale Konzerne wie Monsanto oder Nestlé, die sich einen Dreck um humanitären Fortschritt kümmern. Das alles läuft parallel.

Die Industrieländer haben bereits 2009 auf dem Kopenhagen-Gipfel versprochen, die Hilfen für Klimaschutz und -anpassung in den Entwicklungsländern deutlich zu erhöhen und ab 2020 rund 100 Milliarden Dollar jährlich dafür aufzubringen. Wie stehen die Chancen dafür? Und reicht das Geld überhaupt?
Schwierig zu sagen. Bisher kam man nie in die Lage festzustellen, ob das Geld reicht. Die bisherigen Zusagen wurden von den Industrieländern ja nie voll eingelöst. Es wäre schön, die Probe aufs Exempel endlich einmal machen zu können. Tatsächlich muss aber ein ganz anders Problem gelöst werden: nämlich die weltweite Implementierung eines nicht nachhaltigen Lebensstils. Die Entwicklungs- und Schwellenländer kopieren ihn eins zu eins von den Industriestaaten – von Ernährung über Wohnen bis Mobilität. China hat binnen 20 Jahren das Fahrrad durch das Auto ersetzt. Statt zu fahren, steht man im Stau – und produziert Smog. Innerhalb dieses Szenarios durch Geldtransfers Folgen abmildern zu wollen, ist idiotisch. Man muss erkennen: Es macht keinen Sinn, diese falschen Lebensstile weltweit zu installieren. Lasst uns andere Lösungen für Mobilität finden.

Die Entwicklungsländer brauchen Geld, um direkt auf erneuerbare Energien umsteigen zu können und sich an den Klimawandel anzupassen – durch Deichbau, veränderte Landwirtschaft, bessere Medizin-Versorgung. Das abzustreiten, wäre zynisch.
Natürlich brauchen sie das Geld. Aber selbst große Summen verläppern sich, wenn gleichzeitig der ganze Zug in die falsche Richtung fährt.

„China hat binnen 20 Jahren das Fahrrad durch das Auto ersetzt. Statt zu fahren, steht man im Stau – und produziert Smog.“  Foto: dpa

Wo könnte das Geld herkommen?
Die reichen Gesellschaften müssen bezahlen. Deren Politiker müssen sich zusammensetzen und beschließen, wer wie viel gibt. Ganz einfach. Für die Bankenrettung war das Geld auch da, wesentlich mehr übrigens.

Eigentlich nicht. Man kann beim Klimawandel Ursache und Wirkung genau identifizieren. Es ist auch klar, wie dem Problem beizukommen wäre. Nämlich, indem man die Energienutzung reduziert und die Energiegewinnung transformiert – von den nicht erneuerbaren zu den erneuerbaren Energien. Über die Transformation wird zwar viel gesprochen, doch niemand geht das Hauptproblem an: Die Steigerung von Produktion, Konsum und Mobilität. Der Grund dafür ist: Es handelt sich dabei um den Identitätskern unserer Form von Gesellschaft – alles muss wachsen, alles muss mehr werden. Dazu kann man nur sagen: Leute, damit kommt ihr nicht durch das 21. Jahrhundert. Ohne das zu ändern, wird man nicht zukunftsfähig, da kann man sich noch so viele Ziele setzen.

Also statt Klimagipfel besser Degrowth-Gipfel?
Die Frage ist: Wie finde ich Ansatzpunkte, die Menschen in den reichen Gesellschaften dazu zu bringen, ihren Lebensstil zu ändern. Das geht nur im Aufzeigen von konkreten Alternativen. In dem man Beispiele populär macht, wo Menschen heute schon anders leben und arbeiten – und siehe da: Es geht ihnen trotzdem gut. Oder gerade deswegen.

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Sie glauben, die Beispiele sind so attraktiv, dass irgendwann alle mitmachen?
Das interessiert mich nicht. Denn: Ob alle irgendwann mitmachen, ist egal. Wenn man sich das fragt, würde man erst gar nicht mit dem Anders-Leben beginnen.

Es muss aber doch ein Umschlagspunkt in Sicht sein, der Moment, an dem die Minderheit zur Mehrheit wird.
Falsch. Dann hätte es keine Arbeiterbewegung gegeben. Als die begann, war nicht klar, dass sich mal der Acht-Stunden-Tag, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und ein Rentensystem durchsetzen würde. Man hat trotzdem damit angefangen. Es hätte auch keine Frauenbewegung gegeben und keine Bürgerrechtsbewegung. Es sind Prozesse, es geht um eine konkrete Veränderung der Lebenspraxis, die daraus entstehenden ökonomischen und kulturellen Wandlungsprozesse und, darauf aufbauend, Forderungen an die Politik. Man muss das tun, was man für richtig hält, und hoffen, dass es auch das Richtige ist.

Wenn die Öko-Energien weiter so schnell billig werden wie in den letzten Jahren, könnte sich das CO2-Problem fast von selbst lösen, weil sie Kohle, Erdöl und Erdgas aus dem Markt drängen. Klimagipfel mit 20 000, 30 000 Teilnehmern wäre überflüssig...
Ich glaube, man braucht die Gipfel doch. Einfach, weil sie das Thema auf der Agenda halten und Aufmerksamkeit erzeugen. Sonst passiert, was mit der deutschen Energiewende passiert ist. Die Menschen glauben, das macht nun der Staat, wir müssen uns nicht darum kümmern. Aber das ist falsch. Denn gesellschaftliche Modernisierung kann nur mit den Bürgern gelingen und nicht alleine von Experten und Technokraten gemacht werden.

Bisher hat es 20 Klimagipfel gegeben. Die CO2-Emissionen sind seither global um 60 Prozent gestiegen. Was wäre denn ein gutes Ergebnis von Paris?
Ich würde besonders darauf schauen, was auf der Straße passiert. Nun haben wir leider nach den Anschlägen in Paris dafür eine schlechte Situation. Schaffen die NGOs es trotzdem, Druck auf die Konferenz für eine echte Wende in der Klimapolitik zu machen?

Fahren Sie denn selbst nach Paris?
Ja. Gerade jetzt.

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Daten: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Stand: 2015, Karte: Monika Gemmer