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Flucht und Zuwanderung

02. Februar 2016

Minderjährige Flüchtlinge : In den Fängen von Kriminellen

 Von 
Auf der Flucht sind Kinder und Jugendliche besonders gefährdet. Tausende verschwinden unterwegs.  Foto: REUTERS

Allein in Italien sind 5000 minderjährige Flüchtlinge untergetaucht. Viele Mädchen landen in der Prostitution, Jungen werden als Billigarbeiter ausgebeutet.

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Rom. –  

Die Afrikanerinnen, die mitten am Tag an der von Pendlern befahrenen Via Tiberina hinter Roms Stadtgrenze stehen, sind auffallend jung. Viele der knapp bekleideten und stark geschminkten Prostituierten sehen aus, als seien sie noch lange nicht volljährig. Wie so viele junge Flüchtlinge und Migranten sind sie vermutlich Opfer von Menschenhändlern geworden.

Die Hilfsorganisation Save the Children Italien hat schon vor Monaten einen Report veröffentlicht, der „Kleine unsichtbare Sklaven“ heißt und die Ausbeutung minderjähriger Flüchtlinge im Land beschreibt. Es handelt sich um Kinder und Jugendliche, die allein über das Mittelmeer gekommen sind und meist aus Afrika und arabischen Ländern stammen. In Italien waren es im Vorjahr mehr als 12 000, in der Mehrzahl im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Aber auch Neunjährige sind darunter. Kurz nach der Ankunft und Registrierung durch italienische Behörden setzen sich viele von ihnen ab, ihre Spur geht verloren. Laut Europol sind in den vergangenen 18 bis 24 Monaten nach vorsichtigen Schätzungen allein in Italien mehr als 5000 minderjährige Flüchtlinge verschwunden. Das Risiko, dass sie in die Hände von Kriminellen geraten, ist hoch.

Mit falschen Versprechen nach Europa gelockt

Im Report von Save the Children ist ein langes Kapitel den afrikanischen Mädchen gewidmet, die Opfer von Zwangsprostitution sind. Fast alle stammen aus Nigeria und sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. Meist Analphabetinnen aus armen ländlichen Gegenden, werden sie von Menschenhändler-Banden mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft und guten Verdienst nach Europa gelockt. Sie träumen davon, als Friseurin, Model, Babysitter oder Verkäuferin zu arbeiten. Einige wissen allerdings auch, dass sie in Wahrheit ihren Körper verkaufen sollen.

Die Schlepper schließen einen Vertrag mit den Familien, der mit Voodoo-Ritualen besiegelt wird, was später zur psychologischen Erpressung der Mädchen dient. Während der Reise von Nigeria über Libyen nach Italien werden sie von einer kriminellen Organisation an die nächste verkauft und vergewaltigt. Ihnen wird eingetrichtert, dass sie sich rasch absetzen sollen, nachdem sie in Italien gelandet sind.

Sie werden in Gruppen zusammengepfercht und stehen unter der Kontrolle von „Mamans“ genannten nigerianischen Frauen, die für die kriminellen Banden arbeiten. Dann werden sie auf die Straßenstrichs von Großstädten wie Rom, Neapel, Bari oder Turin geschickt. Von jedem der Mädchen verlangen die Menschenhändler, innerhalb weniger Jahre Schulden zwischen 30 000 und 60 000 Euro zurückzuzahlen, heißt es im Report.

Mädchen sind unter den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aber eine Minderheit. Im vergangenen Jahr stellten sie nur fünf Prozent der Neuankömmlinge in Italien. Die weitaus größte Gruppe besteht aus jungen Ägyptern. Laut Sozialministerium in Rom kommen mehr als ein Viertel der Flüchtlingskinder aus dem nordafrikanischen Land. Arme Familien aus dem Nil-Delta oder Oberägypten verschulden sich, um den Söhnen die Fahrt auf den Schlepperbooten nach Italien zu zahlen. Auch Zwölfjährige stehen dann unter dem Druck, rasch Geld nach Hause zu schicken. Deshalb laufen sie nach kurzer Zeit aus den Unterkünften für minderjährige Flüchtlinge davon und tauchen unter. Die meisten landen als illegale Billigarbeitskräfte auf den Obst- und Gemüse-Großmärkten von Rom und Mailand, in Auto-Waschanlagen und Pizzerien.


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Nicht alle jungen Flüchtlinge, die untertauchen und „unsichtbar“ werden, landen zwangsläufig in Sklavenarbeit, sexueller Ausbeutung und Kriminalität. „Viele wollen einfach schnell weiter zu Verwandten in andere europäische Länder“, sagt Giovanna di Benedetto. Das betrifft vor allem junge Eritreer, Somalier und Syrer, die meist Zettel mit den Adressen von Familienmitgliedern in Deutschland oder Schweden in der Tasche haben. Doch für die Weiterreise müssen sie sich meist wieder in die Hände von Schleppern begeben. Ob sie am Ende bei der Familie ankommen, weiß niemand so genau.

„Viel zu tragen“
Gründlich untersucht

Dinah Schramm leitet die Akutstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Frankfurt.

Kindern und Jugendlichen auf der Flucht geht ihr Heimatgefühl verloren, besonders wenn sie alleine sind. Sie verlieren ihre Heimat und Kultur, sind mit verschiedensten Kulturen konfrontiert. Hier ist alles anders, als sie es kennen, vom Essen über die Sprache bis hin zur Bürokratie. Das erzeugt einen ständigen Zwiespalt. Dazu kommen Kriegs- oder Gewalterfahrungen, manchmal der Verlust der Eltern. Das alles haben sie zu tragen und können mit niemandem darüber reden. Viele reagieren darauf mit Rückzug, sie weinen viel, haben massive Schlafstörungen und Angst im Dunkeln, werden vom Wiedererleben traumatisierender Erlebnisse gequält. Wenn sie zu uns kommen, meist sind sie 16 Jahre oder älter, sind die Symptome schon sehr offensichtlich. Sie sind auffällig geworden, aggressiv oder zeigen selbstverletzendes Verhalten, einige sind psychotisch. Unsere Arbeit besteht da zunächst viel aus Beobachtung. Unsere Zusammenarbeit mit den Einrichtungen, in denen sie untergebracht sind, ist sehr gut. Die Betreuung ist engmaschig, anders als bei Erwachsenen. Aber natürlich könnte es besser sein, der Bedarf an psychologischer Hilfe ist sehr hoch.

Aufgezeichnet von Marie-Sophie Adeoso

Peter Neumann leitet die Kinder- und Jugendmedizin des Frankfurter Gesundheitsamtes.

Alle minderjährigen Flüchtlinge, die nach Frankfurt kommen, werden innerhalb einer Woche von unseren Ärztinnen und Ärzten untersucht. Das ist wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr in den Unterkünften so vorgeschrieben. Die Stadt Frankfurt hat sich früh entschieden, diese Kinder und Jugendliche nicht nur infektiologisch abzuklären – wir gucken sie uns von oben bis unten an. Das dauert etwa eine Dreiviertelstunde. Immer ist auch ein Dolmetscher dabei und eine Sozialpädagogin aus dem Heim. Die meist 16 oder 17 Jahre alten Patienten sind dankbar für diese Zuwendung. Ihr körperlicher Zustand ist meistens gut. Man muss sehr gesund und kräftig sein, um eine solche Reise zu überstehen. Wer sich öffnet und erzählen möchte, dem hören wir zu. Ein 15-Jähriger aus Afghanistan, der durch viele kleine Narben auffiel, berichtete, dass er mit sechs Jahren in einem Bergwerk arbeiten musste. Eine 16-Jährige aus Eritrea zahlte 8000 Dollar, um sich und ihre 12-jährige Schwester vor einer Vergewaltigung zu bewahren – zusätzlich zu den 16 000 Dollar für den Schlepper. Um seelische Erkrankungen erkennen zu können, werden die Betreuer in den Heimen vom Gesundheitsamt geschult.

Aufgezeichnet von Friederike Tinnappel

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