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Flucht und Zuwanderung

28. September 2014

Misshandlungen Flüchtlinge Burbach: Ein Hauch von Abu Ghraib

In der Flüchtlingsunterkunft in einer ehemaligen Kaserne in Burbach leben derzeit rund 700 Menschen.  Foto: dpa

In einer Unterkunft für Flüchtlinge in NRW haben Sicherheitsleute Asylsuchende misshandelt und gedemütigt. Die Täter filmten und fotografierten sich dabei sogar per Handy. Der zuständige Regierungspräsident ist schockiert - und kündigt Konsequenzen an.

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Hagen/Burbach –  

Sie kommen nach Deutschland, um sich vor Krieg und Gewalt in ihrer Heimat zu retten - und landen hier in den Fängen brutaler Sicherheitsleute. Im siegerländischen Burbach sind in einer Flüchtlingsunterkunft mindestens zwei Männer von Mitarbeitern eines privaten Wachdienstes misshandelt und gedemütigt worden. Die Täter filmten und fotografierten sich dabei sogar per Handy.

Ein Foto gaben die Ermittler am Sonntag an die Presse. Die Aufnahme ist schockierend. Ein junger Mann liegt gefesselt am Boden, den Fuß eines Wachmanns im Nacken, sein Kollege posiert daneben. «Das sind Bilder, die man sonst nur aus Guantanamo kennt», sagt der Hagener Polizeipräsident Frank Richter mit Blick auf das umstrittene US-Gefangenenlager. Andere Betrachter erinnert die Szene an Aufnahmen aus dem berüchtigten Gefängnis Abu Ghraib bei Bagdad, wo US-Soldaten irakische Gefangene folterten. Die Bilder gingen 2004 um die Welt.

"Es ist entsetzlich"

Im Fall Burbach lässt Richter jetzt den Staatsschutz ermitteln, weil ein fremdenfeindlicher Hintergrund zunächst nicht ausgeschlossen schien. «Wir haben aber bislang keine Erkenntnisse, dass die Tatverdächtigen der rechten Szene angehören», sagt Richter. Möglicherweise seien die Männer überfordert gewesen oder einfach charakterlich ungeeignet für eine solche Aufgabe. Insgesamt wird gegen vier Beschuldigte ermittelt.

Er sei bestürzt gewesen, als er das Video gesehen habe, sagt der Siegener Oberstaatsanwalt Johannes Daheim. «Da sitzt ein Mann auf einer mit Erbrochenem verschmutzten Matratze und wird gezwungen, sich hinzulegen», schildert er. «Es ist entsetzlich, wenn man sich vorstellt, dass zu uns Leute kommen aus anderen Ländern, die dort schon Gewalt erlitten haben und hier Schutz suchen und dann so einer Situation ausgesetzt werden. Das trägt dazu bei, die Traumatisierung noch zu verstärken."

Dieses Video war es auch, das die umfangreichen Ermittlungen ins Rollen gebracht hatte. Es wurde einem Journalisten zugespielt, der wandte sich an die Polizei. Bei einem der Beschuldigten wurde dann das Foto gefunden, das den am Boden liegenden Mann in Fesseln zeigt, dem ein Wachmann den Fuß in den Nacken setzt. «Beide Sicherheitsleute grinsen», sagt Richter.

Das undatierte Foto der Polizei zeigt zwei Sicherheitsleute, die in der ehemaligen Siegerland-Kaserne in Burbach einen am Boden liegenden Flüchtling misshandeln.  Foto: Polizei NRW/dpa

Auch der für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Region zuständige Arnsberger Regierungspräsident Gerd Bollermann (SPD) ist schockiert. Er habe noch am Freitag mit dem Chef des Essener Unternehmens gesprochen, das die Unterkunft betreibt, und dafür gesorgt, dass das beauftragte Sicherheitsunternehmen «rausfliegt». Künftig will die Bezirksregierung Wachleute strenger überprüfen lassen und verlangt für ihre Unterkünfte gewisse Personalstandards.


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Bollermann räumt ein, dass die steigenden Flüchtlingszahlen seine Behörde unter Druck setzen. Zunächst gehe es darum, dass die Menschen ein Dach über dem Kopf hätten. Dabei nehme man derzeit auch Kompromisse bei Belegung und Betreuung in Kauf.

In Burbach haben die Ermittler bereits viele der insgesamt etwa 700 Flüchtlinge befragt. In fünf Fällen hätten sich dabei Anzeichen für mögliche Straftaten ergeben, drei davon eventuell mit Beteiligung des Wachdienstes, sagt Richter. Er hat eine Ermittlungskommission mit mehr als 20 Leuten eingesetzt. (dpa)

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