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Flucht und Zuwanderung

25. Februar 2016

Projekt: Aleppo soll wieder auferstehen

 Von Iris Mostegel
2006 zur „Hauptstadt der islamischen Kultur“ gekürt: Blick auf die damals noch unversehrte Stadt Aleppo.  Foto: REUTERS

Während das syrische Aleppo in Trümmern versinkt, planen Wissenschaftler und Flüchtlinge in Budapest bereits den Wiederaufbau. Es werden Ideen und Visionen, aber auch Dokumente der Vergangenheit und Gegenwart gesammelt um gerüstet zu sein - sollte die Zerstörung eines Tages enden.

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Über Aleppo fallen Bomben, auf Budapest fällt Regen. Dazwischen liegen 1947 Kilometer und eine hellblaue Website, die die scheinbar unvorstellbare Frage stellt: Wenn der Krieg morgen endet, wie soll Aleppo wiederaufgebaut werden? „Je früher wir uns Gedanken darüber machen, umso besser ist das später für die Stadt. Wir brauchen fertige Konzepte, wenn es losgeht“, sagt der Exil-Aleppiner AlHakam Shaar vom Institut für Konfliktforschung (CCNR) an der Central European University in Budapest.

Der 29-Jährige ist einer der vier Köpfe hinter der Website, dem Ergebnis eines multidisziplinären Projekts, bei dem Aleppos Bürger – vor allem jene, die geflüchtet sind – im Zentrum stehen. Sie sollen Wünsche und Visionen zum Wiederaufbau ihrer Heimatstadt äußern. Sie sollen Umfragebögen von Stadtplanern beantworten, Kommentare einsenden, auf interaktiven Stadtkarten Bilder platzieren. Noch steht das vor drei Monaten gestartete Projekt am Anfang, doch Trends lassen sich bereits ablesen. „Ebenso wie sie wissen, was sie wollen, wissen sie, was sie nicht wollen. Zum Beispiel gibt es einige Gebäude des syrischen Geheimdiensts, die im Krieg zerstört wurden – die will man keinesfalls wiederaufgebaut wissen. Diese Bauten sind Symbole für Folter und Entsetzen“, erzählt Shaar von einer unter 1001 Aleppinern durchgeführten Umfrage. „Dagegen ist ihnen die Wiederherstellung kulturhistorischer Denkmäler sehr wichtig. Das hat für sie viel mit Identität zu tun.“

2012 aus Aleppo geflohen, gehört Shaar neben dem 26-jährigen Armenak Tokmajyan zu den zwei Aleppinern des Projekts, das von dem Konfliktforscher Robert Templer, Direktor des CCNR an der Central European University, ins Leben gerufen wurde. Jetzt sitzt der rotbärtige Neuseeländer neben dem braunbärtigen Shaar und der amerikanischen Kollegin Meghan Moore im Arbeitsraum Nummer 206 des Budapester Instituts. Papiere türmen sich auf dem Schreibtisch, in der Ecke steht eine zusammengerollte Landkarte. Das ist die Zentrale des „Aleppo-Projekts“, einem Raum der Träume in den Zeiten des Alptraums.

Umfassende Wissensdatenbank

Hier laufen die hoffnungsreichen Visionen zusammen, aber auch Dokumente zur Vergangenheit und Gegenwart der Stadt werden gesammelt. Ziel ist die Erschaffung einer umfassenden Wissensdatenbank, die später als Basis für den Wiederaufbau herangezogen werden kann. Es mag seltsam anmuten, am Wiederaufbau zu arbeiten, während die Stadt zerstört wird. Es mag naiv erscheinen, die Zeit nach dem Frieden zu beschreiben, obwohl der Frieden gerade so unerreichbar ist. Aber diese Arbeit hier ist kein politisches Projekt, keine Aufgabe für Diplomaten, es geht nicht um Geld oder Verträge, es geht lediglich darum, nicht mit leeren Köpfen dazustehen an dem Tag, an dem die wahnsinnige Zerstörung in Syrien endlich beendet ist.

Der Wiederaufbau Aleppos könne nur mit der Beteiligung der Einwohner gelingen, ist Templer überzeugt. Er hat sich mit der Geschichte anderer Kriegsstädte beschäftigt und kam zu dem Schluss, dass Erfolg oder Misserfolg eines Wiederaufbaus unmittelbar davon abhängt, inwieweit die Bevölkerung miteinbezogen ist. „Wenn man sich die gescheiterten Beispiele anschaut, findet man einen gemeinsamen Faktor: Überall dort, wo die Stadtbewohner nicht mitreden durften, ist es daneben gegangen, ob Beirut oder Sarajevo, ganz zu schweigen von Kabul“, sagt er.

Doch neben der Beteiligung von Bürgern braucht man auch Experten: Wie kann man so bauen, dass ethnisch-konfessionelle Spannungen abgefedert werden? In welcher Prioritätensetzung soll man was zuerst aufbauen? Wer entfernt das Geröll zerstörter Gebäude, wo soll dieses abgeladen werden? Und was, wenn sich darunter unentschärfte Granaten oder toxischer Müll befindet?

Meghan Moore, Alhakam Shaar und Robert Templer planen das neue Aleppo.  Foto: Iris Mostegel

Ist ein Krieg zu Ende, tun sich zeitgleich Dutzende Fragen auf. Deshalb hat man in Budapest begonnen – parallel zur Befragung von Aleppinern –, ein Netz an Stadtplanern, Architekten, Politikstudenten und Konfliktforschern zu bilden, die die benötigte fachlichen Grundlagen erarbeiten. „Open Collaboration“ heißt das Prinzip, was bedeutet, dass jeder mit seinem Wissen willkommen ist. Und jene Syrer, die Aleppo wiederaufbauen werden, sollen künftig über die hellblaue Website thealeppoproject.com auf das Datenmaterial zugreifen können. „Eine Garantie, dass es dann tatsächlich verwendet wird, haben wir aber nicht“ , sagt Templer, und besonders glücklich sieht er bei diesem Gedanken nicht aus.

Allein die historische Altstadt, die zum Weltkulturerbe erklärt wurde, ist UN-Schätzungen zufolge zu 60 Prozent zerstört. Und die Lage wird immer schlimmer. Die Frontlinie zwischen Regierungstruppen und Rebellen verläuft quer durch die Stadt, die Armee des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad versucht die Metropole mit Hilfe der russischen Luftwaffe einzunehmen.

Sind Wiederaufbauprojekte nicht verfrüht, wenn scheinbar nicht einmal auf die bei der Münchener Sicherheitskonferenz vereinbarte Feuerpause gehofft werden darf? Nein, glauben mittlerweile erstaunlich viele. Denn unabhängig vom Budapester Projekt haben sich immer mehr Initiativen formiert, um für die Stunde Null vorzusorgen: von Beirut und dem UN-Projekt „National Agenda for the Future of Syria“ bis nach Berlin zum deutsch-syrischen Archäologen Mamoun Fansa, dem Deutschen Archäologischen Institut oder der BTU Cottbus. Die Projektziele sind unterschiedlich, der Ansatz ist immer derselbe: bereit zu sein, wenn es losgeht.

Heilender Effekt

Neben dem Wiederaufbau von Gebäuden muss es natürlich vor allem um den Wiederaufbau einer zerrissenen Bürgerkriegsgesellschaft geht. Das Budapester Team ist sich des Spagats bewusst. Ein wesentlicher Faktor, sagen sie, sei das gezielte Vermischen der Bevölkerungsgruppen. Etwa durch das Zusammenspannen verschiedener Nachbarschaften in gemeinsamen Wiederaufbau-Projekten, oder durch den Bau von Orten, in denen die Leute wie selbstverständlich vermischt werden. Der Konfliktforscher Templer erklärt, Bagdad sei geteilt in ethnische Enklaven, die durch hohe Betonmauern voneinander abgeschottet sind. „Wenn man aber komplett voneinander getrennt ist, wird es unheimlich leicht, sich das Schlimmste über den jeweils anderen auszumalen“, sagt er.

Für Aleppo gelte es daher, jene Plätze wiederherzustellen, die die Bevölkerungsgruppen zusammengebracht haben. Den 2012 zerstörten historischen Souk etwa, wo der eine hingegangen sei, um Gemüse zu kaufen, der andere, um ein Vermögen für Gold auszugeben – unabhängig von Herkunft, Ethnie, Konfession oder Weltanschauung. „Solche Orte haben einen heilenden Effekt auf gespaltene Gesellschaften.“

Von der Heilung seines Landes träumt auch der 13-jährige Mohammed Qutaish in Aleppo. Vermutlich kennt er das Wiederaufbau-Projekt aus Budapest nicht. Er hat sich aber selbst seine Gedanken zur Zukunft gemacht und in der Werkstatt seines Vaters aus Karton und Papier eine riesige Modellstadt gebaut. Er wolle einmal, sagt er in die TV-Kamera eines Channel-4-Teams, Architekt werden. „Diese Gebäude aus Karton sollen eines Tages Wirklichkeit werden.“

In Budapest sagt Robert Templer einen sehr ähnlichen Satz: „Aleppo wurde in seiner mehrtausendjährigen Geschichte schon mehrfach zerstört, aber jedes Mal wiederaufgebaut. Bisher ist diese Stadt noch immer zurückgekommen.“

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