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Flucht und Zuwanderung

20. Januar 2014

Zuwanderung: Der Westen saugt den Osten aus

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Fahrgäste in Bukarest warten auf die Abfahrt des Busses nach Antwerpen über Frankfurt und Köln.  Foto: dpa

Seit Wochen tobt in Europa ein West-Ost-Streit über die Freizügigkeit von Arbeitnehmern. Nicht nur die CSU macht Front gegen Bulgaren und Rumänen. Dabei sind es die besten Köpfe des Ostens, die in den Westen migrieren.

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Donald Tusk gilt in europäischen Regierungszentralen als pflegeleicht. Der polnische Premierminister weiß gut, was sein Land dem EU-Beitritt vor zehn Jahren zu verdanken hat. Er weiß gut Bescheid über das Geld, das als Strukturhilfe aus Brüssel fließt. „Die Mittel werden uns einen weiteren Zivilisationssprung ermöglichen“, sagte Tusk kürzlich über den EU-Haushalt bis 2020. Insofern kam es einer kleinen Revolution gleich, als Tusk seinen britischen Amtskollegen David Cameron öffentlich abkanzelte. Der Engländer habe sich „unangemessen“ über polnische Migranten geäußert. Das sei nicht hinnehmbar.

Seit Wochen tobt in Europa ein West-Ost-Streit über die Freizügigkeit von Arbeitnehmern. In Deutschland hat die bayerische CSU mit der Parole „Wer betrügt, der fliegt“ Front gegen Bulgaren und Rumänen gemacht. Sie dürfen nach einer siebenjährigen Übergangsfrist seit dem 1. Januar in der Bundesrepublik ohne gesonderte Genehmigung ihren Wohnsitz nehmen und arbeiten. Das ist das Wesen der Freizügigkeit. Oder wollen sie nur Sozialleistungen kassieren? Das ist der Generalverdacht, unter dem Migranten aus Osteuropa im Westen stehen.

So deutet es CSU-Chef Horst Seehofer an, und so hat es Cameron offen ausgesprochen. „Freizügigkeit ist nicht das Recht, sich die besten Sozialleistungen auszusuchen“, sagte der britische Premierminister mit Blick auf die runde Million Polen, die nach der EU-Osterweiterung des Jahres 2004 nach Großbritannien emigriert sind.

Doch Cameron und Seehofer sind nicht die Einzigen, die vor der Wahl des neuen Europaparlaments im Mai Stimmung gegen Migranten machen. In den Niederlanden und Frankreich haben Rechtspopulisten wie Geert Wilders oder Jean-Marie Le Pen und seine Tochter Marine polnische Tulpenpflücker und Klempner schon vor Jahren zum Feindbild gemacht. Und selbst in der Schweiz mit ihrer traditionellen Willkommenskultur herrscht Aufruhr – ganz ohne EU-Wahlkampf. Dort hat die Rechtspartei des selbst ernannten „Volkstribuns“ Christoph Blocher eine „Abstimmung gegen Masseneinwanderung“ durchgesetzt, die am 9. Februar stattfindet.

Die Fakten sprechen eine andere Sprache als die Populisten. Wo eine nüchterne Sichtweise gepflegt wird, ist vom Verlust im Osten die Rede – und vom Profit im Westen. „Braindrain“ nennen Wissenschaftler ein Phänomen, das mit dem übersetzten Wort „Gehirnabfluss“ mehr sagt als alle Zahlen.

Wertvolle Arbeit

Es sind die besten Köpfe des Ostens, die in den Westen migrieren. Die Rede ist von IT-Spezialisten, von Medizinern und Facharbeitern, aber auch von Pflegekräften. Wer wollte bestreiten, dass es außer viel Herz auch eines klugen Kopfes bedarf, um als preiswerter „polnischer Engel“ deutsche oder niederländische Demenzkranke zu betreuen?

Mehr als zwei Millionen Menschen hat Polen nach dem EU-Beitritt vor zehn Jahren verloren. Sie sind in den Westen abgewandert und leisten dort wertvolle Arbeit. In Polen fehlt ihre Kraft. Und auch ihr Steuergeld. Premier Tusk hat schon kurz nach seiner ersten Wahl 2007 ein Rückkehrprogramm aufgelegt, um der Wirtschaft im eigenen Land neuen Schwung zu verleihen. Universitäten versprachen Sonderstipendien mit Namen wie „Homing plus“. Doch alle Bemühungen scheiterten, weil polnische Ärzte und Mechaniker in Deutschland, Österreich oder der Schweiz das Drei- bis Fünffache dessen verdienen, was ihnen die Arbeitgeber im eigenen Land bieten können.

Eklatant ist die Lage im Gesundheitssektor. Polen hat pro Kopf seiner Gesamtbevölkerung nur halb so viele Ärzte wie Deutschland. Jeder fünfte Mediziner ist bereits im Rentenalter und nur deshalb nicht im Ruhestand, weil der Nachwuchs fehlt. Kontrollen von Notfallzentren haben ergeben, dass jede dritte Praxis hoffnungslos unterbesetzt ist. Stattdessen arbeiten osteuropäische Ärzte mit großem Erfolg in Skandinavien.

Die ungarische Regierung hat aus der Entwicklung im vergangenen Jahr die zweifelhafte Konsequenz gezogen, Medizinstudenten zu Pflichtjahren in der Heimat zu zwingen. „Wir können nicht alle unsere Ärzte unentgeltlich für Norwegen ausbilden“, ließ Premier Viktor Orban wissen. Der Aufschrei über diese „Einschränkung der Freizügigkeit“ war in Westeuropa laut.

Die Karriereperspektiven locken auch immer mehr osteuropäische Abiturienten gleich nach dem Schulabschluss in den Westen. Wozu in der Heimat studieren, wenn sich in Paris, London oder Berlin mit dem Spezialfach zugleich fremde Sprachen erlernen lassen? Die mehr als 1,5 Millionen Polen, die in Deutschland leben, gelten nicht von ungefähr als die hier am besten integrierte Gruppe von Zuwanderern.

Welch dramatische Auswirkungen der „Braindrain“ hat, zeigt sich keineswegs nur in Polen, dem größten osteuropäischen EU-Land mit seinen 38 Millionen Einwohnern. Aus Litauen sind im Zuge des EU-Beitritts rund 700 000 Menschen abgewandert. Geblieben sind knapp drei Millionen Litauer. Jeder Fünfte ist also gegangen. Statistiker haben errechnet, dass die kleine Baltenrepublik als Migrationsfolge jedes Jahr ein halbes Prozent Wachstum verliert.

Gehirnabfluss, Geldabfluss: Es ist dem polnischen Premierminister Tusk und seinen osteuropäischen Kollegen kaum zu verdenken, dass sie sich gegen die Angriffe aus dem Westen wehren. „Niemand hat das Recht, auf uns zu zeigen als eine Gruppe, die etwas ausnutzt“, sagt der sonst so pflegeleichte Tusk.

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