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Berlin und das Flughafen-Debakel
Berlin und das Debakel um den Flughafen BER

12. Januar 2013

Berliner Flughafendebakel: Nach der Arbeit muss der Sheriff gehen

Den Blick von außen und den von innen solle man nicht verwechseln.  Foto: reuters/TOBIAS SCHWARZ

Das Berliner Flughafendebakel aus der Sicht der Systemtheorie. Der Soziologe Dirk Baecker über postheroisches Management und schlecht verteilte Intelligenz.

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Das Berliner Flughafendebakel aus der Sicht der Systemtheorie. Der Soziologe Dirk Baecker über postheroisches Management und schlecht verteilte Intelligenz.

Berlin –  

Die erneute Verschiebung der Flughafeneröffnung macht viele sprachlos. Wir haben den Unternehmensberater Dirk Baecker um Rat gefragt.

Herr Baecker, ist diese Pleite aus Ihrer Sicht verwunderlich?

Systemtheoretiker gehen von der Unwahrscheinlichkeit aller Kommunikation aus. Insofern verblüfft, dass man immerhin so weit gekommen ist, dass man darüber streiten kann, wie es weiter geht. Wenn man bedenkt, wie viele Akteure sich an einem solchen Großprojekt beteiligen, und wie viele ungleiche Interessen in einem solchen Großprojekt bedient werden müssen, lautet für einen Systemtheoretiker in der Tat die entscheidende Frage, wie diese Akteure und Interessen überhaupt unter einen Hut gebracht werden können.

Aus der ökonomischen Theorie weiß man, dass solche Projekte nur funktionieren können, wenn jeder Akteur von jedem anderen Akteur weiß oder zumindest ahnt, welches Risiko er eingeht, was das Risiko für ihn bedeutet und wie lange er es tragen kann. Das setzt umfangreiche Sondierungen und Vorgespräche im Vorfeld eines solchen Projekts voraus. Wer hier auf Eile setzt, setzt für alle anderen ein möglicherweise fatales Signal.

Sie sind ein philosophisch geschulter Unternehmensberater und Kulturwissenschaftler und Erfinder des Begriffs „postheroisches Managements“. Könnten Sie unseren Lesern in drei Sätzen sagen, was das ist?

Drei Sätze? Postheroisches Management ist ein Management, das darauf verzichtet, an der Spitze eines Unternehmens Helden zu platzieren, die in der Lage sind, richtige Voraussagen und Entscheidungen zu treffen. Stattdessen vertraut das postheroische Management auf die verteilte Intelligenz des Unternehmens. Die postheroische Managerin ist jemand, die dafür sorgt, dass die Intelligenz verteilt bleibt, das heißt, dass alle entscheidenden Akteure hinreichend Gelegenheit haben, sich zu beobachten, miteinander sinnvoll zu konkurrieren und sich miteinander abzustimmen.

Ein Denker

Dirk Baecker, geb. 1955, ist Soziologe, Schüler des Systemtheoretikers Niklas Luhmann. An der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen hat er den Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse inne. Dirk Baecker ist ein gefragter Management-theoretiker und Unternehmensberater, der wegen der produktiven Verunsicherung, die er auslöst,
in vielen Firmenleitungen geschätzt wird. Bekannt wurde er mit dem 1994 im Merve-Verlag erschienenen Buch „Postheroisches Management. Ein Vademecum“, das großen Einfluss auch auf die Kulturszene und Philosophie ausübte. Zuletzt erschien von ihm bei Suhrkamp der Essayband „Organisation und Störung“.

Könnte es sein, dass Klaus Wowereit den größten Fehler in dem Augenblick gemacht hat, als er im Mai die Generalplaner entlassen hat, als ein Zugeständnis an die Öffentlichkeit, die endlich einen starken Mann an der Spitze sehen wollten, als er den zupackenden Helden markiert hat?

Das kann ich nicht einschätzen. Aber sicherlich muss man sich sehr genau überlegen, welche Intelligenz und welche Informationen verloren gehen, wenn man jemanden entlässt. Nicht umsonst kommt es bei vielen Regimewechseln dazu, dass zumindest die Bürokraten sehr schnell wieder ihre alten Posten haben. Man kann nur jemanden entlassen, wenn man sich sicher zu sein glaubt, dass die Vakanz, die die Entlassung produziert, intern oder extern klug kompensiert werden kann. Aber die Öffentlichkeit sollte man nicht für so dumm halten, dass sie per se auf falsche Entscheidungen setzt. Vielmehr ist sie sehr wohl in der Lage, Situationen zu verstehen, die ihr hinreichend transparent gemacht werden. Wenn sie allerdings den Eindruck gewinnt, für dumm verkauft zu werden, dann ist ihr jeder Wechsel recht.

Gibt es Systeme, die so komplex sind, dass man die Menschen, die an ihrer Spitze versagt haben, gar nicht entlassen kann und darf, weil man nur mit ihrer Hilfe aus der von ihnen angerichteten Misere wieder hinausfinden kann?

Nein, ganz im Gegenteil. Wenn ein System so komplex geworden ist, dass es ein Monopolwissen gibt, wie noch mit ihnen umzugehen ist, ist es höchste Zeit, die entscheidenden Leute zu entlassen. Das hat uns der amerikanische Western immer wieder vorgeführt. Man braucht den Sheriff, um die Ganoven aus der Stadt zu vertreiben. Aber anschließend muss man den Sheriff wieder los werden, weil der andernfalls zum Ganoven wird. Viele unserer „Systeme“ sind nur von Experten zu bedienen. Aber wenn man nicht dafür sorgt, dass die Experten in den Systemen von Experten außerhalb der Systeme jederzeit kritisch beobachtet und ersetzt werden können, hat die Gesellschaft ein echtes Problem.

Deswegen legen wir ja so viel Wert auf gute Hochschulen, eine reichhaltige Ingenieurskultur und den Wettbewerb zwischen Firmen und Büros. Und wir legen Wert darauf, dass die Experten in den Systemen nicht nur tun, was sie tun, sondern auch dokumentieren, was sie tun. Qualitätsprobleme erster Ordnung entstehen aus Fehlern beim Tun. Aber daneben gibt es auch Qualitätsprobleme zweiter Ordnung, die aus mangelnder Dokumentation entstehen. Diese Dokumentation ist die Voraussetzung dafür, dass andere Experten einspringen können. Schlamperei ist, wenn das nicht möglich ist.

Wenn unsere Wirtschaft keine Heroen mehr verträgt, so ist es doch vielleicht die Seele des Wählers, die Helden braucht, nämlich Politiker, die ihre Wählerstimmen in Taten umsetzen können. Müsste Wowereit deshalb nicht auch als Landeschef gehen, weil wir den Helden zumindest als Negativ brauchen, als gescheiterten, tragischen Helden?

Ja, das mag sein. Politiker werden dafür gewählt und bezahlt, das Glück und Elend der Welt in ein Spektakel der Welt zu übersetzen, oder, wie ein Systemtheoretiker sagen würde, der Gesellschaft Möglichkeiten ihrer Selbstthematisierung bereitzustellen. Wenn man in Systemen verteilter Intelligenz Leute braucht, die ihre Stimmen, ihre Körper, ihre Gesten und ihre Zukunft der Symbolisierung bestimmter Projekte, Erwartungen oder eben auch Fehler zur Verfügung stellen, nimmt man und schafft man sich Politiker. Interessanterweise finden sich dann auch immer Leute, die sich genau dafür zur Verfügung stellen. Aber nur so kann man sicherstellen, dass alle anderen währenddessen die erforderliche Arbeit tun. Übrigens gilt dieselbe Aussage auch für die Politik. Auch hier gibt es Leute, die die Arbeit machen, und Leute, die die dabei entstehenden Probleme repräsentieren.

Für einen Systemtheoretiker muss ein Flughafen doch ein Paradies sein. Zum Beispiel der Brandschutz, der neuralgischste Punkt beim Willy-Brandt-Flughafen. Die Brandschutzanlage muss mit 364 definierten Brandszenarien umgehen können. Warum bloß hat man die 365 nicht voll gemacht, also für jeden Tag im Jahr ein Brandszenario entwickelt?

Systemtheoretiker sind ja nicht unbedingt dafür bekannt, eine besondere Präferenz für Opulenz zu haben. Reduktion von Komplexität ist seit Niklas Luhmann eines ihrer wichtigsten Stichworte. Wenn man also von 364 Brandszenarien hört, würde man erst einmal vermuten, dass hier jemand seine Arbeit nicht richtig gemacht hat und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Man darf die Bäume nicht aus den Augen lassen. Aber man darf auch nicht übersehen, dass der normale Sterbliche maximal bis fünf oder sechs zählen kann. Danach verliert er den Überblick. Also müssen die vielen Szenarien auf ihre Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten hin untersucht werden, bis sie sich zu Gruppen zusammenfassen lassen, die man verstehen und die man sich merken kann. Alles andere ist wiederum Produktion von Herrschaftswissen.

Da wären wir wieder beim postheroischen Manager.

Ja. Der heroische Manager freundet sich mit dem Herrschaftswissen der Experten an und hofft, so lange am Ruder zu bleiben, wie sich diese Experten halten lassen. Eine gefährliche Symbiose. Der postheroische Manager hingegen sorgt dafür, dass innerhalb und außerhalb des Systems jeder Beobachter den Eindruck haben kann, das System zu verstehen. In dieser Hinsicht kann man viel von der Gesellschaft lernen.

Hier passiert auch nicht alles auf einmal. Sondern hier gibt es Familien, Märkte, Schulen, Parlamente, Theater und Kirchen, die letztlich nach selbst gesetzten Regeln funktionieren, die man innerhalb und außerhalb verstehen kann. Eine der wichtigsten Regeln ist allerdings, dass man den Blick von Außen und den von Innen nicht miteinander verwechseln sollte. Aber wenn man soweit ist, bekommt man es bereits mit der Wirklichkeit zu tun.

Die Fragen stellte Harald Jähner.

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