Ein lautes Scheppern hallt durch den Dreieichpark in Offenbach. Spaziergänger bleiben verwundert stehen, halten sich die Ohren zu. „Mama, was machen die da?“, fragt ein Mädchen seine Mutter. Die weiß, warum Menschen mit Deckeln aller Art am Samstagnachmittag durch den Park laufen. „Die demonstrieren, mein Schatz.“
Die „Deckelparade“, zu der das Bündnis Menschenkette aufgerufen hatte, bildet den Abschluss der Fluglärm-Aktionswochen in Offenbach – einen Tag vor dem Jahrestag der Landebahn. Um der Forderung nach einer Deckelung der Flugbewegungen Nachdruck zu verleihen, haben die Demonstranten eigene Deckel mitgebracht: von Töpfen, Blechbüchsen, Keksdosen und Einmachgläsern. Mit denen lässt sich ordentlich Lärm erzeugen. Wer sie nicht gegeneinanderschlägt, haut mit Kochlöffeln darauf.
Eines der vielen bislang nicht geahndeten Unworte der zeitgenössischen Bundesrepublik ist "deckeln". Hat was mit Geld zu tun, meistens. Und wird auch inflationär benutzt. Im Offenbacher Dreieichpark am Samstag, 20. Oktober, aber wurde der Begriff (fast) richtig benutzt.
Foto: peter-juelich.com„Auch nach einem Jahr sind wir noch kreativ“, sagt Ingrid Wagner, Vorsitzende der Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach. Rund 140 Leute sind gekommen, laufen durch den Dreieichpark und finden sich zu den Reden und Aktionen am Pavillon ein. Die Initiatoren hatten auf mehr Menschen gehofft. „Es sind Ferien und außerdem ist am Sonntag die große Aktion am Frankfurter Flughafen“, sagt Wagner.
Der Protest wird weiter fruchten. Wenn man nichts macht, erreicht man auch nichts. Tagsüber kann ich bei geöffnetem Fenster kein Radio mehr hören, an langen Schlaf ist auch nicht mehr zu denken. Das Nachtflugverbot hilft nur bedingt. Wenn es überhaupt etwas nützt. Die Politik muss endlich eingreifen, um die Gesundheit der Bürger zu schützen. Ob die Flieger über Offenbach nun 60 Meter höher fliegen oder nicht, macht kaum einen Unterschied aus. Die Flugzeuge werden diese neu vorgegebenen Höhen sowieso nicht einhalten – so wie sie es auch schon vorher nicht getan haben. Wir müssen präsent bleiben.
Beate Breimer, 59 Jahre alt
Doch die Anwesenden machen Lärm. Und sind wütend, so wie Savo Babic. Seit zehn Jahren lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Offenbach. Ihnen allen ist es zu laut in Offenbach. „In der Schule können wir die Fenster nicht richtig aufmachen, das ist immer total muffig“, sagt die elfjährige Anna. Schlafen könne sie auch nicht mehr so gut, und manchmal vibrierten die Scheiben ihres Kinderzimmers. „Wie soll ich meinen Kindern erklären, dass die Fraport und die Politiker ihnen nicht mal sechs Stunden Schlaf gönnen“, fragt Babic, der überlegt, wegzuziehen. „Aber eigentlich muss der Fluglärm wegziehen und nicht wir“, sagt Anna.
Das Bündnis Menschenkette fordert eine Begrenzung der Flugbewegungen. Wie das mit der Deckelung geht, machen einige Demonstranten vor. Über ein aus Steinen geformtes Flugzeug breiten sie, von Deckelklappern begleitet, ein buntes Tuch aus – und legen noch ein paar Topfdeckel darauf. Der Lärm hört auf.
„Es ist ein trauriges Jubiläum. Ein Jahr müssen wir nun schon den Lärm über unseren Köpfen ertragen“, sagt Bürgermeister Peter Schneider (Grüne). Die Politik und Fraport mute den Bürgern „mehr zu, als sie ertragen können“. Der aktive Schallschutz sei „ein Witz“, sagt Wagner, und die Steigerung der Anflugwinkel von drei auf 3,2 Grad und die um 60 Meter angehobene Überflughöhe eine „unwirksame Beruhigungspille“.
Schneider kann dem Jubiläum auch etwas Gutes abgewinnen: „Wir leisten seit einem Jahr immer noch Widerstand.“ Auch Babic ist von Anfang an dabei. „Ich hoffe noch.“ Im Park ist es still geworden, die Leute packen die Deckel ein und machen sich auf den Heimweg. Auch Babic geht, will am nächsten Tag aber weiter kämpfen – bei der Demo am Flughafen.
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