Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

23. Februar 2012

Flug-Lärm: "Innerdeutsche Flüge sollten eingestellt werden"

Nur der Schlafwandler bleibt ruhig. Fluglärm über dem Dach, lässt manchen Menschen ausrasten.  Foto: dpa

Lärm macht krank: Der Gutachter und Arzt Winfried Beck fordert deshalb im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau ein Aus für innerdeutsche Flüge und ein Nachtflugverbot.

Drucken per Mail

Lärm macht krank: Der Gutachter und Arzt Winfried Beck fordert deshalb im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau ein Aus für innerdeutsche Flüge und ein Nachtflugverbot.

Die Landesregierung stellt die wirtschaftlichen Interessen Fraports vor die gesundheitlichen der Bevölkerung, kritisiert der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte.

Zur Person

Winfried Beck (68) ist Orthopäde im Ruhestand und Gutachter am Sozialgericht.

Der Offenbacher beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Fluglärm. Er war Mitglied des Ausschusses für Umwelt und Medizin der Landesärztekammer.

Im Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte ist er Mitglied des erweiterten Vorstands und war lange Vorsitzender.

Fluglärm macht krank, warnt Beck und weist zugleich auf die gestiegenen Schadstoffbelastungen hin. Besonders gefährdet seien Kleinkinder, Schwangere, chronisch Kranke sowie Hochbetagte. Die neue Landebahn wirke sich nachteilig auf Erkrankungswahrscheinlichkeit und Lebenserwartung aus.

Herr Beck, Sie fordern ein Aus für innerdeutsche Flüge. Kann die deutsche Wirtschaft dann funktionieren?

Dass das geht, haben wir doch erst jetzt gesehen. Durch den Streik der Fluglotsen am Boden finden praktisch keine innerdeutschen Flüge mehr statt. Die Passagiere werden umgebucht auf die Bahn. Sie sind zwar etwas länger unterwegs, aber das ist kein Problem.

Ihre zweite Forderung, ein Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr, wäre damit aber nicht erfüllt. Denn das sind vor allem die interkontinentalen Flüge. Warum ist Nachtruhe so wichtig?

Das Wort Lärm hängt mit dem militärischen Begriff Alarm zusammen. Lärm bedeutet unbewusst Gefahr. Darauf reagiere ich mit Flucht oder Angriff. Das ist evolutionär so angelegt. Bei Fluglärm erschrecke ich, kann aber weder angreifen noch flüchten.

Wie reagiert der menschliche Körper darauf?

Es wird alles auf größte Anspannung hochgefahren, auf Abwehr einer Gefahr: die Hormone, der Blutdruck, der Puls. Passiert das häufiger, kommt es zur dauerhaften Veränderung des Blutdrucks.

Was hat das für Folgen?

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere hoher Blutdruck, in der Folge Schlaganfall, Herzinfarkt.

Was noch?

Das Immunsystem wird schwächer. Bei Frauen, hat der Epidemiologe Eberhard Greiser nachgewiesen, steigt signifikant das Risiko der Depressionen. Wahrscheinlich verarbeiten Frauen Lärm anders. Bei Kindern kommen Störungen der Aufmerksamkeit hinzu, der Konzentrationsfähigkeit. Und besonders leidet auch das Wohlbefinden. Das kann zu psychischen Krankheiten führen.

Die Greiser-Studie wird von manchen Wissenschaftlern infrage gestellt. Darüber streiten sich die Gelehrten ebenso wie um die Qualität der Frankfurter Fluglärm-Synopse, die unter Federführung des Dresdner Professors Klaus Scheuch erarbeitet wurde. Was stimmt denn nun?

Das Problem ist, dass man schlecht einzelne Lärmursachen herausschälen kann. Wir sind umgeben von Lärm. Fluglärm, Straßenlärm, Eisenbahnlärm. Unstrittig ist, dass Lärm, wenn er länger einwirkt, auf Dauer krank macht. Deshalb ist Rasenmähen in der Mittagszeit verboten, darf ein Staubsauger oder Haarföhn nur begrenzte Dezibel erzeugen. Lärm ist Umweltverschmutzung, eine Art Verseuchung. Psychisch kann man sich gewöhnen, aber nicht physisch. Das hat man erst in jüngerer Zeit erkannt. Selbst wenn man sagt es stört mich nicht, kommt es zu körperlichen Reaktionen. Die laufen unbewusst ab.

Was ist der Unterschied zwischen lauter Musik, die ich gerne höre, und Verkehrslärm?

Wenn ich direkt neben einem Wasserfall wohne oder an einer Klippe, stört mich das subjektiv überhaupt nicht. Aber objektiv ist es das Gleiche. Lärm ist ein psychisches Problem, nicht denkbar ohne die Verarbeitung im Gehirn und dem anhängenden Hormonsystem.

Gibt es also guten Lärm und bösen?

Es gibt gute und böse Geräusche. Lärm ist immer negativ besetzt. Auch ein Rockkonzert ist schwerer Stress für meinen Körper. Sehr hohe Lautstärken, auch die der Trillerpfeifen bei der Demonstration, können sogar das Ohr schädigen. Wir unterhalten uns hier aber über Lärm weit unter dieser Schwelle.

Knackpunkt ist, dass man die Quelle des Lärms wie die der Schadstoffe nicht zuordnen kann. Die derzeit laufende Gesundheitsstudie Norah soll die verschiedenen Lärmquellen hinzurechnen. Der richtige Weg?

Es wird nicht anders gehen, weil wir keine Laborsituation haben, sondern viele Lärmquellen. Im Sinne eines vorbeugenden Gesundheitsschutzes müssen wir die Lärmspitzen abschneiden. Im Moment gibt es in der Rhein-Main-Region keine größeren Lärmverursacher als die Flugzeuge. Man kann ihnen nicht ausweichen. Der Lärm kommt von oben und verbreitet sich kugelförmig in alle Richtungen. Anders als bei der Eisenbahn bietet eine Wand keinen Schutz.

In zwei Jahren sollen die Ergebnisse der Norah-Studie vorliegen. Zu spät?

Es ist längst zu spät. Es ist wie bei der Atomkraft, von der schon sehr lange bekannt ist, dass Radioaktivität schädlich ist. Man braucht eigentlich keine weiteren Argumente um zu sagen, der Lärm muss geringer werden. Die Studie wird nur ein weiters Mal bestätigen, was wir längst wissen.

Das Interview führte Jutta Rippegather.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial
Koch geht, Bouffier kommt - wohl auch im CDU-Bundesvorsitz.

Ende einer Ära: Nach elfeinhalb Jahren nimmt Hessens Ministerpräsident Roland Koch Abschied von der Politik.

Spezial

Hat Volker Bouffier als Innenminister einen Parteifreund begünstigt? Ein Untersuchungsausschuss sucht Antworten.

Spezial

Nach der Privatisierung des Uniklinikums Marburg-Gießen häufen sich Berichte über eine schlechte Krankenversorgung und Personalmangel.

Polizeimeldungen

Was ist passiert? Polizeimeldungen aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau sowie Wiesbaden.