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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

01. Dezember 2011

Flughafen: Aufstand der Millionäre gegen den Fluglärm

 Von Felix Helbig
Proben den Aufstand in den Villen: Konstantin Zoggolis, Andrea Müller-Wüst und Julia Mierke (von links).  Foto: Bernd Fickert

Ob reich oder arm – Krach trifft alle: Auf dem Frankfurter Lerchesberg wächst die Wut. Über den Villen von Chefärzten, Bankiers und Notaren steuern im Minutentakt Flugzeuge die neue Nordwestlandebahn an.

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Doktor Krstic sitzt an seinem Esstisch, massives Holz, sehr edel, der Doktor lehnt sich zurück im Lederstuhl, er trinkt Cappuccino. Vor den bodentiefen Fenstern liegt ein gepflegter Rasen, daneben steht eine Trauerweide, dahinter die halbfertige Villa von Ioannis Amanatidis. Natürlich habe er keine Kontakte zu Al-Kaida, sagt Krstic, 48, aber wenn er sie hätte: Es gebe oben das Zimmer mit den Dachfenstern. Er würde es vermieten. Da könnten die mit ihren Gewehren dann machen. Flugzeuge kämen ja genug.

„Wenn der Euro zusammenbricht, dann ist ja eh alles vorbei. Dann hänge ich mir einen Pflug ans Auto und reiße diese Landebahn auf“, sagt Milivoj Krstic. „Dann gibt es soziale Unruhen.“

Es kann also gut sein, dass sie hier oben beginnen, Nobelring, Lerchesberg, Frankfurts feinste Adresse – noch. Seit dem 21. Oktober fliegen über dem Lerchesberg im Minutentakt die Flugzeuge zur neuen Nordwestlandebahn. Seitdem sprechen sie hier oben weniger über die schönen Dinge des guten Lebens, über Porsche und Sterne-Küche. Seitdem geht es um Grundrechte, um Demokratie. Um den kommenden Aufstand.

„Was wir hier erleben, ist eine kalte Enteignung“

Auf dem Lerchesberg leben Frankfurts oberste Zehntausend, in den Villen am Briandring und Nobelring haben sich Chefärzte eingerichtet und erfolgreiche Geschäftsleute, Konsuln, Notare, Bankiers. Die CDU kann hier auf eine treue Wählerschaft zurückgreifen, vor allem aber auf Menschen, die einer Stadt viel Stabilität geben, weil sie Unternehmen leiten, die Arbeitsplätze schaffen. Wer hier wohnt, geht abends auch mal dorthin, wo man Oberbürgermeisterin Petra Roth trifft oder Innenminister Boris Rhein (CDU), man kennt sich aus dem Wirtschaftsclub, sofern man nicht gerade ausgetreten ist, wie Doktor Krstic.

Auf Roth und Rhein ist er nicht mehr gut zu sprechen. Und schon gar nicht auf den ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch. „Was wir hier erleben, ist eine kalte Enteignung“, sagt Krstic’ Frau Julia Mierke, 30, sie könnten ihre Häuser ja nicht mehr verkaufen, und Fraport nehme sie nicht, jedenfalls nicht zu dem Preis, den sie wert sind. Und drin zu wohnen sei unmöglich. „Es ist ja nicht nur der Lärm, es sind auch die Emissionen. Keiner spricht darüber, wie schädlich das ist, was da runterkommt“, sagt Mierke. Ihre Kinder lasse sie nicht mehr draußen spielen. Und nachts wachten sie auf: „Mama, mir ist laut.“

180 Meter über Normalnull

Von nebenan, zwei Villen weiter, kommt Konstantin Zoggolis vorbei, er ist Ingenieur. Die Flughöhe sei eine Verarschung, sagt er, weil von Normalnull ausgegangen werde, obwohl der Lerchesberg 180 Meter über Normalnull liege. Zoggolis, 55, erzürnen die Tricks, mit denen Fraport und Flugsicherung arbeiteten. So werde schon seit Wochen auch bei Rückenwind jenseits der Fünf-Knoten-Grenze gelandet, obwohl das gefährlich sei. Am 21. November hätten deshalb mehrere Flieger durchstarten müssen, weil die Piloten die Maschinen gar nicht runterbekommen hätten.

Die Flugsicherung aber sage, es habe einen Vogelschlag gegeben. „Da wird gelogen“, sagt Zoggolis. „Mal müssen wir dran glauben, mal die Flörsheimer. Die wollen uns gegeneinander ausspielen. Da ist dann auch die Sicherheit egal.“

Der Doktor und seine Frau, Zoggolis und Nachbarin Andrea Müller-Wüst haben mit Piloten gesprochen, die sie kennen, sie haben bei der Flugsicherung angerufen und bei Fraport, sie haben bei Rhein angefragt, bei Roth, bei Koch. Und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass das System, mit dem sie immer gut gelebt haben, gar nicht das ist, für das sie es gehalten haben. „Wir sind umgeben von Korruption“, sagt Mierke. „Wie kann es sein, dass bei der Flugsicherung auch Fraport-Leute sitzen? Dass Koch den Ausbau beschließt und dann Chef der Firma wird, die ihn umsetzt? Dass die Oberbürgermeisterin dieser Stadt dazu nichts zu sagen hat?“

Die Villenbesitzer bereiten Klagen vor

Krstic und Mierke haben schon ihre Grundsteuer zurückgebucht, jetzt bereiten sie Klagen vor, vernetzen sich mit den anderen Villenbesitzern, mit Offenbachern und Flörsheimern. „Es darf nicht passieren, dass sie uns gegeneinander aufbringen“, sagt Zoggolis. Das Planfeststellungsverfahren sei schon eine Farce gewesen, die Mediation eine Lüge. „Aber wir werden uns weiter wehren.“

Doktor Krstic sagt, er sei kein Linker, nie gewesen, er habe noch nie in seinem Leben gegen irgendetwas demonstriert. Aber das ändere sich gerade, auch wenn sein Anti-Fraport-Aufkleber am Schild seiner Praxis in der Goethestraße ständig abgerissen werde. „Wir werden uns nicht gefallen lassen, dass der Profit eines einzelnen Unternehmens über das Wohl der Menschen gestellt wird.“ Julia Mierke sagt, die Gewaltbereitschaft steige. „Die Leute haben nichts mehr zu verlieren.“

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