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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

01. Januar 2016

Flughafen-Ausbau: Geschichten des Widerstands

 Von 
Vor dem Börsengang hieß Fraport FAG: eine der ersten Großdemos im Sommer 1980 mit mehr als 3000 Menschen.  Foto: Walter Keber

Ein Buch dokumentiert 50 Jahre Protest gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens.

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Es gibt Ereignisse rund um den Flughafenausbauprotest, die haben sich in das kollektive Gedächtnis tief eingegraben. Etwa die Räumung des Hüttendorfs im Kelsterbacher Wald in den 80er Jahren oder die Todesschüsse auf die beiden Polizeibeamten vom 2. November 1987. Die Anti-Startbahn-Bewegung hatte sich davon nie wieder erholt. Andere Geschehnisse drohen nach Jahrzehnten in Vergessenheit zu geraten. Etwa das Hungerstreik-Bündnis aus Lokalpolitikern der CDU, SPD, FDP und DKP gegen den Flughafenausbau in den 80er Jahren. Oder die wundersame Wandlung des Autonomen Achim Weidner vom seinerzeit „aktiven und militanten Verteidiger“ des Kelsterbacher Walds, wie er in seinem Beitrag schreibt, zum überzeugten Parteimitglied der CDU.

Es gibt Unmengen Geschichten rund um den Widerstand, der seit Jahrzehnten Menschen in der Rhein-Main-Region bewegt. Walter Keber, Wilma Frühwacht-Treber und ihr Ehemann Dirk Treber haben sie gesammelt und als Zeitdokument jetzt veröffentlicht: „50 Jahre Protest gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafen“ heißt das 357-seitige grüne Buch mit vielen Fotos des einstigen Korrespondenten der Frankfurter Rundschau Keber. Noch in diesem Frühjahr soll ein zweiter Band folgen. Denn es hat sich gezeigt, dass es noch viel mehr zu erzählen gibt.

In ihren Texten schlagen die 22 Zeitzeugen eine Brücke von der Gründung der Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms durch den evangelische Umweltpfarrer Kurt Oeser im Jahr 1965 zur aktuellen Auseinandersetzung um Lärmpausen, Wirbelschleppen und die Folgen der Inbetriebnahme der Nordwest-Landebahn im Oktober 2011. Alle drei Herausgeber haben die Konflikte seit Ende der 60er Jahre miterlebt. Das Ehepaar Treber als Aktivisten in Bürgerinitiativen, der Journalist Keber als distanzierter Beobachter, der er auch nach seinem Abschied bei der FR im Jahr 2004 blieb.

So gut wie jede Veranstaltung hält der 69-Jährige mit seiner Kamera fest, bis heute. Ergebnis ist ein einzigartiges Archiv von Bildern des Widerstand gegen den Flughafen, die in Ausstellungen zu sehen sind und jetzt auch in dem Buch. Gesichter des Widerstands wie die Küchenbrigade vom Hüttendorf beim Latwerje-Kochen in Walldorf. Prominente Unterstützer wie der Schriftsteller Peter Härtling, die Musikband Bots oder Joschka Fischer, der den Wald-Besetzern 1982 bei Regen einen Besuch abstattete – in Begleitung von Hund Dago und der jetzigen grünen Umweltministerin von Hessen, Priska Hinz. Die Farbfotos spiegeln den Ideenreichtum von heute wieder – die Frau mit dem Eimer auf dem Kopf, Leute mit kreativen Transparenten und Verkleidungen, andere musizieren oder campieren auf dem Boden des Flughafenterminals.

Offenbachs OB Horst Schneider.  Foto: Waler Keber

Mantraartig beschwört Fraport bekanntlich die gute Nachbarschaft. Die Texte zeigen, wie der Wachstumskurs des Flughafens das Verhältnis immer wieder beeinträchtigt. Und wie sich manches wiederholt, anderes geändert hat. Auch in den 70er Jahren wird der Planfeststellungsbeschluss zum Ausbau zunächst erfolglos mit juristischen Mitteln bekämpft. Um 1979 entstehen Bürgerinitiativen, ein Jahr später folgen die Massenproteste. Vom legendären Hüttendorf kann bei der Räumung im November 1981 lediglich die Kirche gerettet werden, die später in Mörfelden-Walldorf einen neuen Platz findet. Der Startbahn-Protest ist eingebettet in das bundesweite Wachsen sozialer Bewegungen – gegen Umweltzerstörung, Atomkraft, die Stationierung von Mittelstreckenraketen. Die SPD wie DGB stellt der Konflikt um den Flughafenausbau vor Zerreißproben, die Grünen feiern ihre ersten Wahlerfolge. Unter die lokalen Aktivisten mischen sich später Linke und Autonome aus den Großstädten. Die Bewegung zerfällt, der harte Kern radikalisiert sich und sucht bei den traditionellen Sonntagsspaziergängen am Zaun die Konfrontation mit der Polizei. Dreieinhalb Jahre ist die Startbahn in Betrieb, als die Schüsse am Zaun fallen. Das setzt den Scharmützeln ein jähes Ende.

Buch-Info

50 Jahre Protest, Band 1
Hrg. Walter Keber, Wilma Frühwacht-Treber, Dirk Treber, Mainbook Verlag Frankfurt, ISBN 978 394 412 4-88-9

„Nach der Startbahn wird kein weiterer Baum für den Flughafenausbau fallen“ versichert der damalige SPD-Ministerpräsident Holger Börner. Ein kurzlebiges Versprechen. So wie die 1973 aufgetauchte Idee des zweiten „Entlastungsflughafens“. Cargo City wird gebaut, die A-380-Werft – innerhalb des Flughafengeländes, das um die einstige US-Base gewachsen ist. Ende der 90er beginnt die Debatte über den nächsten Ausbau. Ein Mediationsverfahren soll die Akzeptanz erhöhen. Das darin verabredete Nachtflugverbot müssen die Ausbaugegner später vor dem Bundesverwaltungsgericht erstreiten. Es offenbaren sich falsche Einschätzungen im Planfeststellungsbeschluss – die Gefahr durch Wirbelschleppen und die Lärmbelastung wurden unterschätzt. Die Waldbesetzer bleiben ohne große Unterstützung. Erst als im Oktober 2011 der erste Jet auf der Nordwestbahn landet, wachen viele Bürger buchstäblich auf. Und die Juristen haben weiter viel zu tun.

Das Buch ist ein historisches Dokument des Protests. Dirk Treber fragt aber auch selbstkritisch, ob Demonstrationen oder Blockaden zum Erfolg führen können. Die Politiker hätten die Startbahn-Gegner „wie Feinde“ behandelt, resümiert seine Frau Wilma. „Es waren traumatische Erlebnisse, von denen sich viele Menschen in unserer Region nie mehr erholt haben.“

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