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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

16. Juli 2013

Flughafen Frankfurt : Wenn die Ziegel fallen

 Von 
Gefährdet: Ziegel und Zwerge.  Foto: dpa

Wegen der Wirbelschleppen fliegen rund um den Flughafen Ziegel von den Dächern. Ende Juli entscheidet der Verwaltungsgerichtshof, ob schwere Flugzeuge weiter die neue Landebahn anfliegen dürfen. Für viele Anwohner ist es die letzte Hoffnung.

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Wirbelschleppen kannte Marietta Hönge nur aus Erzählungen. Bis sie zum ersten Mal das unheimliche Rauschen in den beiden Kirschbäumen vor ihrem Haus hörte. Wie von einer Orkanböe erfasst, seien die Kronen hin- und hergepeitscht worden, erzählt die Flörsheimerin. „Und das obwohl es rundherum absolut windstill war.“ Ein dumpfes Knallen und Pfeifen sei noch zu hören gewesen, als das Flugzeug schon längst in Richtung Nordwest-Landebahn weitergeflogen war. „Wenn Sie so etwas erleben, kriegen Sie richtig Angst“, sagt die 58-Jährige. In Ruhe auf der Terrasse sitzen könne sie seither nicht mehr.

Marietta Hönge ist nicht die Einzige, die erlebt hat, dass Luftverwirbelungen landender Flugzeuge in Flörsheim auch am Boden ankommen. Von Wirbelschleppen, die auf dem Friedhof „Wirkungen einer diabolischen Erscheinung entfalten – mit tiefem Donner, gebeutelten Büschen und umherfliegenden Gegenständen“, berichtet der evangelische Pfarrer Martin Hanauer. „Dann ist der Reflex, vom Friedhof zu flüchten, nur noch schwer zu unterdrücken.“

Dass bisher noch keine Menschen durch eine Wirbelschleppe zu Schaden gekommen sind, halten viele in der Stadt für ein Wunder. Denn Dächer wurden schon mehrfach beschädigt, seit Jets im Minutentakt bei Ostwind Flörsheim im Landeanflug zur Nordwestbahn überqueren. Der spektakulärste Vorfall ereignete sich im April in der Plattstraße, wo eine Wirbelschleppe ein halbes Dach abdeckte und Dutzende Ziegel in eine Straße fielen, auf der kurz zuvor noch Kinder gespielt hatten. Von einem übernatürlichen Rumpeln und Rumsen über ihren Köpfen berichteten die Anwohner später. „Wir hatten Angst, dass jemand ums Leben kommt.“

Bürgermeister will Flugsperre für schwere Maschinen

Mitte Juni zog die Stadt die Reißleine. In einem Eilantrag beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel fordert die Kommune, Anflüge von Flugzeugen der Kategorie Heavy sowie des Typs Boeing 757 auf die Nordwest-Landebahn grundsätzlich, mindestens aber bis zur Sicherung aller von Wirbelschleppen bedrohten Dächer zu untersagen. Vom Betrieb der Piste im Kelsterbacher Wald gingen konkrete Gefahren für die unter der Anfluggrundlinie lebenden Anwohner aus, argumentiert Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD). „Ich sehe daher keine andere Möglichkeit, als die Bahn für schwere Maschinen unverzüglich zu sperren.“ Eine Entscheidung der Kasseler Richter wird Ende Juli erwartet.

Marietta Hönge und viele andere Flörsheimer, deren Häuser in einem festgelegten Korridor stehen, haben mittlerweile Post von Fraport bekommen. Sie können die Ziegel auf ihrem Dach auf Kosten der Flughafenbetreiberin verklammern lassen. In einer Hochglanzbroschüre werden die Modalitäten erklärt.

Mit dem Inhalt der Planergänzung, die das Hessische Verkehrsministerium erlassen habe, seien die Vorgaben nicht zu vereinbaren, kritisiert Bürgermeister Michael Antenbrink. So fordere Fraport etwa von Hauseigentümern, dass diese auf eigene Kosten ihre Dächer in einen Zustand versetzen müssten, der eine Klammerung der Ziegel überhaupt erst erlaube; wenn aus technischen Gründen eine Neueindeckung des Daches unvermeidlich sei – etwa bei mit Schiefer gedeckten Dächern – würden die Kosten dafür nicht übernommen.

Kritik kommt auch von der BI Flörsheim-Hochheim. „Volksverdummung“ nennt deren Sprecherin Carola Gottas das Wirbelschleppen-Programm. Die Festlegung der belasteten Gebiete gehe offenbar ebenso an der Realität vorbei wie die bei der Ausbauplanung zugrunde gelegten Prognosen zur Lärmbelastung und Wirbelschleppengefahr. Anfang vergangener Woche wurde der neueste Wirbelschleppenvorfall aus Flörsheim gemeldet. Diesmal rutschten ein Dutzend Ziegel von einem Dach in der Beethovenstraße. Das Haus steht 350 Meter außerhalb des Gebietes, in dem ein Schutz vor Wirbelschleppen auf Fraport-Kosten vorgesehen ist.

Auch südlich des Mains, in Raunheim gibt es schon seit Jahren Klagen über Schäden. 96 Fälle hat die örtliche Bürgerinitiative gegen Fluglärm in den vergangenen zehn Jahren dokumentiert, sagt Sprecher Horst Bröhl-Kerner. Die BI hält das Fraport-Programm für „völlig unzureichend“. Allein eine größere Überflughöhe und weniger Flugzeuge seien eine Lösung, sagt ihr Sprecher. Die Anwohner seien beunruhigt: Für den 22. August lädt die Stadt Raunheim zur Bürgerversammlung. Thema: Wirbelschleppen.

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