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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

19. Oktober 2012

Flughafen Frankfurt Fluglärm: "Ich bin ein Gerechtigkeitsfreak"

 Von Jakob Blume
Voll ausgerüstet: Alexandra Meermagen. Foto: peter-juelich.com

Alexandra Meermagen ist bei fast jeder Montagsdemo im Terminal des Flughafens dabei. Davor war sie noch nie demonstrieren. Aber die Nordwestlandebahn hat ihr einen Schock versetzt.

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Alexandra Meermagen ist gut ausgerüstet: Große Kopfhörer, ein selbst gemaltes Plakat – auch hat sie grüne T-Shirts für ihre Bürgerinitiative drucken lassen. Alexandra Meermagen ist Flughafenausbaugegnerin und Aktivistin gegen Fluglärm. Wenn sie nicht das T-Shirt der BI Sachsenhausen trägt, sieht man ihr das nicht an. Sie entspricht gar nicht dem Klischee des Öko-Protestlers.

Die 41-Jährige steht in der Küche ihres Hauses auf dem Sachsenhäuser Berg. Sie trägt Pumps mit hohen Absätzen, weiße Hose, schwarzes Polo und ist perfekt gestylt. „Ich war total geschockt, als das mit der neuen Landebahn losging“, sagt sie. „Seitdem die eröffnet ist, donnern die Flugzeuge in 300 Metern Höhe direkt über das Haus. In den ersten Wochen nach der Eröffnung habe ich nur geheult.“ Letzten Dezember ist sie zum ersten Mal ins Terminal1 mit den Schwiegereltern zum Protestieren gegangen. „Davor“, sagt sie „war ich nie auf einer Demo.“

Herzrasen und Albträume

Seitdem engagiert sich die Mitarbeiterin eines großen Kosmetikkonzerns bei den Fluglärmgegnern, verteilt Flyer für die BI Sachsenhausen, klebt Plakate für die Wählergemeinschaft Flughafenausbaugegner (FAG). Und natürlich fährt sie fast jeden Montag zur Demo im Terminal1. Oft kommen die Schwiegereltern mit, manchmal auch ihr zwölfjähriger Sohn, Jan-Jakob. Ihr Lebensgefährte ist nie dabei. „Er unterstützt mich, wo er kann, aber ihm macht der Lärm nicht so zu schaffen.“ Ihr Sohn wirft ein: „Er gibt das zumindest nicht so zu.“

Die Eröffnung der neuen Landebahn hat Alexandra Meermagen nicht nur emotional, sondern auch gesundheitlich mitgenommen. Sie klagt über Herzrasen, Kopfschmerzen und Albträume. Auch ihr Sohn schläft seither schlecht. Als es nicht mehr ging, mietete sie sich ein Zimmer in einer Pension in Dreieich. Sieben Monate lang übernachtete sie mit Jan-Jakob zwei- bis dreimal die Woche im Hotel. „Auf Dauer ist das natürlich sehr teuer“, sagt sie. Deshalb bewohnt sie seit August eine kleine Wohnung in Dreieich. „Unsere Ferienwohnung“, sagt sie, nicht ohne Galgenhumor.

Ganz wegziehen kommt für sie nicht infrage. Seit zehn Jahren lebt die gebürtige Offenbacherin zusammen mit ihrem Partner in Sachsenhausen. Ihre Schwiegereltern wohnen in der Nähe, ihr Lebensgefährte ist in dem Haus aufgewachsen. Auch die Nachbarschaft ist ein Grund, nicht wegzuziehen. „Wenn ich dieser furchtbaren Geschichte etwas Positives abgewinnen kann, dann ist es der Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Es ist toll zu sehen, wie solidarisch die Menschen in der Not sind.“

Auch daher schöpft sie Kraft für ihre politische Arbeit. „Ich bin optimistisch, dass die neue Landebahn geschlossen wird und eine Deckelung der Flugbewegungen kommt. Sonst würde ich das hier nicht machen.“ Besonders gelitten hat Alexandra Meermagens Rechtsempfinden. „Ich bin ein Gerechtigkeitsfreak“, sagt sie über sich selbst. „Ich kann nicht fassen, dass man Menschen so etwas antut, nur damit ein paar Konzernbosse und Aktionäre Profit machen.“ Denen, die sagen: „Das bringt doch alles nichts“, entgegnet sie: „Ich kann nichts garantieren, aber wer nicht kämpft, der erreicht mit Sicherheit nichts.“ Eines haben die Frankfurter Fluglärmgegner in ihren Augen schon erreicht: „Wir haben den Menschen das Thema Fluglärm ins Bewusstsein gerückt“, sagt sie.

Keine Hilfe von der Politik

Bei ihr ist der Lärm immer präsent. Alexandra Meermagen steht im Wintergarten ihres Hauses und zieht selbst gemalte Bilder aus einer Mappe. Der Wintergarten ist ihr kleines Atelier, hier ist sie gerne ihrem Hobby, der Malerei, nachgegangen. Bis zum Oktober vergangenen Jahres. „Ich kann im Wintergarten nicht mehr malen, seit ich von hier aus ständig die Flugzeuge sehe und höre“, sagt sie. Auch auf dem Balkon und in ihrem Garten hat sie in diesem Jahr nie gesessen.

Von der Politik erwartet sie keine Hilfe im Kampf gegen Lärm und Flughafenausbau. „Mein Vertrauen in die Politiker ist gleich null, ich habe keine Illusionen mehr.“ Auch aus diesem Grund wird sie am Sonntag wieder mit dabei sein, bei der Kundgebung an der Nordwest-Landebahn – mit Kopfhörern und einem neuen, selbst gemalten Plakat.

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