In Frankfurt-Oberrad und in vielen anderen Orten des Rhein-Main-Gebiets dröhnt es zum Jahresende 2012 bereits so laut vom Himmel, wie es erst für das Jahr 2020 prognostiziert wurde. Das jedenfalls schließt Volker Hartmann aus den Zahlen, die Fraport in der jüngsten Ausgabe der hauseigenen Zeitschrift „Startfrei“ veröffentlicht hat.
Die Bewertung von Lärm ist kompliziert. Der energieäquivalente Dauerschallpegel Leq(3), so heißt es in einer Fraport-Definition, ist der Schallpegel, den ein konstantes Dauergeräusch haben müsste, um dieselbe Schallenergie zu liefern wie die tatsächlich auftretenden, unterschiedlichen Einzelgeräusche während einer definierten Zeitperiode.
Die Tücke liegt darin, dass sehr laute Einzelereignisse gemittelt werden. Nach einem einzigen 100 dB(A) lauten Pistolenschuss neben dem Ohr wäre es mit der Nachtruhe vorbei. Gemittelt über mehrere Nächte käme aber ein Leq von 34,3 dB(A) heraus. Das entspricht dem Plätschern eines Bachs.
Werte für ausgewählte Orte des Rhein-Main-Gebietes in Leq(3) bei Tag und Nacht: Offenbach-Lauterborn 58/52, Neu-Isenburg-Zeppelinheim 49/45, Raunheim 59/53, Kelsterbach 56/51, Flörsheim 59/50, Groß-Gerau-Nord 49/46, Frankfurt-Lerchesberg 60/53, Worfelden 58/54, Bischofsheim 52/45.
Der Vorsitzende der Oberräder Initiative Bürger für Wohnen ohne Fluglärm und Absturzbedrohung (WOFA) ist kein Fan des Magazins, das vom Flughafenbetreiber im Untertitel als „Zeitung für den Nachbarn“ bezeichnet wird, aber der Mitgründer der Initiative schenkt ihm regelmäßig seine Aufmerksamkeit.
Der von Fraport gemessene Wert von 58 dB(A) sei bereits bei rund 480.000 Flugbewegungen im Jahr so hoch wie der anvisierte Höchstwert bei 701.000 Starts und Landungen in sieben Jahren. Der höchste Tageswert im Rhein-Main-Gebiet ist mit 60 Leq(3), dem energieäquivalenten Dauerschallpegel, auf dem Frankfurter Lerchesberg gemessen worden. Nach Ansicht von Hartmann weisen die Lärmschutzzonenkarten der Landesregierung zu niedrige Fluglärmwerte auf. Er stellt die Frage, ob dies bewusst geschehen sei, um Zigtausenden von lärmgeplagten Anwohnern ihren Anspruch auf Lärmschutzmaßnahmen zu verwehren. „Die berechneten Lärmkarten sind völlig unbrauchbar“, sagt Hartmann der FR und fordert eine neue Berechnung.
Die Fraport AG, die 28 feste und zwei mobile Messstellen betreibt und aufgrund von gesetzlichen Vorgaben verpflichtet ist, deren Ergebnisse regelmäßig zu veröffentlichen, bewertet das anders. Sprecher Dieter Hulick verweist auf das Kleingedruckte am Ende der Tabelle. Dort wird auf den im Messzeitraum von Mai bis Juli sehr hohen Westbetriebsanteil von 79 Prozent bei Tag und 82 Prozent in den Nachtstunden hingewiesen.
Der Planfeststellungsbeschluss lege einen Erfahrungswert von 75 Prozent Westwetterlage und 25 Prozent Ostwind zugrunde. „Es gab also wesentlich mehr Anflüge aus Osten.“ Flörsheim und Hochheim hätten davon profitiert. Laut Hulick ist der Planungswert weder in Oberrad (58 Leq(3)) noch auf dem Lerchesberg (61) überschritten worden.
Mit Häme kommentiert das Bündnis der Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau die neuesten Daten von Fraport. Die Flugbewegungen sanken danach um 4,6 Prozent und die Passagierzahlen um 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahres-November. „Die Wachstumsprognosen waren wohl eine Täuschung der Bevölkerung“, so Sprecher Berthold Fuld. Im Jahresschnitt verzeichnet Fraport aber noch ein Plus von 2,6 Prozent bei den Fluggästen.
Lärm ist inzwischen eine der schlimmsten Umweltbelastungen in Deutschland. Gerade wer nachts unter Lärm zu leiden hat, geht häufiger zum Arzt. Wir untersuchen, was die Dauerbeschallung mit dem Körper anstellt.
Foto: dpaFrankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.