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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

01. November 2012

Flughafen Frankfurt Startbahn West: Todesschüsse an der Startbahn

 Von Stefan Behr
Einst, an der Startbahn West. Foto: picture-alliance/ dpa

Im November vor 25 Jahren fallen bei einem Protest gegen die Startbahn West Schüsse. Zwei Polizisten sterben am Ende, sieben werden verletzt. Die Anti-Startbahnbewegung hatte sich da schon selbst verraten.

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Das Urteil im Namen des Volkes wurde am 15. März 1991 gesprochen. Der Volksmund aber hat es nachträglich verschärft. Denn das, was heute vor 25 Jahren, am 2. November 1987, an den Mönchbruchwiesen am Frankfurter Flughafen geschah, wird mittlerweile bei Kneipengesprächen fast immer „die Startbahn-Morde“ genannt. Juristisch ist das falsch. Verurteilt wurde der Täter Andreas E. wegen Totschlags.

Am Abend des 2. November werden der 43 Jahre alte Hauptkommissar Klaus Eichhöfer, Vater dreier Kinder, und der 23 Jahre alte Polizeimeister Thorsten Schwalm aus einer Demonstration an der Startbahn heraus von Schüssen tödlich getroffen. Zwei ihrer Kollegen werden schwer, fünf leicht verletzt.

Aus heutiger Sicht datiert dieser Tag auch das Ende der Anti-Startbahn-Bewegung. Doch die war zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon längst am Ende. Das Hüttendorf war bereits am 2. November 1981 vergleichsweise friedlich geräumt worden. Kurz darauf demonstrierten 150.000 Menschen in Wiesbaden, 220.000 Unterschriften gegen die Startbahn wurden gesammelt, allein es nutzte nichts: Die Startbahn wurde gebaut, am 12. April 1984 eingeflogen, und die einstige Massenbewegung brach in sich zusammen. Was übrig blieb, war ein Ritual: Unentwegte ortsansässige Wutbürger und Autonome trafen sich regelmäßig zu „Sonntagsspaziergängen“, die aus dem früher üblichen Protestbummel zur Startbahnmauer hervorgegangen waren. Ein letztlich sinnentleerter Ritus, an dem aber umso verbissener festgehalten wurde.

Chronologie

1962 beschließt die Flughafen Frankfurt/Main AG, eine neue Startbahn in Planung zu geben.

1965 beantragt die Flughafen AG die Genehmigung für den Bau der Startbahn 18 West.

1966 beschließt der Hessische Landtag den Neubau der 4000 Meter langen Startbahn in Nord-Süd-Richtung. Kosten: 78 Millionen Mark.

1968 erlässt das Verkehrsministerium den Planfeststellungsbeschluss. Es werden 44 Anfechtungsklagen erhoben.

1973 ist das Planfeststellungsverfahren beendet. Die hessischen Verwaltungsgerichte sehen sich mit mehr als 100 Klagen konfrontiert. Die Startbahngegner fürchten die Abholzung des Waldes und die Nutzung der Startbahn für militärische Zwecke, zudem bezweifeln sie deren ökonomische Notwendigkeit.

1978 gründet sich eine Bürgerinitiative gegen den Ausbau. Das Land Hessen verkauft das Bauland an den Flughafen.

1980 gibt der Verwaltungsgerichtshof grünes Licht für den Startbahn-Bau. Vor Ort verstärken sich die Proteste. Auf dem Gelände errichtet die Bürgerinitiative eine Hütte, die sich schnell zu einem ganzen Hüttendorf auswächst.

1981 ist die Hochzeit der Demonstrationen – in Frankfurt, in Wiesbaden, am Flughafen.

1982 scheitert der Antrag auf ein Volksbegehren.

Im April 1984 wird die Startbahn 18 West in Betrieb genommen, auf Feierlichkeiten wird bewusst verzichtet. Etwa 15.000 Menschen demonstrieren an der Mauer im Wald.

Heute:

Eine Gedenkveranstaltung für die beiden getöteten Polizisten und ihre verletzten Kollegen beginnt am Freitag, 2. November, um 13 Uhr in der ehemaligen Stammdienststelle in Mühlheim, Borsigstraße 13 (Einfahrt über Senefelder Allee „manroland“/Borsigstraße).

Innenminister Boris Rhein legt nach dem ökumenischen Gottesdienst einen Kranz am Ehrenmal nieder, anschließend wird die Ausstellung zur Gedenkfeier eröffnet.

Der „Sonntagsspaziergang“ vom 2. November 1987 sollte der letzte seiner Art bleiben. Nach den tödlichen Schüssen, so schien es, hatte diese Bewegung nicht nur ihren Sinn, sondern auch ihren Anstand verloren. Wobei bis zum Ende auch immer ein Häuflein aufrechter Startbahn-Gegner, deren Gesinnung ebenso lauter war wie ihre Methoden, mitmarschierten.

Wozu die Bewegung geworden war, das zeigte die Verhandlung gegen Andreas E. und Frank H. vor dem Oberlandesgericht. Andreas E. war bereits am frühen Morgen des Tages nach der Tat in der Niederräder Wohnung seiner Freundin festgenommen worden. Dort fand sich auch die Tatwaffe: eine Pistole der Marke Sauer, die einem Polizeibeamten im November 1986 bei einer Demonstration vor den Hanauer Nuklearbetrieben von einer Bande Vermummter geraubt worden war. Andreas E. leugnete die Tat und behauptete, die Waffe sei ihm untergeschoben worden – von ebenjenem Frank H., den die Polizei dann im März 1988 eher durch Zufall in Amsterdam verhaften konnte: Eine Dirne hatte versucht, den vermeintlichen Touristen aufs Kreuz zu legen.

"Anna und Arthur"

Noch unappetitlicher war das, was außerhalb des Gerichtssaals passierte. Die nach wie vor aktiven Startbahngegner bildeten einen eigenen „Untersuchungsausschuss“ – dessen größte Leistung es wohl war, die Initiative „Anna und Arthur halten’s Maul“ zu gründen, deren Ziel es war, Aussagen vor Gericht und damit vermeintliches Denunziantentum zu verhindern. Das gelang ihnen nicht.

Wie diese Leute tickten, kann man in einem Interview mit Aktivisten lesen, das 1991 in der „konkret“ erschien: „Wir haben die Tatsache, dass E. sich der Auseinandersetzung mit uns verweigert und seine Aussagen im Kern aufrechterhalten hat, als politischen Verrat bezeichnet, ohne deswegen aber in den Prozess zu intervenieren. Entscheidend dafür, dass wir die jetzt gemachten Aussagen unterstützen, ist, dass Andreas E. nicht nur politischen Verrat begangen hat, indem er ausgesagt hat, sondern dass seine, Frank H. belastenden Aussagen auch noch falsch sind, dass er also lügt.“ Also ein legitimer juristischer Dolchstoß für einen „politischen Verräter“ – nein, mit der Hüttendorf-Lagerfeuerromantik, von der manch Startbahn-Veteran heute noch schwärmt, hatte das alles nichts mehr zu schaffen.

Das Oberlandesgericht verurteilte nach einem Verhandlungsmarathon Andreas E. wegen Totschlags und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren – und schöpfte damit das Strafmaß voll aus. Frank H. wurde vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen und wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu viereinhalb Jahren verurteilt – die er wegen der langen Untersuchungs- und Auslieferungshaft nicht absitzen musste.

"Qualifiziert und überzeugend"

Bereits zuvor war das Oberlandesgericht von der Mordanklage der Staatsanwaltschaft abgerückt. Er habe zwar geschossen und den Tode der Polizisten in Kauf genommen, doch so klar erkennbar sei die Tötungsabsicht nicht gewesen. Zudem sei die Tat weder heimtückisch noch aus niederen Beweggründen – beides Mordmerkmale – geschehen.

Diese Auffassung wurde vom Bundesgerichtshof bestätigt. Sowohl Andreas E. als auch die Staatsanwaltschaft hatten Revision gegen das Urteil des Bundesgerichtshofes eingelegt. Doch der BGH bestätigte das Urteil – und die fehlende Heimtücke. Zu dieser nämlich gehöre Arglosigkeit – und davon könne seitens der Getöteten angesichts der jahrelangen „fortdauernden offenen Feindseligkeiten zwischen Polizei und Demonstranten“ kaum die Rede sein. Die Tötung der beiden Polizisten unterscheide sich zudem von den meisten anderen terroristischen Anschlägen jener Zeit – bei denen die Justiz in der Regel sehr wohl von niedrigen Beweggründen ausging. Das Urteil war umstritten – auch wenn Norbert Leppert, der für die Frankfurter Rundschau damals vom Prozess berichtete, die Verhandlungsführung des Gerichts als „sehr qualifiziert, differenziert und überzeugend“ erinnert.

Bürgerliche Fans

Die Verurteilung wegen Totschlags machte es möglich, dass Andreas E. bereits 1997, nachdem er zwei Drittel seiner Strafe verbüßt hatte, freigelassen wurde. Danach verliert sich seine Spur.

Die Anti-Startbahn-Bewegung war nach den Todesschüssen erledigt. Ein Häuflein Militanter hatte einen tragischen Schlussakkord gesetzt, der bis heute nachhallt. Andreas E. mag auf eigene Faust gehandelt haben, aber er war mit Sicherheit Teil der Bewegung. Der Polizei war er bereits zuvor bekannt – etwa durch Anschläge auf Strommasten, deren Absägen sich nicht nur in der Szene großer Beliebtheit erfreute. Die Aktivisten hatten durchaus ihre Fans im bürgerlichen Lager. Das war nach dem 2. November 1987 komplett anders.

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