Die Fische aus dem Senegal kommen nachts am Drehkreuz Frankfurter Flughafen an. Dort werden sie auf die Bäuche verschiedenener Passagierflugzeuge verteilt, fliegen dann mit den Urlaubern nach Spanien, Italien oder Griechenland, um dann von eben denselben in einem romantischen Strandrestaurant verspeist zu werden. Schnelligkeit ist alles bei diesem Frischprodukt. Der tagelange Transport über See schließt sich daher aus.
Das gilt nicht nur für Lebensmittel, das gilt auch für andere Güter wie zum Beispiel neu entwickelte Elektronikartikel wie Handys oder Computer. Die Menschen wollen Waren von den globalen Märkten und sie wollen sie sofort. Daher muss der Cargoverkehr rund um die Uhr fließen, sagt ein Lufthansasprecher.
Keine Fische mehr aus dem Senegal
Nach Eröffnung der neuen Landebahn in Frankfurt am Main ist das nicht mehr möglich. Mit Beginn des Winterflugplans am 30. Oktober darf zwischen 23 und 5 Uhr vorerst keine Maschine mehr auf Rhein-Main starten oder landen, verfügte der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH). Die endgültige Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig wird für Anfang nächsten Jahres erwartet.
Die Entscheidung der Kasseler Richter kam völlig überraschend, zehn Tage vor Inbetriebnahme der neuen Bahn. Zwar hatte der VGH bereits 2009 beanstandet, dass das Land Hessen als Planfeststellungsbehörde durchschnittlich 17 Flüge in der Kernnacht gestattet. Doch das Urteil ist nicht rechtskräftig. Wiesbaden hatte Revision eingelegt.
Die vom Verbot am stärksten betroffene Lufthansa prüfte Rechtsmittel, appellierte am vergangenen Wochenende vergeblich an Flughafenbetreiberin Fraport, die Landebahn nicht in Betrieb zu nehmen. Inzwischen liegt der Notfallplan der Airline auf dem Tisch: Lediglich zwei wöchentliche China-Verbindungen sind gestrichen, verschiedene andere müssten in Köln/Bonn zwischenlanden. „Voraussichtlich ab Januar werden wir mindestens ein Frachtflugzeug fest in Köln/Bonn stationieren, um Ihnen weiterhin in der Nacht Abflüge in die USA anbieten zu können“, teilte Lufthansa-Cargo seinen Kunden mit.
Ferienflieger mussten umplanen
Die 17 Slots, die der Flughafenkoordinator der Bundesrepublik im Winterflugplan für Nachtflüge vergeben hat, wurden von den Airlines, die Fracht transportieren, bei weitem nicht voll ausgenutzt. Wie die Behörde bestätigte, erhielt die Lufthansa zehn Nacht-Slots für den Zeitraum von 23 bis 5 Uhr, eine zweite Cargo-Airline habe pro Nacht zweimal starten oder landen dürfen. Weil das Kontingent nicht ausgeschöpft wurde, seien die restlichen Slots für Passagierflüge vergeben worden. Die Ferienflieger Condor und TuiFly teilten auf Anfrage mit, dass nach dem Nachtflugverbot umgeplant und die betroffenen Fluggäste informiert worden seien. Es habe sich um Verschiebungen von weniger als einer Stunde gehandelt. Im Winterflugplan ist dies für die Ferienflieger offenbar kein Problem.
Condor-Sprecher Johannes Winter sagte, es habe sich um „Interkontinentalflüge gehandelt, die spät reinkommen“ - zum Beispiel aus Gambia oder der Dominikanischen Republik. Für den Sommerflugplan würden Flüge in der Nacht dringend benötigt, damit Maschinen, die populäre Ziele am Mittelmeer oder auf den Kanaren ansteuern, diese Route dreimal täglich statt sonst nur zweimal fliegen können. Winter hofft, dass das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig bei seiner Entscheidung über die Nachtflüge auch den Tourismus berücksichtigt. Eine Verlagerung von Flügen auf andere Standorte sei für Condor kaum machbar.
Von Nachtflügen war nie die Rede
Es geht also auch ohne die 17 Nachtflüge, argumentieren die Kommunen und Bürgerinitiativen und hoffen, dass sich das bis zu den Richtern nach Leipzig herumspricht. Sie werfen der hessischen Landesregierung vor, die im Mediationsergebnis festgelegte Nachtruhe als Kompensation für den Ausbau den wirtschaftlichen Interessen zu opfern. „Der Schutz der Bevölkerung vor übermäßiger Lärmbelastung hat Vorrang“, steht in dem Abschlussbericht der Mediator. „Wir wollen ein Nachtflugverbot“, hatte auch Ex-Minister Roland Koch (CDU) wiederholt versichert – unter anderem in seiner Regierungserklärung vom April 2003. Und auch im Ausbauantrag von Fraport ist nicht von Nachtflügen die Rede. Wohl aber im Planfeststellungsbeschluss des hessischen Wirtschaftsministerium vom Dezember 2007. Um die Verkehrsfunktion des Flughafens als Drehkreuz aufrecht zu erhalten seien Ausnahmen erforderlich, hieß es plötzlich. Durchschnittlich 17 seien angemessen und zumutbar.
Selbst wenn die Leipziger Richter Wiesbaden recht geben würde. Des Nachts werden vom kommenden Winterflugplan auf alle Fälle weniger Maschinen über Rhein-Main kreisen. Mit den im Schnitt 51 Flügen ist mit dem Winterflugplan Schluss.
Norah zeigt, wie sich Verkehrslärm auf Menschen auswirkt
Eine einzigartige Gelegenheit für Wissenschaftler, die Wirkungen von Verkehrskrach auf den Menschen zu erforschen. Norah heißt die in ihrem Ausmaß bundesweit einmalige Lärmwirkungsstudie, die das Land Hessen in Auftrag gegeben hat. Die Krankenkassen-Stammdaten von rund zwei Millionen Menschen werden ausgewertet, weitere 13 000 nehmen direkt daran teil. Sie geben Interviews, messen ihren Blutdruck, legen sich verkabelt ins Bett. Die erste Welle der Datenerfassung ist abgeschlossen. Zwei weitere folgen, so dass ein Vergleich möglich ist zwischen der Zeit vor und nach dem Ausbau. Die Ergebnisse sollen 2014 vorliegen. Sie werden nicht in der Schublade der Politiker verschwinden können. Nach einem halben Jahr, haben sich die Wissenschaftler vertraglich zusichern lassen, dürfen sie ihre Arbeit publizieren.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.