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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

15. Oktober 2012

Fluglärm - Ein Jahr neue Landebahn : Die Wut ist ungebrochen

 Von Felix Helbig
Vor knapp einem Jahr wurde die Nordwestlandebahn auf dem Frankfurter Flughafen eröffnet - und erhitzt seitdem die Gemüter der Menschen im Rhein-Main-Gebiet.  Foto: IMAGO

Vor einem Jahr eröffnete die neue Landebahn am Frankfurter Flughafen. Die Wut derer, die in der Einflugschneise leben, richtet sich längst nicht mehr nur gegen Flugzeuge. Es geht um Politiker, um die Demokratie, um das Land. Eine Lärmreise.

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Der Flug mit der Kennung DLH443 kommt mit einer Geschwindigkeit von 555 Kilometer pro Stunde aus Dallas, in einer Höhe von 2793 Metern überfliegt der Airbus A333 die Münsterer Straße.

Lorsbach, Taunus. Ein kleines Häuschen in der Münsterer Straße, Baujahr 1937, der Anbau ist jünger, er habe gedacht, hier seinen Lebensabend zu verbringen, sagt Gerd Hinsberger, nun sei er sich da nicht mehr so sicher. Hinsberger, 70, ist vor ein paar Jahren erst von Marxheim nach Lorsbach gezogen, vom einen Hofheimer Stadtteil in den anderen, der Fluglärm war ihm zu laut. „Hätte ich damals gewusst, dass die neue Landebahn gebaut wird, hätte ich das nie gemacht“, sagt Hinsberger. Man könne sich das ja jetzt alles anschauen auf der Internetseite des Umwelthauses, wie jedes Flugzeug zur neuen Landebahn fliege, „da sieht man die Münsterer Straße gar nicht mehr, weil sie genau unter der neuen Anflugroute liegt“, sagt Hinsberger.

Das Programm heißt Flight-Tracker, minuziös lassen sich dort die Wege der Flugzeuge zur neuen Landebahn verfolgen, auch der von DLH443 aus Dallas, am Vordertaunus entlang, über Bad Vilbel, eine große Kurve über dem Kinzigtal, Hanau, Offenbach, Oberrad, Sachsenhausen. Gegenanflug, so heißt das im Fachjargon.

Gerd Hinsberger ist schon zur ersten Anhörung nach Offenbach gefahren, vor acht Jahren war das, er hat danach eine Bürgerinitiative gegründet, eine Petition verfasst, Unterschriften gesammelt, an die Parteien geschrieben, an den Präsidenten des hessischen Landtags, an das Bundesverfassungsgericht. Und er hat eine Tabelle erstellt mit Politikern darauf, die in Aufsichtsräten sitzen von Unternehmen, die mit dem Flughafen zu tun haben. „Alle sind verwickelt“, sagt Hinsberger, „man ist völlig hilflos, die reagieren ja nicht einmal. Die können Sie alle vergessen, man kann als Bürger überhaupt nichts ausrichten“. Hinsberger wird still, man merkt, wie es in ihm arbeitet, dann sagt er: „Ich hätte nie gedacht, dass es mal so weit kommt, aber die Demokratie, so wie wir sie pflegen, da ist der Wurm drin.“

Leben unter einer Kreuzung am Himmel

Das Lorsbacher Tal, das war einmal das Naherholungsgebiet der Frankfurter, man fuhr hier in die Sommerfrische. Und wer es sich leisten konnte wie die Eltern von Gerd Hinsberger, der baute dort ein Haus. Da wohnt er jetzt.

Im Flight Tracker zeigt die Messstation Sulzbach für DLH443 einen Lärmpegel von 61 Dezibel an. Das ist so laut wie eine Nähmaschine, wenn man direkt davor sitzt.

Am Rande von Bad Vilbel winden sich die Wohnstraßen den Berg hinauf. Im Eichenweg spielen Mädchen auf der Straße, ein Auto kommt nur selten mal vorbei. Ronald Kasten sitzt in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa, seine Wangen röten sich, während er spricht, die Hände fahren durch die Luft. Es sei nicht so, dass man sich nicht mit einer gewissen Menge an Fluglärm arrangieren könne, sagt er, aber jetzt lebe man in Bad Vilbel unter einer Kreuzung am Himmel und es werde immer mehr. „Wenn das so weiter geht, dann können wir die Heimat vergessen, dann wird das hier eine Industrielandschaft, in der nur noch die Alten und Armen leben, weil alle, die es sich leisten können, wegziehen“, sagt Kasten. Bei ihm im Unternehmen habe es schon den ersten Fall gegeben, dass jemand sich doch noch dagegen entschied, seine Stelle anzutreten, es sei ihm zu laut gewesen. „Der ist dann nach Freiburg gegangen. Dabei heißt es immer, die Region hier sei so attraktiv.“

Über Bad Vilbel kreuzen sich die Gegenanflugroute zur neuen Nordwestlandebahn und Abflugroute „07 lang“, auf dem Sofatisch vor Ronald Kasten liegen Schaubilder, die zeigen, wie die Route vorgeschrieben ist und wie sich die Spuren der tatsächlichen Flüge über dem Himmel verteilen. Es gibt eine Stelle, an der nur noch rote Spuren zu sehen sind. Darunter liegt Bad Vilbel. DLH443 fliegt in einer Höhe von 2181 Metern über die Stadt.

Die ruinieren die Region und damit ruinieren sie auch Fraport: Ronald Kasten, Bad Vilbel.
"Die ruinieren die Region und damit ruinieren sie auch Fraport": Ronald Kasten, Bad Vilbel.
 Foto: Alex Kraus

Kasten ist 63 Jahre alt, er arbeitet in der Prozessoptimierung eines großen amerikanischen Chemiekonzerns, er kennt sich aus mit Petroläther und Additiven und Verbrennungsrückständen. „Man weiß noch gar nicht, wie das alles wirkt, was da vom Himmel kommt. Dieses Problem ist aber noch nicht mal richtig ein Thema, das Land weigert sich ja, Luftmessungen in Bodennähe vorzunehmen“, sagt er.

Als im Sommer vergangenen Jahres absehbar wurde, dass da eine neue Landebahn am Flughafen eröffnen würde, da hat Ronald Kasten sich mit seiner Frau hingesetzt, sie haben zusammen überlegt, was zu tun sei, schließlich haben sie ein Flugblatt verfasst und zu einer Versammlung ins Kurhaus eingeladen. Es kamen 90 Menschen, alle wütend, alle ratlos, gemeinsam gründeten sie eine Bürgerinitiative. „Am Anfang war der gesamte Magistrat gegen uns, der Fluglärm gehe im Stadtlärm unter, hieß es. Aber dann wurde der Bürgermeister mit bösen Briefen und aggressiven Mails überschüttet, da kriegt natürlich jeder Politiker einen Schrecken.“ Nun hätten sie immerhin einmal ein Gespräch mit dem ersten Stadtrat und dem Flughafenbetreiber Fraport gehabt, das sei schon ein Erfolg.

Die Menschen sind frustriert und ratlos - kämpfen aber weiter

Ronald Kasten sagt, er sei nicht gegen den Flughafen, er habe selbst eine Vielfliegerkarte von der Lufthansa, berufsbedingt. „Das Problem ist, dass es viel zu viel ist. Das Konzept ist falsch, der Flugbetrieb muss gedeckelt und entzerrt werden. Aber das interessiert diese Herren ja gar nicht.“ Stattdessen werde das Wohlbefinden der Menschen gegen das Wohlbefinden eines Unternehmens gestellt, das könne langfristig gar nicht funktionieren. „Die ruinieren die Region und damit ruinieren sie auch Fraport“, sagt Kasten.

Es sei natürlich so, dass das Unternehmen auch viel Gutes tue, die Arbeitsplätze, das Sponsoring, das müsse man schon sehen. „Aber wenn man nach Kolumbien geht, da gibt es auch immer noch viele, die Pablo Escobar verehren, obwohl er unzählige Menschen umgebracht hat. Er hat halt auch Sportplätze gebaut“, sagt Ronald Kasten.

So geht das jetzt seit einem Jahr. Es gibt zigtausende Menschen in der Region, die in ihrer Wut über die Landebahn, über den Lärm, über die Ignoranz, mit der ihnen begegnet wird, die darüber zu drastischen Vergleichen greifen, die von russischen Verhältnissen sprechen und gar nicht so heimlich den Wunsch äußern, auf ihren Hausdächern Flugabwehrgeschütze zu installieren. Sie haben eine ganze Reihe von neuen Begriffe gelernt. Mediationsnacht zum Beispiel, Siedlungsbeschränkungsgebiet, Einzelschallereignis. Sie sind frustriert, entmutigt, ratlos. Aber viele kämpfen trotzdem weiter, auch nach einem Jahr.

Kurz nach Ende der Mediationsnacht, die ja, so wurde das mal verhandelt, nur ein paar Stunden dauern muss, fliegt das Einzelschallereignis DLH443 hinter Bad Vilbel eine große Kurve. Sie beginnt bei Schöneck und führt über Bruchköbel, Hanau und Mühlheim ins Siedlungsbeschränkungsgebiet Offenbach. Der Airbus aus Dallas sinkt auf 1126 Meter und drosselt das Tempo auf 365 km/h. Der Lärm am Boden steigt auf 71 Dezibel.

Unsere Politiker sind noch nicht so weit: Ingrid Wagner, Offenbach.
"Unsere Politiker sind noch nicht so weit": Ingrid Wagner, Offenbach.
 Foto: Alex Kraus

Unten drunter steht Ingrid Wagner und lauscht. Sie tut das jetzt schon seit mehr als 20 Jahren.

Wagner, eine zierliche Frau von 54 Jahren, Pädagogin, Aktivistin, Kämpferin, hat zum Treffen der Bürgerinitiative in ein Mehrgenerationenhaus geladen, es gibt Würstchen und Wein, zwei Dutzend Menschen sitzen vor ihr. Normalerweise seien es mehr, sagt sie, aber an diesem Abend gebe es zwei weitere Fluglärmveranstaltungen. Früher hätten sie oft nur zu wenigen zusammengesessen, aber seit es die neue Landebahn gebe, seien sie immer mehr geworden, es kämen immer noch neue Gesichter zu den Treffen. Und auch diesmal sitzt eine ältere Dame in der letzten Reihe, die sich irgendwann vorstellt und fragt, ob es nicht eigentlich ein Menschenrecht sei, vom Lärm unbehelligt zu leben.

Schockzustände, Ohnmacht, Tinnitus

Im Mehrgenerationenhaus sprechen sie über die Fluglärmwoche, die sie geplant haben, über eine Deckelparade im Dreieichpark am nächsten Wochenende und über die Spende von Fraport an die Stadt, die sie Almosen und Bestechung nennen. Eine Therapeutin berichtet von Schockzuständen, Ohnmacht und Tinnitus bei vielen Bürgern. Und immer wieder geht es um Politiker, die all das einfach hinnehmen und um Medien, die kaum noch berichten, obwohl es doch jede Woche neue Aktionen gibt.

Ich bin sicher, dass es ein gutes Ende nehmen wird: Johannes Faupel, Sachsenhausen.
"Ich bin sicher, dass es ein gutes Ende nehmen wird": Johannes Faupel, Sachsenhausen.
 Foto: Michael Schick

„Wissen Sie, hier gibt es 30 Schulen und doppelt so viele Kindereinrichtungen, die alle nicht mehr bauen dürfen, weil es so laut ist“, sagt Wagner. Man wisse ja längst um die Folgen, es gebe die Kritik, die Studien, „nur unsere Politiker, die sind noch nicht so weit“. Aber es gibt auch Zweifel, ob das alles noch was bringt. Immerhin gehen seit einem Jahr an jedem Montagabend mehr als tausend Menschen an den Flughafen, um zu protestieren, aber die Flieger, die fliegen immer noch. Ingrid Wagner sagt, es gebe ja immerhin das Urteil zum Nachflugverbot, „das ist ein großer Erfolg“.

Am 3. Oktober ist Wagner auf ihr Fahrrad gestiegen, auch das wieder so eine Aktion, eine Lärmradtour von Mühlheim bis zum Sachsenhäuser Berg. Beim Zwischenstopp am Alten Friedhof in Oberrad steht Volker Hartmann, auch er ein Veteran des Kampfes gegen den Lärm. Hartmann hat in den 80er Jahren die Wofa gegründet, die Initiative „Bürger für Wohnen ohne Fluglärm und Absturzbedrohung“, es ist die älteste Fluglärminitiative Frankfurts. Hartmann spricht von „Vertreibung durch Profitdenken“, davon, dass es „wie im Krieg“ sei. „Die soziale Durchmischung geht flöten in den Stadtteilen, es kippt. Wer weg kann, geht weg. Die Politik hat den Süden aufgegeben“, sagt er. Was hier geschehe, sei nichts anderes als ein „großes Menschenexperiment“.

Hartmann hofft, dass der „ungebrochene Zulauf“ der Bewegung wirkt. „Wir werden nicht weniger, auch nach einem Jahr nicht. Damit haben die nicht gerechnet“, sagt er. Dann steigt er auf sein Fahrrad und fährt mit mehr als 100 Mitstreitern zum Goetheturm, den Maschinen wie DLH443 aus Dallas in 860 Metern Höhe überfliegen. Die Station Oberrad misst 73 Dezibel.

Im Esszimmer seines Hauses auf dem Sachsenhäuser Berg sitzt Johannes Faupel, an der Wand hängen Kinderbilder, vor sich hat er einen Brief des Verkehrsministers, darin steht, „dass alles besser geworden ist“, so fasst Faupel das zusammen: „Das ist die hohe Kunst der Umdeutung.“ Faupel, graumelierter Bart, ist 47 Jahre alt, er hat sich einen Ruf erworben als Fachjournalist, als Werbetexter, als systemischer Therapeut – und neuerdings als Lärmrebell.

Wir werden nicht weniger, auch nach einem Jahr nicht: Volker Hartmann, Oberrad.
"Wir werden nicht weniger, auch nach einem Jahr nicht": Volker Hartmann, Oberrad.
 Foto: peter-juelich.com

Als das anfing mit der neuen Bahn, hat er angefangen, durch die Gegend zu fahren und Häuser mit Flugzeuggeräuschen zu beschallen, bei der ehemaligen OB Roth, bei Fraport-Chef Schulte, bei Ex-Ministerpräsident Koch. Außerdem schreibt er Briefe, betreibt Internetseiten und versucht nachzuweisen, dass die Bahn gar nicht rechtmäßig betrieben wird. „Wir sind betrogen worden mit der kriminellen Energie einer Automatenknackerbande. Von oben herab wurde da mit allen Tricks gegen das Wohlergehen der Menschen gearbeitet. Aber diese Tricks stehen auf tönernen Füßen.“

Faupel gehört zu den wenigen, die optimistisch sind. Er spricht vom Politikwechsel, davon, dass man im Zeitalter des Internets nicht mehr mit einer Lobbygruppe gegen das Volk angehen könne. „Je länger es dauert, desto sicherer bin ich, dass das ein gutes Ende nehmen wird.“
DLH443 überfliegt den Sachsenhäuser Berg in einer Höhe von 682 Metern. Die Messstation zeigt einen Wert von 81 Dezibel. 54 Sekunden später kommt der nächste Flieger.

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