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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

20. Juni 2013

Fluglärm : Fluglärm schadet der Wirtschaft

 Von Annette Schlegl
Fluglärm führt zu Bluthochdruck, belegen Forscher.  Foto: Bernd Settnik/dpa

Der Fluglärm verursacht jährlich einen Schaden von mindestens 92 Millionen Euro. Das wenigstens hat ein Offenbacher Wissenschaftler berechnet. Danach entsteht der größte Wertschöpfungsverlust durch Leistungsminderungen bei Arbeitnehmern.

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Offenbach. –  

Durch den Fluglärm, den die Starts und Landungen auf dem Frankfurter Flughafen verursachen, entsteht der regionalen Wirtschaft ein jährlicher Schaden von mindestens 92 Millionen Euro. Das behauptet Hans Schinke, promovierter Soziologe und Volkswirtschaftler. Im Ruhestand hat sich der Offenbacher mit Leistungsminderungen beschäftigt, die Arbeitnehmer durch Fluglärm erleiden, und mit den daraus resultierenden Konsequenzen für die Unternehmen. Seine Schätzungen und Thesen trug er gestern bei der Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach vor.

„Fluglärm wirkt sich negativ aus auf Gesundheit, Konzentration, Kreativität, Leistungsfähigkeit und Ausfallzeiten“, erklärt Hans Schinke. Arbeitnehmer könnten somit nicht mehr die Leistungen erbringen, die sie erbringen sollten. Anders ausgedrückt: „Wenn ich nicht ausschlafen und mich am Wochenende nicht richtig erholen kann, wenn mich der Fluglärm aggressiv macht, dann leidet meine Arbeitsleistung.“

Lange Jahre im Personalwesen tätig, hat Hans Schinke in vielen ehrenamtlichen Stunden Berechnungen zum Thema „Wertschöpfungsverluste durch fluglärmbedingte Leistungsminderung“ erstellt – und konnte es am Ende selbst kaum glauben, was sein Computer ausspuckte: Bei einer verminderten Leistungsfähigkeit von lediglich fünf Minuten pro Acht-Stunden-Tag entsteht den Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet ein jährlicher Schaden von knapp 92 Millionen Euro. Wenn ein Arbeitnehmer pro Arbeitstag 15 Minuten lang keine Normalleistung bringen könne, ergäben sich für die regionale Wirtschaft sogar 275 Millionen Euro Schaden pro Jahr.

Fünf Faktoren fließen ein

Wie kommt Hans Schinke zu diesen Zahlen? Der Offenbacher bezieht fünf Komponenten in seine Wertschöpfungsverlust-Berechnungen ein: die unter Fluglärm leidende Bevölkerung, die durchschnittliche Erwerbsquote, die effektive Jahresarbeitszeit, die durchschnittlichen Bruttolohnkosten pro Stunde und die fluglärmbedingte Leistungsminderung in Prozent.
Nach Angaben des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie leiden in der Rhein-Main-Region derzeit 355 700 Menschen unter Fluglärm. Die Anzahl der Menschen, die in Mainz und den Landkreisen Mainz-Bingen und Alzey-Worms durch den Betrieb des Rhein-Main-Flughafens vom Fluglärm betroffen sind, wird auf 150.000 geschätzt. Nach Auskunft der Statistischen Landesämter betrug die Erwerbsquote in Hessen im Jahr 2011 durchschnittlich 52 Prozent, in Rheinland-Pfalz 51,1 Prozent. Ein Erwerbstätiger arbeitete in Hessen im Schnitt 1410 Stunden, in Rheinland-Pfalz 1373 Stunden.

Die Bruttoarbeitsstunde kostete die Unternehmen im Durchschnitt 25,05 Euro – inklusive Arbeitgeberbeiträgen zur Sozialversicherung. Die fluglärmbedingte Leistungsminderung bei Arbeitnehmern setzt Hans Schinke mit einem persönlichen Schätzwert an, der auf einer Studie des Deutschen Luft- und Raumfahrtinstituts beruht. Er geht von einem bis drei Prozent aus, das sind fünf bis 15 Minuten pro Arbeitstag.

Der Offenbacher multipliziert die fünf Komponenten miteinander und errechnet so die Wertschöpfungsverluste durch Fluglärm für die heimischen Unternehmen. „Alle genannten Zahlen gründen auf 495.000 Flugbewegungen pro Jahr. Sie sollen aber noch auf 700 000 Flugbewegungen anwachsen“, gibt Schinke zu bedenken.

Plädoyer für Steuern

In seinen Thesen schlägt er eine degressiv gestaltete Steuer für fluglärmbedingte Produktivitätsschäden in Höhe von jährlich 100 Millionen Euro vor, die der Gesetzgeber für Hessen und Rheinland-Pfalz festlegen sollte. Diese Steuer sei verursachergerecht von der Luftverkehrswirtschaft zu tragen und soll die regionale Wirtschaft entschädigen.
„Bislang beeinträchtigen Fraport AG und Luftverkehrswirtschaft die Gesundheit der Bevölkerung, ohne dafür zu bezahlen“, sagt Schinke. Deshalb plädiert er dafür, dass der Gesetzgeber in Hessen und Rheinland-Pfalz auch eine Steuer für fluglärmbedingte Gesundheitsschäden einführt. Diese Steuer sollte pro Einwohner mit einem Euro pro Tag angesetzt werden. Die Luftverkehrswirtschaft als Verursacher müsse demnach 184,5 Millionen Euro tragen.

Schinke hat den Produktivitätsverlust und die Gesundheitsabgabe in das Konzernergebnis der Fraport AG für das Jahr 2012 eingearbeitet. Demnach ergäbe sich statt eines Gewinns von 251 Millionen Euro ein Verlust von 33 Millionen Euro.

Die Anwesenden waren sich darüber einig, dass dieses Thema bei den Wirtschafts- und Unternehmensverbänden im Rhein-Main-Gebiet kommuniziert werden muss. „Wir werden diese Forderungen an den Flughafen weiterleiten, an die Öffentlichkeit gehen und die Thesen weiterverbreiten“, versprach Ingrid Wagner von der Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach.

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