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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

20. Dezember 2011

Fluglärm: Der Schrei nach Stilllegung der Landebahn

 Von Jürgen Ahäuser und Pitt von Bebenburg
Die Demonstranten quittierten die Erwähnung aller Politiker mit Pfiffen und Buhrufen. Die Menschen in der Region seien „verkauft worden“, hieß es dazu.  Foto: dapd

Tausende Demonstranten fordern am Frankfurter Flughafen Ruhe nicht nur zur Weihnachtszeit. Zuvor hatte Bouffiers Fluglärm-Gipfel ohne die Betroffenen getagt.

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Tausende Demonstranten fordern am Frankfurter Flughafen Ruhe nicht nur zur Weihnachtszeit. Zuvor hatte Bouffiers Fluglärm-Gipfel ohne die Betroffenen getagt.

Von besinnlicher Adventszeit keine Spur im Frankfurter Flughafen. Im Gegenteil: Es war laut, sehr laut, für die Airport- Mitarbeiter und die Flugreisenden ganz sicher unangenehm. Kurz gesagt, es war am Montagabend sehr ungemütlich auf Deutschlands größtem Luftdrehkreuz. 6000 Leute, so die Schätzung der Bürgerinitiativen, die Polizei sagt 3000, demonstrierten zum sechsten Mal gegen den Fluglärm, der ihnen seit der Eröffnung der neuen Nordwestlandebahn die Lust am Leben im Rhein-Main-Gebiet raubt.

Die Frankfurter beklagten in ihrer auf Tafeln montierten Todesanzeige das Sterben ihrer südlichen Stadtteile, ein paar Leute demonstrierten mit Plastiktöpfen auf dem Kopf, dass die Region im Eimer ist, wenn sich nicht bald etwas ändert. Die Region zwischen dem Main-Kinzig-Kreis und Mainz befindet sich in Aufruhr. Und der Ton der mittlerweile in 80 Bürgerinitiativen organisierten Menschen wird rauer: Immer öfter, immer lauter und immer bestimmter war gestern Abend der Ruf zu hören: „Die Bahn muss weg.“

Viele unter den Demonstranten begnügen sich nicht mehr mit der Minimalforderung, das im Mediationsverfahren festgeschriebene Nachtflugverbot zwischen 23 und 5 Uhr zu fordern. Das Mindeste ist nun eine von Flugbewegungen freie Zeit zwischen 22 und 6 Uhr.

Immer dann, wenn Redner acht Stunden ungestörten Schlaf einforderten, erschallte im Terminal 1 auch der lautstarke Ruf der Mehrheit nach Stilllegung der 600 Millionen Euro teuren, gerade erst eröffneten Betonpiste.

Protestsong

Landebahngegner singen auf der Demo "Von fünf Uhr acht, bis spät in die Nacht".

Hören Sie das Lied in unserer heutigen FR-App für iPad und Android-Tablets (20.12.2011).

Wenn auch nur die Namen des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (beide CDU) und des hessischen Wirtschaftsministers Dieter Posch (FDP) genannt wurden, schallte ein tausendfaches „Lügner, Lügner“ durch das Terminal 1.

Der Sprecher der rhein-hessischen Bürgerinitiativen Uwe Spieß forderte Fraport-Chef Stefan Schulte auf, auf Augenhöhe mit den betroffenen Menschen zu reden. Die Hochheimer Bürgermeisterin Angelika Munck (FWG) berichtete von Bürgern ihrer Stadt, die wegen des Fluglärms „tief verzweifelt, aber auch zornig und wütend“ seien. „Die ganze Ärzteschaft aus Sachsenhausen ist da“, berichtete ein ortskundiger Demonstrant. Im nächsten Jahr, so der Tenor, soll der Flughafen „wieder gerockt“ werden.

Das Motto der letzten Flughafen-Demo in diesem Jahr hätte auch gut „Stille Nacht, heilige Nacht“ sein können. Denn das uralte Weihnachtslied gab gestern die Melodie für einen Protestsong vor, den die Flörsheimerin Johanna Keil getextet hatte. Mit dem Refrain: „Machet die Landebahn zuuu.“ Der zur gleichen Zeit von 3000 Flughafengegnern in Berlin unterstützte neue Frankfurter Flughafen-Chor schaffte es sogar bis in die ARD-Tagesschau.

Bouffier macht keine konkreten Zusagen

Am Rande eines Fluglärm-Gipfels in der Staatskanzlei in Wiesbaden hat Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) gestern keine konkreten Zusagen für eine Verringerung von Fluglärm oder einen Verzicht auf Nachtflüge gemacht. Zwar wolle er „die Belastungen in erträglichem Rahmen halten“, sagte der Regierungschef. Er wolle und werde aber „nichts versprechen, was niemand halten kann“.

Forderungen, die neue Landebahn stillzulegen, wies Bouffier entschieden zurück. Eine „Zukunft mit Arbeitsplätzen und Wohlstand“ gebe es für Hessen nur mit diesem Flughafen. Er sei „das Herzstück unseres Wohlstandes“. Zu dem Gipfel waren keine Vertreter von Bürgerinitiativen eingeladen worden.

Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) sagte am Rande, man spreche in erster Linie über aktiven Lärmschutz, also leisere Flugzeuge und Anflugverfahren. Es sei auch zu überlegen, ob die Lärmschutzverordnung geändert werden müsse, die manchen Anwohnern Schallschutzfenster oder die Möglichkeit zum Verkauf ihres Hauses an die Fraport zusagt.

SPD und Grüne sprachen von einem „Gipfel der Heuchelei“. Die Gespräche über Lärmschutz kämen viel zu spät.

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