Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

11. August 2012

Fluglärm Flughafen Frankfurt: Quälender Streit um Lärmstudie

 Von Felix Helbig und Friederike Tinnappel
Flugzeuge im Kopf: Landebahngegner haben das Motiv für eine Postkarte erdacht.

Um die Norah-Fluglärmstudie ist inzwischen ein regelrechter Streit entbrannt: Ärzte bezeichnen die Studie als überflüssig, schlagen eine Einladung der Initiatoren zum Dialog aus und fordern ethische Kontrollen. Die Initiatoren verteidigen ihre Untersuchung.

Drucken per Mail

Um die Norah-Fluglärmstudie ist inzwischen ein regelrechter Streit entbrannt: Ärzte bezeichnen die Studie als überflüssig, schlagen eine Einladung der Initiatoren zum Dialog aus und fordern ethische Kontrollen. Die Initiatoren verteidigen ihre Untersuchung.

So richtig wollte sich Johann-Dietrich Wörner am Freitagnachmittag im Umwelt- und Nachbarschaftshaus nicht freuen. Lieber hätte er mit den Ärzten diskutiert, die den Abbruch der Lärmwirkungsstudie Norah gefordert haben. Stattdessen nun diese kurzfristig einberufene Pressekonferenz, um die Notwendigkeit der Studie noch einmal zu unterstreichen. Wörner, der als Vorsitzender des Forums Flughafen & Region den Dialog zwischen den Menschen im Rhein-Main-Gebiet und der Luftverkehrswirtschaft fördern soll, hatte Verstärkung mitgebracht: die Leiter der verschiedenen Bausteine, aus denen diese über drei Jahre geplante, interdisziplinäre Studie besteht.

Nach Angaben von Rainer Guski, Ruhr-Universität Bochum, wurde der Planfeststellungsbeschluss für den Flughafen-Ausbau auf Grundlage „alter Daten“ getroffen. Jetzt gehe es darum, Erkenntnisse zu sammeln, die die seiner Ansicht nach zu hohen Grenzwerte im Fluglärmgesetz infrage stellen könnten. Guski führt zusammen mit Dirk Schreckenberg von der Zeus GmbH in Hagen so etwas wie die Oberaufsicht über das ambitionierte Projekt.

Norah biete, so Schreckenberg, die Möglichkeit zu erforschen, welche Auswirkungen die neue Landebahn, das Nachtflugverbot und der Flugbetrieb am frühen Morgen und am späten Abend auf die Gesundheit haben. Erstmals werde untersucht, „was mit Menschen passiert, wenn mehrere Lärmquellen zusammenkommen“. Maria Klatte von der TU Kaiserslautern, die für eine Untersuchung von 29 Grundschulen im Rhein-Main-Gebiet verantwortlich ist, beteuerte, dass es „ganz viel Forschungsbedarf und offene Fragen“ gebe. Man habe in den bekannten Studien „widersprüchliche Aussagen vorgefunden“, ergänzte Bettina Brohmann vom Darmstädter Ökoinstitut.

Norah-Studie

Bei der Lärmwirkungsstudie werden Krankenkassen-Stammdaten von rund zwei Millionen Bewohnern in einem Radius von rund 80 Kilometern um den Flughafen ausgewertet. Weitere 13.000 Personen nehmen direkt daran teil – geben Interviews, messen ihren Blutdruck, lassen ihren Schlaf überwachen.

Auftraggeber ist das Umwelt- und Nachbarschaftshaus, eine Einrichtung des Landes, das den Großteil der Kosten in Höhe von rund 7,3 Millionen Euro übernimmt. Je eine Million kommen von den Kommunen und der Fraport.

Neun Institute, 20 Wissenschaftler diverser Disziplinen und ihr technisches Personal erforschen in drei Jahren, wie sich der Krach von Flugzeugen, aber auch von Autos und Bahnen auf den Menschen auswirkt.

Ebenfalls anwesend: der für die Blutdruckmessungen zuständige Thomas Eikmann (Uni Gießen) und Andreas Siedler von der Uni Dresden. Er wird die Daten von 1,5 Millionen gesetzlich Versicherten auswerten und 24.000 von ihnen befragen.

Die inzwischen mehr als 100 Ärzte, die den offenen Brief unterzeichneten, hatten die Studie angesichts der aktuellen Studienlage als überflüssig bezeichnet. Mit ihr verzögere die Landesregierung zwei weitere Jahre lang wirksame Lärmschutzmaßnahmen wie etwa ein längeres Nachtflugverbot und weniger Flugbewegungen. Zwischen ihnen und den Auftraggebern der Studie ist inzwischen ein regelrechter Streit entbrannt, eine Einladung zum Gespräch schlugen die Ärzte aus, solange ihnen nicht Unterlagen vorgelegt würden, die unter anderem eine Überprüfung der Studienmodule durch Ethikkommissionen belegen sollen.

„Bislang ist das nicht geschehen, wir gehen deshalb davon aus, dass keine Ethikkommissionen beteiligt waren“, sagt der Frankfurter Urologe Winfried Roos, einer der Initiatoren des offenen Briefes. Er bezweifelt vor allem, dass der Teil der Studie einer Ethikkommission vorgelegt wurde, in dem die gesundheitlichen Auswirkungen von Lärm auf Kinder untersucht werden. Der Leiter des Umwelt- und Nachbarschaftshauses, Günter Lanz, hatte vor wenigen Tagen der FR gesagt, es seien Aufträge an drei Ethikkommissionen ergangen, für die Kinderstudie sei dabei das hessische Kultusministerium zuständig. Das Ministerium erklärte am Freitag auf FR-Anfrage, man habe keine Ethikkommission. Von einer ethischen Überprüfung sei im Ministerium nichts bekannt, sagte ein Sprecher. Man habe lediglich für Lärmmessungen die beteiligten Schulen informiert.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial
Koch geht, Bouffier kommt - wohl auch im CDU-Bundesvorsitz.

Ende einer Ära: Nach elfeinhalb Jahren nimmt Hessens Ministerpräsident Roland Koch Abschied von der Politik.

Spezial

Hat Volker Bouffier als Innenminister einen Parteifreund begünstigt? Ein Untersuchungsausschuss sucht Antworten.

Spezial

Nach der Privatisierung des Uniklinikums Marburg-Gießen häufen sich Berichte über eine schlechte Krankenversorgung und Personalmangel.

Polizeimeldungen

Was ist passiert? Polizeimeldungen aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau sowie Wiesbaden.