Nur einige Meter den Hang hinauf, über dem kleinen Café, donnern Züge unablässig von links nach rechts. Oder von rechts nach links. Die Bahnstrecke durch Sachsenhausen wird schon jetzt intensiv genutzt – und die Bahn will gerade die Gütertransporte massiv ausbauen. Nein, ruhig waren bestimmte Zonen des Stadtteils nie. Aber seit Ende Oktober ist eine neue Dimension hinzugekommen: „Die Flugzeuge 350 Meter über unserem Haus“, klagt Ursula auf der Heide. „Dauerstress, zu wenig Schlaf“: Was sie erlebt, teilen viele Menschen im Frankfurter Süden. Die 59-Jährige hat Angst: „Ich will keinen Herzinfarkt bekommen.“
Aber die gebürtige Sachsenhäuserin findet sich dennoch in einer ganz besonderen Situation wieder. „Ich bin im verkehrten Film aufgewacht“, klagt sie. Vor mehr als 30 Jahren schon kämpfte die ausgebildete Lehrerin gegen das Wachstum des Flughafens. Sie demonstrierte gegen den Bau der Startbahn 18 West, sang mit ihrer „Bunker-Band“ Protest-Songs gegen den damaligen SPD-Ministerpräsidenten: „He, Börner, keine Startbahn West.“
Doch heute muss sich die Grüne in ihrem Heimat-Stadtteil wüst beschimpfen lassen. „Verräterin!“ oder „Heuchlerin!“ steht in den E-Mails, die sie bekommt, oder: „Die Grünen sind die Allerschlimmsten!“ Kaum aus der Wohnung, wird sie in erbitterte Diskussionen verwickelt, im Treppenhaus und auf der Straße, „ununterbrochen und überall“. Die Opfer des Fluglärms machen auf der Heide verantwortlich: Weil die Stadtverordnete in einer Koalition mit der CDU steht, und die Koalitionsvereinbarung von 2006 festlegte, dass sich CDU und Grüne bei Abstimmungen zum zwischen ihnen umstrittenen Thema Flughafen der Stimmen enthalten.
Ursula auf der Heide ist kein wehleidiger Mensch. Sie ist gewohnt, sich durchs Leben zu kämpfen, arbeitet heute als selbstständiger Coach für Führungskräfte. Aber die Tugenden, die sie ihren Top-Management-Männern zu vermitteln versucht – zuhören, aufeinander eingehen, nicht mit dem Kopf durch die Wand – zählen momentan in der Flughafen-Diskussion überhaupt nicht.
Noch immer verteidigt sie die schwarz-grüne Koalitionsvereinbarung: „Es gab keine andere Partei, mit der man etwas politisch gestalten konnte.“ Um dem Wachstum des Flughafens Grenzen zu setzen, stünden weder CDU noch SPD zur Verfügung: „Auch die Sozialdemokraten wollen ja den Ausbau!“ Auf der Heide macht sich nichts vor. „Der Mehrheit der Frankfurter ist das Thema Flughafen noch gleichgültig.“
Wenn am morgigen Samstag zur zentralen Protest-Demonstration im Flughafen aufgerufen wird, „bin ich natürlich dabei“. Sie will weiter geduldig versuchen, die Position der Grünen zu verdeutlichen. Was lässt sich jetzt noch tun gegen die Landebahn? „Eine Gesprächsebene zur Fraport aufbauen, mehr Lärmschutz, das Nachtflugverbot ausweiten.“ Und die Forderung der grünen OB-Kandidatin Rosemarie Heilig, die Landebahn stillzulegen? Auf der Heide ist Grüne genug, um da politisch die Reihen zu schließen: „Das ist als Signal total in Ordnung.“ Sie hoffe auf eine rot-grüne Landesregierung, die 2013 das Thema anpackt …
Aber der Alltag unter der Lärmglocke nagt an der Frau, die nahe dem Grethenweg wohnt. Bleiben oder wegziehen? Die Politikerin schweigt. „Ich kann mein Zuhause nicht aufgeben“, antwortet sie schließlich. In Sachsenhausen, da sind ihre Kindheitserinnerungen, auf dem Südfriedhof liegen die Gräber ihrer Familie. Sie bleibt.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.