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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
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13. März 2013

Fluglärm: Protest wird unbequemer

 Von 
Sie wollen zeigen, wie ziviler Ungehorsam geht: Carola Gottas und Birgit Stern.  Foto: Rolf Oeser

In Flörsheim und Hochheim liegen die Nerven blank: Jetzt wollen Fluglärminitiativen Blockaden trainieren und holen sich dafür Rat von erfahrenen Aktivisten. Die Workshops für zivilen Ungehorsam sind bereits ausgebucht.

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Drei Wochen fast ununterbrochen Ostwind, landende Flieger im Minutentakt über den Wohnhäusern, und immer wieder dumpf pfeifende Wirbelschleppen, die Ziegel von den Dächern fegen – in Flörsheim und Hochheim liegen die Nerven blank.

„Die Leute werden wieder richtig aggressiv. Sie sind verzweifelt, fühlen sich alleingelassen“, sagt Carola Gottas, Sprecherin der Bürgerinitiative Flörsheim-Hochheim. Kurz nach Inbetriebnahme der Nordwestlandebahn wurde die BI gegründet und kämpft seither gegen den Lärm vom Himmel. Mehrere Hundert Mitstreiter gibt es.

Die Wut der Bürger brauche ein Ventil, sagt die Flörsheimerin. Montagsdemos, bei denen Woche für Woche bis zu 1500 Menschen im Flughafenterminal Transparente hochhalten, Pfeifkonzerte veranstalten und ob ihrer Disziplin sogar von Fraport gelobt werden, seien nur eine Form des Protests. „Wir wollen unbequemer werden, nicht mehr so brav sein“, sagt Gottas.

Mit Aktivisten von Stuttgart21, Gorleben und mit Atomkraftgegnern hat sie Kontakt aufgenommen. Einer davon fand sich bereit, für die Anti-Fluglärminitiative einen Workshop zu geben und mit den Teilnehmern zivilen Ungehorsam zu trainieren. Was das genau heißt? Carola Gottas will nicht zu viel verraten. Zunächst gehe es darum zu erfahren, welche Protestaktionen legal sind und mit welchen juristischen Folgen Demonstranten gegebenenfalls zu rechnen haben, wenn sie sich der Polizeigewalt widersetzen.

Standardbrief von der CDU

„Wir wollen den Unterschied klarmachen zwischen zivilem Ungehorsam und Straftaten“, sagt Gottas und nennt als Beispiel eine SitzblockadeBlockaden trainieren. vor dem Eingang eines Unternehmens, das der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) besucht. Auf derartige Aktionen müssten sich hessische Politiker im Landtagswahlkampf einstellen. „Da werden die Fluglärmgegner dann auch mal sitzen bleiben“, kündigt Gottas an.

Der Titel des Workshops, der am 13. April in Flörsheim laufen wird, lautet „Aus Protest wird Widerstand“. Freie Plätze gibt es schon keine mehr. In kürzester Zeit hätten sich mehr als 30 Teilnehmer angemeldet, sagt Carola Gottas; darunter auch mehrere Interessierte aus Mainz und Frankfurt. Schon gibt es eine Warteliste und Pläne für einen zweiten Workshop-Termin. „Die Verzweiflung ist groß unter den Menschen in der Region, die unter Fluglärm leiden“, sagt Carola Gottas. „Von den Maßnahmen, die angeblich bereits ergriffen wurden, um den Krach einzudämmen, ist noch nichts bei uns angekommen.“

Wie blanker Hohn klingt für die Fluglärmgegner aus Flörsheim und Hochheim deshalb auch das, was Heinz Riesenhuber, Direktkandidat der CDU für die Bundestagswahl im Main-Taunus-Kreis, jüngst in einem Brief an sie geschrieben hat. Er teile die Sorgen der Bürger, versichert Riesenhuber in dem mehrseitigen Schreiben und verweist auf den „qualitativ hochwertigen Schallschutz“, für den Fraport und die Landesregierung Geld ausgäben. „Man fühlt sich nicht ernst genommen, wenn man so einen Standardbrief bekommt“, sagt Birgit Stern, Sprecherin der BI aus Hochheim. Sie hofft, dass Spitzenpolitiker anderer Fraktionen, an die das Schreiben der BI auch geschickt wurde, differenzierter antworten.

Welche Schlussfolgerungen die Parteien aus „dem Desaster“ der Inbetriebnahme der neuen Landebahn Nordwest zögen, welche Maßnahmen sie ergreifen wollten, um die Auswirkungen auf Lebensqualität und Gesundheit der Bevölkerung zu korrigieren, will die Initiative darin unter anderem wissen.

Sie hofft, „dass die Politiker bereit sind, Ihre Position und die ihrer Partei zu korrigieren und Gesundheits- und Lärmschutz vor Mobilitäts- und Wirtschaftsinteressen zu stellen“.

Gottas und Stern haben klare Vorstellungen, was passieren muss, um den Lärm einzudämmen: Weniger Flugbewegungen, Ausbaustopp für das Terminal 3 und in letzter Konsequenz Stilllegung der Nordwest-Landebahn, lauten die Forderungen der BI. Und wenn das nach geltender Rechtslage nicht geht? „Dann muss man halt die Gesetze ändern oder den Planfeststellungsbeschluss“, sagt Carola Gottas.

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