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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

12. August 2012

Fluglärm rund um Flughafen Frankfurt: „Die Protest-Pause ist vorbei“

Die Sommerferien sind zu Ende: Die Montagsdemos am Frankfurter Flughafen beginnen wieder.  Foto: Michael Schick

Der Widerstand gegen die Expansion des Frankfurter Flughafens ist ungebrochen. Neue Munition könnte den Gegnern der Lärmaktionsplan liefern, der demnächst veröffentlich wird. Ein Gespräch mit Martin Kessel, einem der führenden Köpfe des Protestes.

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Die Sommerferien sind vorbei. Heute beginnen wieder die Montagsdemonstrationen auf dem Flughafen. Frankfurts neuer Oberbürgermeister rückt in den Fraport-Aufsichtsrat. Ende August soll der Lärmaktionsplan veröffentlicht werden. Martin Kessel, Vorsitzender des Instituts zur Abwehr von Gesundheitsgefahren durch Lärm (lagl) setzt auch auf neue Richtlinien.

Rechnen Sie weiter mit einem großen Zulauf bei den Demonstrationen im Terminal?

Wegen der Ferien gab es so etwas wie eine Sommerpause. Jetzt geht der Protest unvermindert weiter. In der Bundesrepublik hat es noch nie über einen solch langen Zeitraum an einen so neuralgischen Punkt wie dem Drehkreuz Frankfurt eine solche friedliche Demonstrationsbewegung gegeben. Die Menschen können sich nicht an den Lärm gewöhnen, zumal die Flugbewegungen sich ja noch um 50 Prozent steigern werden.

Aber es gibt doch seitens der Landesregierung und Luftfahrt Bemühungen, die Belastungen zu mindern.

Man kann Lärm nicht hinter Hochglanzbroschüren verstecken. Lärm ist allgegenwärtig. Morgens ab 5 Uhr bis abends um 23 Uhr. Auch nachts gibt es noch zu viele Ausnahmen. 500000 Menschen zwischen Hanau und Mainz werden jeden Tag gestört in ihrem Leben und in ihrer Gesundheit beeinträchtigt.

Montagsdemos gehen weiter

Am Montag, 13. August, um 18 Uhr nehmen die Fluglärmgegner ihre Montagsdemos am Frankfurter Flughafen wieder auf. Bei ihrer ersten Aktion nach den Ferien wollen sich die Bürgerinitiativen wieder zu einem lautstarken Rundgang durch das Terminal 1 formieren.

Es ist die 29. Demonstration seit Eröffnung der neuen Landebahn am Frankfurter Flughafen im vergangenen Herbst. Dazu werden rund 2000 Lärmgegner erwartet. Während der Ferienwochen hatte es nur kleinere Mahnwachen im Terminal gegeben.

In den Sommerferien forderte die Luftfahrtbranche mehr Flexibilität beim Nachtflugverbot. Haben Sie kein Mitleid mit Passagieren, die nachts in Frankfurt stranden?

Der Anspruch auf Nachtruhe besteht für acht Stunden. Jetzt haben wir ein kastriertes Nachtflugverbot von sechs Stunden. Warum sollen 200 oder auch 500 Menschen noch nach 23 Uhr fliegen können, wenn 500000 Menschen dadurch in ihrem Leben und ihrer Gesundheit beeinträchtigt werden? Diese Zumutung ist in Relation zu setzen mit den wirtschaftlich diktierten Notwendigkeiten, die die Luftfahrtbranche versucht der Öffentlichkeit klarzumachen. Aber das funktioniert nicht. In der Interessenabwägung hat die Gesundheit alle Mal Vorrang zwischen Flügen und Frachtabwicklung.

"Norah-Studie ist überflüssig"

Apropos Gesundheit. Rund 100 Ärzte haben in einem offenen Brief den Sinn der Lärmwirkungsstudie Norah in Zweifel gezogen. Sie bringe keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Haben sie Recht?
Die Norah-Studie ist überflüssig, weil sie als Ergebnisse das bringen wird, was die Auftraggeber bezwecken. Über einen längeren Zeitraum tun die Wissenschaftler so, als würden sie etwas Neues erforschen. Am Ende wird gesagt, dass Fluglärm eine Frage der Betroffenheit ist. Wir wissen schon lange, dass Fluglärm diejenigen, die er belastet, in ihrer Gesundheit beeinträchtigt. Es ist außerdem unmöglich Straßenlärm, Schienenlärm und Fluglärm miteinander zu vergleichen. Das sind völlig verschiedene Lärmarten.

Zur Person
Martin Kessel.

Martin Kessel ist 1. Vorsitzender des in Offenbach ansässigen Instituts zur Abwehr von Gesundheitsgefahren durch Lärm (lagl). Der ehemalige Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau wohnt in Mörfelden-Walldorf.

Die Norah-Auftraggeber argumentieren, es existierte kein belastbares Datenmaterial, um den Lärmbetroffenen helfen zu können.
Man kann ihnen heute helfen, indem man in dieser Massivität nicht mehr über sie fliegt und in dieser geringen Höhe. Dass geht nur über Betriebsbeschränkungen. Der Flughafen ist standort-unverträglich im Rhein-Main-Gebiet mit mehreren Millionen Menschen. Wenn man etwas tun will, kann man jederzeit die Flugbewegungen reduzieren und hat damit erreicht, was man erreichen will, nämlich weniger Betroffene. Dazu braucht man keine weitere, im Ansatz wenig hilfreiche, Studie.

Der neue Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann bekommt einen Sitz im Fraport-Aufsichtsrat. Er hat den Lärmbetroffenen im Wahlkampf versprochen, sich für sie einzusetzen. Was erwarten Sie?

Der Aufsichtsrat ist halb mit Arbeitgebern, halb mit Arbeitnehmern besetzt. Herr Feldmann ist nur einer von vielen. Wir erwarten, dass er Einfluss darauf nimmt, dass das Nachtflugverbot eingehalten und der Lärm reduziert wird. Es ist auch eine Frage, wie die Grünen sich bewegen. Die Frankfurter Grünen waren immer beim Flughafenausbau aus Koalitionsräson wachsweich.

"Feldmann kann gern zur Demo kommen"

Haben Sie Herrn Feldmann schon getroffen?

Nein, nicht persönlich. Er kann jederzeit zu unseren Veranstaltungen kommen. Auch am Montag, um die Demonstration am Flughafen mitzuerleben. Eine ganze Reihe Politiker hat sich schon dort umgeschaut, ohne Reden zu halten. Es wird Herrn Feldmann sicherlich guttun, wenn er auch mal montags um 18 Uhr rauskommt.

Ende August wird das Regierungspräsidium voraussichtlich den Lärmaktionsplan veröffentlicht. Was bedeutet das?

Erstmals wird en détail die gesamte Lärmbelästigung einer Region, jedes einzelnen Ortes erfasst. Dann wird offensichtlich werden, dass der Flughafen ein großer Verursacher von Lärm ist. Die nach neuen EU-Richtlinien erstellten Kataster eröffnen die Möglichkeit, die Umweltbelastung durch Lärm neu zu verhandeln. Eventuell gibt es hier eine neue Möglichkeit, einen Hebel anzusetzen.

Nach der Veröffentlichung können sich Bürger äußern. Können sie auch etwas bewirken?

Bürger und Verbände können ihre Einsprüche geltend machen. Die Umgebungslärmrichtlinie der EU schreibt vor, dass Lärmschutzpläne entwickelt und fortgeschrieben werden müssen.

Das Interview führte Jutta Rippegather

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