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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

16. Januar 2012

Frankfurter Flughafen: "Die Landebahn muss weg!"

 Von Andrea Rost
Für viele ist der Fluglärm zum Schreien.  Foto: dpa

Tausende schreien bei der Montagsdemo auf dem Frankfurter Flughafen ihre Wut hinaus. Sie tragen Plakate mit Aufschriften wie "Stop Fluglärm - Hört unsere Stimmen!" oder "Ihr tretet unsere Gesundheit mit Füßen".

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Frankfurt am Main –  

Der Krach ist ohrenbetäubend. Eric Bill hält sich die Ohren zu und bläst kräftig in seine Tröte. „Flörsheim war unsere schöne Heimat bis zur Eröffnung der Landebahn“ steht auf dem Plakat, das der Zehnjährige in die Höhe hält. Sein Bruder Jonas (8) hat sicherheitshalber Kopfhörer aufgesetzt. Er sieht müde aus. Seit sechs Uhr ist er wach. Die Flugzeuge haben ihn aufgeweckt.
Bei Ostwind donnern von fünf in der Früh bis 23 Uhr nachts die Jets im Landeanflug auf die Nordwestbahn über das Haus der Bills im Flörsheimer Neubaugebiet. Im Zwei-Minuten-Takt kommen sie, 250 Meter tief und 80 Dezibel laut. „Herr Bouffier, wie viel Schlaf brauchen Ihre Kinder?“ hat Jonas auf sein Plakat geschrieben.

„Wir sind so richtig geladen für diese Montagsdemo“, sagt Bettina Bill. Zum dritten Mal sind sie, ihr Mann Gerhard und die drei Kinder Jonas, Eric und Lena im Terminal, um gegen die neue Landebahn zu demonstrieren. Nur ihr Pflegekind Priti haben sie zu Hause bei der Oma gelassen. Der Zweieinhalbjährige würde sich vor dem Krach erschrecken. „Es reicht schon der Lärm, den die Flieger machen“, sagt Bettina Bill.

„Lügner, Lügner!“ schallt es durch die Halle

Eine Sprecherin des Bündnisses der Bürgerinitiativen liest die Auflagen für die Demo im Terminal vor: keine Tröten, Trillerpfeifen und Vuvuzelas. Längst nicht alle Teilnehmer halten sich daran. Schrille Pfiffe ertönen. Krach machen auch Trommeln, Schellen und Ratschen; eine Frau schlägt die Deckel von zwei Kochtöpfen aneinander; große Kuhglocken werden geschwungen. „Es ist viel lauter hier als vor Weihnachten“, sagt Gerhard Bill. „Und die Stimmung ist um einiges aggressiver. Nach sieben Wochen Westwind sind auch die Frankfurter aufgewacht – endlich.“

Ein unübersehbares Meer aus Plakaten und Transparenten wallt durch die Halle B des Flughafenterminals. Niederrad, Offenbach, Flörsheim, Kelsterbach, Hanau, Steinheim, Frankfurt-Lerchesberg, Mörfelden-Walldorf, Bad Vilbel, Mainz, Wiesbaden – die ganze Region rund um den Flughafen ist vertreten. Von 5000 Teilnehmern wird das Bündnis der Bürgerinitiativen später sprechen. Die Polizei zählt 3000 Demonstranten.

Und die werden immer lauter. „Die Bahn muss weg!“ skandieren sie minutenlang. „Lügner, Lügner!“ schallt es durch die Halle, als ein Sprecher das Treffen der Bürgerinitiativen mit Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am morgigen Mittwoch ankündigt. Auch Gerhard Bill erwartet sich nicht viel davon. Er selbst hat in den letzten Wochen Gespräche mit Politikern verschiedener Parteien geführt. „Am Ende driftet alles immer in Phrasen ab“, sagt er. „Die Perspektive, die man uns gibt, bleibt sehr vage.“

"Wir geben die Hoffnung nicht auf"

Viele Fragen sind für die Flörsheimer Familie offen. Warum wird die Nordwestbahn so extensiv genutzt? Warum müssen fluglärmgeplagte Bürger um eine Entschädigung betteln.? „Für die Umsiedlung der Ticona zahlt Fraport 700 Millionen Euro, und uns reißt man einfach den Boden unter den Füßen weg“, sagt Gerhard Bill kopfschüttelnd. „Wo bleibt denn da die Menschenwürde?“

„Die Bahn muss weg!“ So wie Tausende andere rufen die Bills diesen Satz immer wieder. „Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass uns die Politik endlich ernst nimmt, dass man einsieht, dass der Bau der Nordwestbahn eine Fehlentscheidung war, dass die Bahn zurückgebaut wird“, sagt Gerhard Bill.

Und was, wenn das nicht passiert? „Dann müssen wir weg aus Flörsheim“, sagt Bettina Bill. „Der Fluglärm hat uns überfallen wie eine Krankheit. Er ist das einzige Thema Tag und Nacht.“ Wie sie den Umzug finanziell bewältigen sollen, wissen die Bills allerdings nicht. Ihr Haus steht ein paar Meter neben der Kernzone des Casa-Programms. Ein Angebot, die Immobilie zu kaufen, macht ihnen Fraport nicht. Die Signale, dass das freiwillige Programm zum Immobilienkauf eventuell noch erweitert werden könnte, sind äußerst verhalten.

Und dann sind da auch noch die Kinder: Eric, der alle seine Freunde in Flörsheim hat und im Verein Handball spielt. Und Jonas, der die Grundschule im Neubaugebiet besucht. Weit wegziehen will auch die 16-jährige Lena nicht. Sie geht in Wiesbaden zur Schule und wird bald Abitur machen.

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