Die ernüchternde Botschaft hat Johann-Dietrich Wörner am Ende eines fast zweistündigen Hintergrundgespräches mit Journalisten mit verblüffend offenem Visier verkündet: „Wir müssen so ehrlich sein und den Leuten sagen, dass es in den nächsten Jahren nicht leiser, sondern lauter wird.“ Angesichts der Empörung, die sich seit Inbetriebnahme der Nordwest-Landebahn nicht nur in Montagsdemonstrationen, einem Protestzug von mehr als 10.000 Menschen durch das Flughafenterminal und einer nicht endenden Flut von meist empörten Leserbriefschreibern kundtut, eine mutige Ansage des Mannes, der sich als Hüter der Mediation zum Flughafenausbau versteht.
Die Wahrnehmung von Fluglärm ist ein psychologisches und individuelles Problem
Wenn der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zusammen mit Fraport-Chef Stefan Schulte den 63 Vertretern aus Kommunen und Kreisen des Rhein-Main-Gebietes am Freitagmittag in Kelsterbach ähnlich deutlich reinen Wein eingeschenkt hat, dann werden die Landräte und Bürgermeister in nächster Zeit ähnlich schlecht schlafen wie die vom Fluglärm betroffenen Menschen.
„Wir Berliner wollen zeigen, dass wir solidarisch sind, deshalb sind wir nach Frankfurt gekommen. Der Müggelsee ist überall. Das Problem mit dem Fluglärm ist national.“
„Man wird geopfert. Das hat nichts mit Demokratie zu tun.“
„Das Limit ist weit überschritten. Den Betroffenen kann nicht noch mehr zugemutet werden.“
„Die Politiker haben versagt, jetzt müssen sie ihre Fehler wiedergutmachen.“
„Hier wird der schönste Teil Frankfurts und meine Heimat zerstört und die Politiker sehen weg.“
Der Darmstädter Professor hat sowohl vor der Presse als auch vor den Kommunalpolitikern versprochen, alles zu tun, um die Lärmbelastung vor allem für die am stärksten betroffenen Menschen möglichst schnell zu mindern. Möglich werden soll das durch die immer wieder diskutierten Maßnahmen des aktiven und passiven Schallschutzes. Optimierte An- und Abflugverfahren gehören genauso dazu, wie das Warten auf noch leisere Flugzeuge – „hier hat sich ja schon viel getan“ – und die Erwartung an die Piloten, sich ein Einschweben ohne Gegenschub der Triebwerke anzugewöhnen, sofern dadurch Sicherheitsaspekte nicht berührt werden. Im Gegensatz zu den Anwohnern unter der Anfluggrundlinie, die von dem, was auf sie zugekommen ist, überrollt wurden, betonte der Mediator, dass „hier genau eingetreten ist, was auch in der Planfeststellung vorhergesagt wurde“. Die Wahrnehmung von Fluglärm sei auch ein psychologisches und damit sehr individuelles Problem.
Das Lärmkontingent für die Region wird steigen
Die Folie, die Wörner den Pressevertretern präsentierte, war in ihrer Aussage aber eindeutig. In den kommenden Jahren wird es wie geplant mehr Flugbewegungen geben, auch wenn die Höchstgrenze von 701.000 An- und Abflügen per anno wohl noch nicht im Jahr 2020 erreicht wird.
Das Lärmkontingent für die Region wird dadurch auch steigen. Einziger Lichtblick: Die Lärmbelastung lässt sich wohl unterhalb der angenommenen Höchstbelastung deckeln. Das derzeitige Nachtflugverbot wertet Wörner auch als Erfolg des Regionalen Dialogforums: „Meiner Ansicht nach wird das viel zu wenig als echte Entlastung gewürdigt.“ Zu Spekulationen über das endgültige Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wollte er sich nicht äußern.
Der Geschäftsführer des Forums Flughafen und Region, Günter Lanz, kündigte ein Messkonzept an, um den Beschwerden der Bürger über Kerosin und sonstige Abgase auf die Spur zu kommen.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.