Fluglärm am Frankfurter Flughafen: Der Mythos von der Kerosin-Verschwörung
Es gibt keine Beweise, dass Flugzeuge Kerosin ablassen. Foto: Michael Schick
Es gibt keine Beweise, dass Flugzeuge Kerosin ablassen. Foto: Michael Schick
Flughafen-Anwohner sind sich sicher: Flieger lassen über ihren Gärten Kerosin ab. Für die Behauptung gibt es keine Beweise, sie lässt sich aber auch schwer widerlegen. Die Verschmutzungen könnten auch von Diesel stammen oder aus Kaminen.
Es ist wie ein Geist und wie ein solcher spukt es im Rhein-Main-Gebiet herum: Kerosin. Wer immer in diesen aufgeregten Tagen über den Fluglärm diskutiert, der landet nach wenigen Gesprächsminuten beim Flugbenzin. „Die lassen Kerosin ab.“
Familie Wittko in Sachsenhausen hat wie viele andere auch den Geruch in der Nase und den Schmierfilm in der Regentonne vor Augen. Mit dem Lärmteppich kam auch der Treibstoff in Gärten und auf Dächer. „Die lassen Kerosin ab.“ Man muss Jörg Handwerg nicht in die Augen sehen, um zu erahnen, wie es am anderen Ende der Telefonleitung leicht zu brodeln beginnt.
„Völliger Unsinn"
Jörg Handwerg ist Pilot und Pressesprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. „Das ist völliger Unsinn", sagt er.
Er redet von einer unseriösen Position "von Leuten, die in den Krümeln suchen, um dem Flughafen zu schaden.“ Schon aus wirtschaftlichen Gründen wäre es unsinnig, den Treibstoff abzulassen, erklärt Handwerg. Entscheidender sei aber, dass nur in äußerst kritischen Notsituationen zu diesem Mittel gegriffen werden darf. Wenn ein solch großes Problem eingetreten sei, dann sei genau vorgeschrieben, wo und in welcher Höhe Kerosin abgelassen werden dürfe.
Im Spessart oder Bayerischen Wald, über unbewohntem oder sehr dünn besiedeltem Gebiet eben. Der Flugzeugführer ist auch überzeugt, dass selbst in einem solchen Fall von dem Kerosin nichts unten ankommt. „Das verdunstet alles.“ Im Übrigen könnten nur die wenigsten Flugzeuge überhaupt Treibstoff ablassen. Dass ein Triebwerk Abgase produziert , bestreitet der Pilot natürlich nicht. „Bei 1000 Grad wird aber fast alles verbrannt.“
Umweltamt: Messungen nicht auffällig
Im Umweltamt der Stadt Frankfurt ist Stefan Schmitt für die Umweltüberwachung zuständig. Hin und wieder erreichen den promovierten Wissenschaftler Hinweise auf Kerosin. Handfeste Beweise für eine Existenz des Brennstoffes am Boden hat er aber auch noch nicht gefunden. Was daran liegt, dass die sogenannten aromatischen Kohlenwasserstoffe wie Benzol und Toluol in vielen Brennstoffen vorkommen.
Trotz der Nachbarschaft zum Flughafen seien die Messungen im Vergleich zu anderen Orten nicht auffällig, sagt Schmitt.
Das Hessische Umweltministerium nehme Klagen und Hinweise aus der Bevölkerung sehr ernst, sagt Pressesprecher Thorsten Neels. Konkrete Hinweise auf Kerosin seien aber bei verschiedenen Untersuchungen nicht gefunden worden. Das liege auch daran, dass der Chemikalie eine Leitsubstanz fehle. Was im Kerosin drin ist, könne auch vom Diesel aus Autos und Zügen oder aus Kaminen kommen. Studien in München (2008) und Zürich (2004) hätten keine Hinweise auf Luftschadstoffe aus Kerosin ergeben.
2010, als der Flugverkehr in Europa durch den Ausbruch des Vulkans auf Island weitgehend lahmgelegt war, hätten die Luftmessstationen in Höchst und Raunheim erstaunlicherweise keine anderen Werte angezeigt, als zu Zeiten des normalen Flugbetriebs. Eine Untersuchung aus diesem Jahr in den Rheingauer Weinbergen auf Kerosinbelastung sei auch zu keinem Ergebnis gekommen.
Gericht verhandelt Flugrouten
Einige Kommunen aus Hessen und Rheinland-Pfalz klagen gegen die seit März 2011 geltenden An- und Abflugrouten am Flughafen. Die Feststellungsklage gegen das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherheit sollte am Dienstag oder Mittwoch eingebracht werden, sagte eine Sprecherin der Gemeinde Trebur. Beteiligt sind auch die Kreisstadt Groß-Gerau, die Gemeinde Nauheim sowie Bürgerinitiativen und Privatkläger aus dem Kreis Mainz-Bingen.
„Wir Berliner wollen zeigen, dass wir solidarisch sind, deshalb sind wir nach Frankfurt gekommen. Der Müggelsee ist überall. Das Problem mit dem Fluglärm ist national.“
Harald Steiger aus Sachsenhausen.
„Man wird geopfert. Das hat nichts mit Demokratie zu tun.“
Wolfgang Ruppert aus Flörsheim.
„Das Limit ist weit überschritten. Den Betroffenen kann nicht noch mehr zugemutet werden.“
Klaus Huber aus Oberrad.
„Die Politiker haben versagt, jetzt müssen sie ihre Fehler wiedergutmachen.“
Ursula Gross aus Sachsenhausen
„Hier wird der schönste Teil Frankfurts und meine Heimat zerstört und die Politiker sehen weg.“
Kein Platz für die Grünen
Wenn das Oberste Verwaltungsgericht am 13. März verhandelt, müssen die Landtags-Grünen draußen bleiben: Sie bekamen keine Plätze im Saal. Vom 16. Januar an nahm das Gericht Anmeldungen an. Am 17. wollten die Grünen per Mail drei Plätze für Abgeordnete reservieren, doch alles war belegt. „Wie bei Konzerten von Weltstars“, sagt Abgeordneter Frank Kaufmann.
Das Gericht bestätigt, dass das Platzkontingent schon am 16. Januar erschöpft war. Auch die Groß-Gerauer CDU-Abgeordnete Sabine Bächle-Scholz bekam keinen Platz. Sie räumt ein, sich zu spät gekümmert zu haben: „Ich bin ja gerade erst in den Landtag nachgerückt.“ Nun hofft sie, das auch im Gericht tun zu können, falls jemand einen Platz freigibt.
Psst! Hier heißt es genau hinhören: Das Ticken einer Armbanduhr ist mit 20 Dezibel (db) enorm leise - selbst Flüstern ist mit 30db lauter.
Foto: dpa
Ein Kühlschrank findet sich in jedem Haushalt. Springt die Kühlung an, beginnt das Gerät zu brummen. Dieses Brummen bringt es immerhin schon auf etwa 30 db.
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Von hinten naht ein Fahrradfahrer - und macht sich mit der Klingel bemerkbar. Das Klingeln erreicht eine Lautstärke von mindestens 75 db.
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Oft Anstoß für heiße Debatten: Spielen Kinder auf einem Spielplatz, kann es laut werden. Sie bringen es auf eine ähnliche Lautstärke wie Staubsauger in der Wohnung: 80 db.
Foto: Michael Schick
Wenn die Flaschen, die hier nicht mehr in den Container passen, doch noch eingeworfen werden, erreicht das Klirren auch in zehn Meter Entfernung noch 65 bis 85 db.
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Noch lauter ist ein Rasenmäher. Mit 85 bis 88 db röhrt er über das Grün.
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Ein vorbeifahrendes Auto erreicht zwischen 70 und 90 db - wenn es sich nicht gerade um einen Formel-1-Wagen handelt. Letzerer rast mit einem Lärmpegel von 130 db an den Zuschauern vorbei.
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Ständiger Begleiter im Stau - und noch mehr im zähen Verkehr - ist die Autohupe. Mit 90 db drängen hupende Fahrer ihre Vordermänner und -frauen zur Weiterfahrt. So laut wie die Hupe ist auch ein vorbeifahrender Lkw.
Foto: dapd
Fast schon Ruhestörung im Wald: Eine Motorsäge im Einsatz lärmt genauso stark wie...
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... Musiker während eines Rockkonzerts. Den Fans dürfte die Musik aber deutlich lieber sein. Motorsäge und Musik schaffen es auf bis zu 115 db.
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Noch lauter als Rockmusik kann Techno werden - hier eine Archivaufnahme der Berliner Loveparade aus dem Jahr 2000. Die Musik schafft 120 db.
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Klar am Lautesten sind Düsentriebwerke. Hier wird ein Motorrad mit einem Düsentriebwerk und zwei Nachbrennern angetrieben. Der Lärm ist enorm.
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Und eben jene Düsentriebwerke werden in Flugzeugen verbaut. Diese dröhnen mit 130 db über die Köpfe der Menschen im Rhein-Main-Gebiet hinweg.
Flugzeuge donnern im Halbminutentakt über das Rhein-Main-Gebiet. Die Anwohner ächzen unter der hohen Fluglärmbelastung durch die neue Landebahn am Frankfurter Flughafen. Lärm ist ungesund, aber ein ständiger Begleiter unseres Alltags. Wir zeigen, wo wieviel Lärm steckt.
Die Linken-Fraktion hat zwei Karten ergattert und wäre womöglich bereit, eine abzugeben, „wenn die Grünen höflich fragen“. Die bitten nun zunächst die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts, Marion Eckertz-Höfer, sich um einen größeren Saal zu bemühen. Das Thema berühre viele Menschen „so unmittelbar, dass sie sich selbst als Prozessbeteiligte empfinden“, schreibt Kaufmann. Auch die Opposition im Landtag müsse den Prozess verfolgen können.
"Die meisten demonstrieren lieber"
Laut seinem Sprecher Wolfgang Bier tagt das Leipziger Gericht in seinem größten Sitzungssaal mit mehr als 250 Plätzen. Noch sei nicht klar, wie viele Tische für die Beteiligten der Verhandlung nötig seien, zumal auf Klägerseite „in jedem Verfahren eine andere Anwaltskanzlei bevollmächtigt ist“, so Bier. Daher habe das Gericht die Zuschauerzahl vorläufig auf 80 begrenzt, rechne aber „mit einer erheblichen Zahl“ weiterer Plätze, die in etwa zwei Wochen nach Reihenfolge der Anmeldungen vergeben würden. Besondere Vorrechte etwa für Abgeordnete gebe es nicht.
Die außerparlamentarischen Ausbaugegner sehen kein Problem: „Wir haben uns rechtzeitig gekümmert“, sagt Ingrid Kopp, Sprecherin des Bündnisses der Bürgerinitiativen. Ohnehin wollten nur wenige die Verhandlung verfolgen, in der an diesem Tag keine Entscheidung fällt. „Die meisten bleiben lieber draußen“, sagt Kopp. Und demonstrieren.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.