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Lufthansa Cargo-Vorstand Garnadt: "Ruf nach Schließung der Bahn ist verantwortungslos"

        

In den Bauch der MD 11 passt allerhand hinein.
In den Bauch der MD 11 passt allerhand hinein.
Foto: Frank May/dpa

Der Vorstandsvorsitzende von Lufthansa Cargo, Karl Ulrich Garnadt, erklärt im Interview, warum er Nachtflüge in Frankfurt für unverzichtbar hält und welche Konsequenzen ein Verbot für die Beschäftigten des Unternehmens haben könnte.

Die Fracht braucht die Nacht! So lautet die Forderung von Lufthansa Cargo. Der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Karl Ulrich Garnadt, sieht das Geschäftsmodell des Unternehmens ohne Nachtflüge gefährdet. Allein in Frankfurt wären dann langfristig 2500 Arbeitsplätze in Gefahr.

Herr Garnadt, trotz des für Sie überraschenden Nachtflugverbots: Die Lufthansa Cargo lebt noch und sie fliegt noch. Alles doch nicht so schlimm?

Ja, genau (lacht). Zum Glück lebt LH Cargo noch. Die Frage ist nur, wie nachhaltig ist das. Wir haben im Herbst nach dem Verwaltungsgerichtsurteil einen Notfallflugplan gestrickt, weil wir gegenüber unseren Kunden Verpflichtungen haben. Es geht aber viel schlechter, weil wir unseren Kunden viele Leistungen nicht mehr anbieten können.

Zur Person
Karl Ulrich Garnadt

Karl Ulrich Garnadt ist seit einem Jahr Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Cargo AG. Der 55-Jährige ist seit seiner Lehre als Luftverkehrskaufmann ein Lufthanseat. Bevor der gebürtige Herborner 1987 ins Management aufstieg, befasste er sich mit internationaler Streckenplanung und -steuerung.

Nach verschiedenen Tätigkeiten bei Lufthansa Cargo war Garnadt seit Oktober 2004 Konzernbeauftragter für den Hub München. Bevor er im Januar 2011 zum Chef der 100-prozentigen Lufthansa Tochter Cargo aufstieg, war er Mitglied des Vorstandes der Lufthansa Passage Airlines und unter anderem verantwortlich für das Kabinenpersonal.

Sie haben von einem enormen Schaden für Ihr Unternehmen gesprochen.

Im November haben wir schon verschiedene Sendungen verloren und Mehrkosten sind auch entstanden. 20 Millionen Euro Verlust haben wir allein durch verloren gegangene Aufträge in den ersten beiden Monaten gemacht. Langfristig werden wir wohl auf 40 Millionen Euro Profit pro Jahr verzichten müssen.

Den Sommerflugplan haben Sie auch schon auf Nachtflugverbot umgestellt. Was kann LH Cargo denn überhaupt noch passieren, wenn in Frankfurt dauerhaft zwischen 23 und fünf Uhr nicht mehr geflogen werden darf?

Wir können die Folgen im Moment nicht komplett beurteilen. Was wir wissen, ist: Ohne die Nachtflüge werden wir gewisse hochwertige Warenströme nicht mehr abdecken können. Das wird sicher die Rentabilität des Unternehmens sehr stark belasten. Mittelfristig kann das dazu führen, dass wir kein Wachstum mehr haben oder sogar weniger Frachter operieren als heute. Das kann in der Konsequenz dazu führen, dass wir uns die Frage stellen müssen, ob die Lufthansa in Zukunft überhaupt noch Frachter fliegt.

Wenn von Frankfurt nachts nicht mehr geflogen wird, dann muss das doch nicht das Ende von LH Cargo sein. Sie könnten das Unternehmen doch auch woanders ansiedeln. Oder ist Frankfurt einzigartig?

Das ist ja die Tragik. Frankfurt ist mit großem Abstand der wichtigste und beste Standort für Luftfracht in ganz Europa. Wir haben hier über Jahrzehnte eine unvergleichliche Infrastruktur aufgebaut. Das ist ja nicht nur die Lufthansa, das sind internationale Spediteure. Frankfurt ist nicht nur für die Lufthansa unersetzbar, sondern auch für die gesamte deutsche Logistikindustrie. Alle Unternehmen die investieren wollen, werden sich sehr genau überlegen, wo sie dies tun, wenn Frankfurt diese führende Rolle verliert.

Sie selbst haben ja schon die Investitionen für das neue Lufthansa Cargocenter eingefroren.

Ja. Wir haben aber auch fünf neue Flugzeuge vom Typ Boeing 777 bestellt. Die ersten beiden Maschinen werden 2013 ausgeliefert. Die waren für Wachstum gedacht. Die sind auch ein Stück leiser als die MD 11, die aber auch den strengsten internationalen Lärmkategorien entsprechen. Aber wir können natürlich nicht die gesamte Flotte von 18 Flugzeugen auf einen Schlag ersetzen.

Mich wundert, dass sich die Fluggesellschaften nicht schon lange auf ein Nachtflugverbot eingestellt haben. Es hieß doch vor zehn Jahren vonseiten der Politik: kein Ausbau ohne Nachtflugverbot. Und das Mediationsverfahren hat ja auch genau dieses Ergebnis erbracht.

Die Lufthansa hat immer gesagt, dass ein internationaler Flughafen wie Frankfurt Nachtflugmöglichkeiten braucht. Von dieser Position sind wir nie abgerückt. Es gab dann einen Planfeststellungsbeschluss, der 17 Nachtflüge vorsah. Da ist dann vom Verwaltungsgerichtshof in Kassel für uns völlig überraschend hineingegrätscht worden, obwohl das Bundesverwaltungsgericht keine Eilbedürftigkeit sah. Das ist der Punkt, der uns ärgert. Wir hatten keine faire Chance, uns auf diese überraschende Situation einzustellen.

Der große Lärmvergleich

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Das Wort Reingrätschen möchte ich mal aufgreifen. Die vom Fluglärm Betroffenen fühlen sich von den Politikern belogen und betrogen. Haben Sie Verständnis für die Empörung oder ist der Protest in ihren Augen Hysterie?

Ich denke, wir müssen sehr genau unterscheiden: Es gibt Menschen, die bisher vom Fluglärm wenig bis gar nicht betroffen waren, die plötzlich Flugzeuge hören. Dass die sich äußern, kann ich verstehen. Mein Verständnis hört dann auf, wo das vermischt wird mit den Nachtflügen. Auf der neuen Bahn, die ja zum größten Teil Grund für die Empörung ist, waren aber nie Nachtflüge vorgesehen. Die Menschen, die schon von Nachtflügen betroffen waren, hätten mit der neuen Regelung besser dagestanden. Vorher waren 50 Nachtflüge erlaubt. Ich sehe auch kein Umfallen der Landesregierung. Sie hat vor der letzten Wahl klar gesagt: 17 Nachtflüge soll es geben. Das war allen bekannt. Wer sich empört, sollte auch mal an die Entlastung vieler anderer Menschen denken.

Von den Rufen nach Nachtruhe halten Sie demnach also gar nichts?

Es ist legitim, seine Interessen zu vertreten, nur sollten auch die Folgen betrachtet werden. Die Reduzierung von 50 auf 17 war ja schon dramatisch. Wir sind auch bemüht, die Belastung gering zu halten. Mit segmentierten Anflugverfahren haben wir bei unseren zehn Nachtflügen Wohngebiete schon weitgehend umflogen.

Sie haben ein Ende von LH Cargo angesprochen, sich aber sehr zurückhaltend über den Verlust von Arbeitsplätzen geäußert.

Natürlich machen sich unsere Mitarbeiter schon jetzt Gedanken um ihren Arbeitsplatz. Im Moment finde ich es unseriös, große Zahlen zu nennen. Wir haben allein in Frankfurt 2500 Mitarbeiter, und an LH Cargo hängen natürlich eine Menge Dienstleister und Speditionen dran. Wenn wir den Frachterbetrieb reduzieren müssen, sind sicherlich die Hälfte der Arbeitsplätze gefährdet. Das passiert aber sicher nicht von heute auf morgen.

Ich greife das Wort Umfaller noch mal auf. Hätten Sie von Politikern wie dem CDU-Oberbürgermeisterkandidaten Boris Rhein oder auch der noch amtierenden OB Petra Roth, die nun plötzlich für ein Nachtflugverbot eintreten, mehr Courage erwartet?

Ja. Denn wir haben gute Argumente. Wenn man sich sachlich mit den Problemen auseinandersetzt, dann kommt man sehr schnell zu dem Punkt, dass zehn oder 17 Nachtflüge nicht wirklich das Problem sind. Da lässt sich über die Gestaltung der An- und Abflüge sicher auch noch etwas machen. Wir stehen ziemlich alleine da. Es ist offensichtlich unter dem öffentlichen Druck nicht mehr opportun, auf Linie zu bleiben. Zum Glück kommt Unterstützung aus der Industrie.

Die Politiker sind Ihnen zu populistisch?

Ich glaube, mehr Mut wäre auch deshalb angebracht gewesen, weil viele Menschen in der Region wissen, wie wichtig der Flughafen und wie wichtig Luftfracht ist. Von den zehn größten Flughäfen in der Welt, gibt es nur einen mit einem Nachtflugverbot. Warten wir mal ab, was besser ist: umfallen oder Linie halten.

Kommen wir noch zu einem ihrer „Lieblingsthemen“: Der Kasseler Logistikprofessor Richard Vahrenkamp hält eine Verlegung von Frachtflügen nach Hahn für ein leichtes Spiel und wirft LH Cargo Bequemlichkeit vor.

Das ist eine Scheinlösung. Schon vor Jahren haben Gutachten gezeigt, dass wegen der Transitfracht, wegen der Vernetzung von Passagier- und Frachtflügen ein Auseinanderziehen der Standorte nicht möglich ist. Das ist eine Frage von zusätzlichen Kosten und von mehreren Stunden Zeitverlust. Unser Geschäftsmodell würde scheitern. Der gute Mann aus Kassel hat nicht den Hauch von Ahnung.

Mit welchen Gefühlen sehen Sie denn dem Urteil im März entgegen?

Mit sehr gemischten Gefühlen. Aber ich habe großes Vertrauen in eine unabhängige Justiz, die fern von öffentlich geäußerter Empörung urteilt.

Die nicht ganz chancenlose OB-Kandidatin der Frankfurter Grünen, Rosemarie Heilig, fordert nicht nur ein Nachtflugverbot zwischen 22 und sechs Uhr, sie hat sich auch dem Ruf „Die Bahn muss weg“ angeschlossen.

Das ist verantwortungslos und maßlos. Einfach populistisch, weil Sie ignoriert, worauf der Wohlstand in Deutschland basiert. Natürlich müssen wir immer abwägen zwischen den Interessen der Wirtschaft und der Bevölkerung. Wer heute fordert, die Bahn zu schließen und den Flughafen Frankfurt zwischen 22 und sechs Uhr dichtzumachen, der gefährdet die Existenz des gesamten Flughafens. Für solche unsinnigen Forderungen gibt es, glaube ich, in der Bevölkerung auch keine Mehrheit.

Das Interview führte Jürgen Ahäuser

Datum:  1 | 2 | 2012
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