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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

01. November 2011

Nachtflugverbot: Ein paar Stunden Ruhe

 Von Jürgen Ahäuser
Kurze Nachtidylle: Oberräder beim Durchatmen.  Foto: Michael Schick

Gespannt blicken die vom Fluglärm geplagten Bürger nach Leipzig. Dort fällt im März die Entscheidung über das Nachtflugverbot. Die erste fast flugzeugfreie Nacht empfanden viele als Glücksfall.

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Gespannt blicken die vom Fluglärm geplagten Bürger nach Leipzig. Dort fällt im März die Entscheidung über das Nachtflugverbot. Die erste fast flugzeugfreie Nacht empfanden viele als Glücksfall.

Wie war die erste Nacht?“ Die Menschen in Oberrad schmunzeln; sie wissen, dass diese Frage nichts mit investigativem Schlüssellochjournalismus zu tun hat. Der Tag nach der ersten Nacht, in der zwischen 23 und 5 Uhr keine Flugzeuge über das „kleine, nette Dorf“ (SPD-Ortsbeirätin Rosita Jany) donnerten, ist jedenfalls kein außergewöhnlicher. Noch gibt es kein endgültiges Nachtflugverbot. Das Bundesverwaltungsgericht wird erst im März ein endgültiges Urteil sprechen, und selbst wenn es die kurze fluglärmfreie Zeitzone geben sollte, wird in Oberrad keine Ruhe einkehren.

Wohl die meisten Menschen im Südosten von Frankfurt fühlen sich insbesondere seit der Eröffnung der neuen Landebahn „wie unter einem Riesenlärmteppich begraben“, wie es Volker Hartmann unmissverständlich ausdrückt. Höchst erfreut wäre der Anwohner, wenn ab März und dann für immer „wenigstens für ein paar Stunden in der Nacht Ruhe einkehren würde.“ Wie der Sprecher der Bürgerinitiative „Wohnen ohne Fluglärm und Absturzbedrohung“ (Wofa) hat auch Hartmanns Mitstreiter Klaus Huber das Vertrauen in die Politik verloren: „Die nehmen uns auf den Arm, halten ihre Versprechen nicht ein.“

Christa Röckel wohnt seit 1980 im Goldbergweg in einer schicken Villa. Die Dame hat ihren Humor, obwohl es „vom Himmel immer schlimmer kommt“, nicht verloren. Es ist kurz vor 11 Uhr am Montagmorgen, als über Oberrad ein dicker Brummer das Gespräch über den Gartenzaun zum Verstummen bringt. Als der Flieger sich verflüchtigt hat, schmunzelt Christa Röckel und sagt: „Eigentlich ganz gut, dass die Schwerhörigkeit mit dem Alter zunimmt.“ In der Nacht zuvor hat es bei Familie Röckel tatsächlich viele Glücksmomente gegeben. „Mein Mann und meine Tochter haben seit langer Zeit mal wieder bei offenem Fenster geschlafen, und sie waren ganz glücklich.“

Im Minutentakt donnern Flieger über Oberrad

Das kleine Glück hat bei Klaus Huber ungefähr drei Sekunden nach fünf schlagartig aufgehört. „Bis dahin habe ich recht ruhig geschlafen, dann hat’s wieder gedröhnt.“ Am Kaffeetisch von Volker Hartmann ist es an diesem frühlingshaften Herbstmorgen sehr idyllisch. Durch den Wintergarten blinzelt die Sonne. Draußen lockt der gepflegte Garten, doch die Idylle ist trügerisch. Die doppelt verglasten Fenster nur einen Spalt geöffnet, schon ist es vorbei mit der Ruhe. Fast im Minutentakt donnern die Flieger über Oberrad. Hartmann kennt die Typen schon von weitem, „da eine Boeing 747, dort ein Airbus 340“ . Seit 16 Jahren kämpft er gegen den Fluglärm, und mit Inbetriebnahme der neuen Landebahn sieht er Oberrad als größten Verlierer der Flughafenerweiterung an. „Der Flughafen dringt immer mehr in unser Leben ein, und er droht uns aufzufressen.“ Weil er seinen Garten so gut wie gar nicht mehr nutzen kann, sieht er sich und seine Mitmenschen „wie im Käfig gehalten“.

Gar nicht gut zu sprechen sind viele Oberräder auf Oberbürgermeisterin Petra Roth, die bei einer Bürgerversammlung vom „demokratischen Recht auf Umzug“ gesprochen hatte. „Das ist doch der reine Zynismus“, regt sich nicht nur Christa Röckel auf, die seit 30 Jahren hier wohnt. „Man gibt doch sein Haus nicht einfach auf.“ Einfach aufgeben geht ohnehin nicht: „Wir haben hier mit hohen Verlusten unserer Immobilien zu rechnen“, meint Hartmann.

Im März hat das Internetportal Deutscher Fluglärmdienst (DFLD) noch einen Tageshöchstwert von 165 Flugbewegungen über Frankfurt registriert. Ende Oktober, kurz vor dem ersten Tag relativer Nachtruhe, hat die Messstation 315 Überflüge registriert. „Die Fraport denkt nur an die wirtschaftliche Seite, an die Menschen in der Region denkt sie nicht“, sagt Volker Hartmann. Für die Bürgerinitiative Wofa ist der Flughafenbetreiber der größte Umweltverschmutzer. „Von oben kommt nicht nur Lärm, sondern auch jede Menge Dreck.“

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