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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
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22. November 2015

Norah-Lärmwirkungsstudie: "Munition im Kampf gegen Fluglärm"

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Auch die Präsentation der Norah-Studie im Frankfurter Literaturhaus Ende Oktober war von Protest begleitet.  Foto: Christoph Boeckheler

In der Flörsheimer Stadthalle wird kontrovers über die Ergebnisse der Norah-Lärmwirkungsstudie diskutiert. Forscher sehen die Studie als neue Munition im Kampf für einen besseren Schutz vor Fluglärm. Nicht alle im Publikum stimmen dem zu.

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Die Reaktion von Fraport habe ihn „sehr geärgert“, sagt Thomas Jühe, Bürgermeister von Raunheim und Vorsitzender der Frankfurter Fluglärmkommission. Kurz nach der öffentlichen Präsentation der Ergebnisse der Norah-Studie hatte der Flughafenkonzern kundgetan: „Die gesundheitlichen Risiken durch Fluglärm sind minimal und damit geringer als bisher angenommen.“ Eine Behauptung, die Jühe aufgebracht hat: „Das ist eine Verniedlichung“, sagt der SPD-Politiker bei der Veranstaltung der Zukunftsinitiative Rhein-Main, in der der Kreis Groß-Gerau mit Mainz, Neu-Isenburg und Flörsheim gegen Fluglärm kämpft.

Das Bündnis hat sich an den Kosten für die Norah-Studie beteiligt, das Land trug die Hauptlast. Um diese Untersuchung geht es bei der Diskussion in der Flörsheimer Stadthalle. Gut angelegtes Geld, so der Tenor der Experten. Manch einer im Publikum sieht das anders: Die Wissenschaftler hätten unsauber gearbeitet, ihre Ergebnisse verharmlosten die Realität.

Jühe bittet die Kritiker, ihre ablehnende Haltung zu überdenken: „Diese Studie braucht jetzt politische Unterstützung.“ Sie liefere ihm Munition im Kampf für einen besseren Schutz vor Fluglärm auf Bundesebene. Die Mainzer Umweltdezernentin Katrin Eder (Grüne) springt ihm bei: „Die Ergebnisse sind signifikant, sie weisen darauf hin, dass Lärm krank macht.“ Norah liefere neue Argumente für die noch anhängigen Klagen am Verwaltungsgericht. „Das heizt die Debatte um Verkehrslärm noch an.“

Die Norah-Wissenschaftler Rainer Guski und Dirk Schreckenberg beantworten Fragen der kritischen Bürger: Warum wurden für die Blutdruckstudie nur gesunde Probanden genommen? Weil Medikamente die Ergebnisse verfälschen würden. Warum durfte der Flörsheimer aus einem hoch belasteten Gebiet nicht mitmachen? Weil er umziehen wollte und die Befragung über drei Jahre ging. Was ist gemeint mit Belästigung, die auffällig gestiegen ist? Das persönliche Empfinden des Einzelnen, das zu gesundheitlichen Belastung führen kann, wenn der Betroffene den Eindruck gewinnt, weder Politik noch Flughafenbetreiber helfen ihm in seiner Ohnmacht.

„Die Belästigung hier ist außergewöhnlich hoch, auch im internationalen Vergleich“, sagt Peter Lercher, emeritierter Professor, der unter anderem für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tätig ist. Der Internist und Kardiologe aus Graz warnt vor „überzogenen Erwartungen“. Das Norah-Konsortium habe sauber gearbeitet. In einem nächsten Schritt müssten jetzt die „Gesamtkosten der lärmbedingten Gesundheitswirkungen“ berechnet werden.

Besonders hebt er die Untersuchungen der Schlafqualität hervor. In der Zeit des Nachtflugverbots kommt es demnach zu weniger Aufwachreaktionen, die Stunde danach zwischen 5 und 6 Uhr macht dem Menschen dafür besonders heftig zu schaffen.

„Das unterstützt uns in unserer Position für ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr“, sagt Joerdis Wothge vom Umweltbundesamt. Ihre Behörde bereite derzeit die in zwei Jahren anstehende Evaluation des Fluglärmschutzgesetzes vor. „Dabei werden wir die Norah-Ergebnisse berücksichtigen.“ Jühe warnt hier vor allzu großem Optimismus: Dass Frankfurt überhaupt ein Nachtflugverbot habe, sei schon etwas Besonderes. Eine Ausweitung auf acht Stunden „wird kurzfristig nicht erreichbar sein“, sagt der Raunheimer Rathauschef. Er ist froh, dass zumindest auf Landesebene mit Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) endlich jemand sitze, der etwas gegen den Fluglärm unternehme: „Man ist sehr engagiert, wendet sich diesem Problem zu“, sagt Jühe. „Ich bin froh, dass ich einen Minister habe, der an meiner Seite kämpft.“

Das Ministerium werde die 2500 Seiten der Norah-Studie nun auswerten und im ersten Schritt schauen, wo die gesundheitlichen Belastungen besonders hoch seien, kündigt die hessische Fluglärmschutzbeauftragte, Regine Barth, an. Die Ergebnisse hätten ein grundsätzliches Problem der modernen Gesellschaft aufgezeigt: „Wir müssen Mobilität so organisieren, dass sie lärmarmer wird.“

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