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Flughafen: Lärm, Ausbau, Wachstum
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten.

19. Oktober 2012

Pilot Wahl zur Nordwestlandebahn: "Der Anflug ist entspannter"

Im Anflug auf die Nordwestbahn. Foto: dapd

Markus Wahl ist Pilot. Und Cockpit-Gewerkschafter. Als solcher arbeitet er mit daran, dass die lärmgeplagten Anrainer des Frankfurter Flughafens etwas weniger leiden. Aber die Nordwestbahn findet er gut. Denn dadurch sei Rhein-Main sicherer geworden.

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Am nächsten Sonntag, 21. Oktober, wird die Nordwestbahn auf dem Frankfurter Flughafen ein Jahr alt. Der Pilot Markus Wahl engagiert sich in der Gewerkschaft Cockpit, die an neuen An- und Abflugverfahren mitarbeitet, um die Belastung der Bevölkerung durch den Fluglärm zu verringern. Aus seiner Sicht hat die neue Landebahn den Flugverkehr sicherer gemacht.

FR: Herr Wahl, wie sieht die Landebahn Nordwest von oben aus? Was ist das für ein Gefühl, wenn man auf sie zufliegt?

Zur Person

Markus Wahl (33) ist ehrenamtliches Mitglied im Vorstand der Piloten-Vereinigung Cockpit. Mit dem Airbus 330 oder 340 ist er auf Interkontinentalflügen unterwegs. Wahl begrüßt die neue Landebahn, zeigt aber auch Verständnis für die Fluglärmgegner.

Als Darmstädter ist Wahl nach eigener Einschätzung vom Fluglärm so gut wie nicht betroffen. Pilot wollte er schon „als kleiner Pimpf“ werden. Inzwischen ist der 33-Jährige bereits seit zehn Jahren in seinem Traumberuf tätig.

Wahl: Das ist erst mal kein anderes Gefühl als bei anderen Anflügen auch. Man ist konzentriert, schaut auf die Instrumente und die Bahn. Das Drumherum spielt nur eine periphere Rolle. Aber der erste Anflug von Osten Richtung Westen war schon ein bisschen ungewöhnlich. Man ist zunächst am Flughafen vorbei geflogen, weil die Nordwestbahn ja nach Westen versetzt ist.

Wie läuft der Kontakt mit den Lotsen? Ist der mit der neuen Bahn komplizierter geworden?

Ganz im Gegenteil. Es ist alles ein wenig entspannter geworden. Früher wurden alle Anflüge über eine Frequenz vom Tower aus gemanagt. Mittlerweile gibt es für die Nordbahn, die beiden Parallelbahnen und für die Westbahn eine eigene Frequenz.

Sie hören gar nicht mehr, was auf den anderen Bahnen los ist. Könnte das nicht die Sicherheit beeinflussen?

Glaube ich eigentlich nicht. Bei den Lotsen ist personell aufgestockt worden. Früher haben wir mitgehört, jetzt müssen halt die Lotsen mehr untereinander kommunizieren.

Und wie sieht Frankfurt beim Anflug auf die Nordwestbahn aus?

Dadurch, dass die Bahn versetzt ist, fliegt man über Frankfurt ein bisschen höher. Allerdings ist man näher dran. Die Passagiere, die auf der rechten Seite sitzen, sehen mehr von der Stadt.

Also, es ist schön zum Rausgucken. Und wie stellen Sie sich die Situation der Menschen vor, die in Sachsenhausen oder Niederrad wohnen? Die gucken wegen des Fluglärms ziemlich wütend nach oben.

Das ist die andere Seite, für die wir als Piloten natürlich auch Verständnis haben. Die sind früher so gut wie gar nicht betroffen gewesen. Dass die die neue Bahn nicht so gut finden, kann ich mir gut vorstellen.

Was halten Sie von den Fluglärmgegnern? Die wollen die Nordwestbahn wieder schließen. Können Sie sich vorstellen, dass das passieren wird?

Jeder hat das Recht, seine Meinung öffentlich zu sagen. Auf der anderen Seite ist die Bahn ein Sicherheitsgewinn. Geschlossen wird sie hoffentlich nicht. Der Standort Frankfurt muss wachsen. Sonst wird er in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Aus Pilotensicht ist es gut, dass die Bahn da ist.

Könnte es eine fünfte Bahn geben?

In absehbarer Zeit mit Sicherheit nicht. Die Kapazität mit der vierten Bahn wird für die nächsten Jahre reichen.

Wäre denn für eine fünfte Bahn in Frankfurt überhaupt noch Platz?

Ich bin kein Planer, aber ich kann mir vorstellen, dass das möglich wäre.

Pilot Markus Wahl.
Pilot Markus Wahl.
Foto: Monika Müller

Und wo könnte diese fünfte Bahn liegen?

Zum Beispiel irgendwo im Süden und nicht mehr auf dem jetzigen Gelände des Frankfurter Flughafens.

Im Süden wird doch jetzt das Terminal 3 gebaut.

Die Bahn könnte südlich davon liegen. Zu Beginn der Ausbaupläne wurde ja auch eine Südbahn diskutiert. Warum daraus nichts geworden ist, weiß ich nicht.

Ein großes Thema, das die Politik und die Fluglärmgegner umtreibt, ist der aktive Lärmschutz. Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Lärmbelastung für die Region zu verringern?

Die Vereinigung Cockpit ist ja in der Expertenrunde Aktiver Schallschutz vertreten. Da werden viele Maßnahmen diskutiert, zum Beispiel An- und Abflugverfahren. Ein gutes Beispiel ist die neue Südumfliegung, die vor allem Mainz entlasten soll. Die Gegenanflüge werden angehoben, die Eindrehpunkte über Mainz und Offenbach verlegt, damit es da nicht mehr so laut ist. Wir testen jetzt auf der Nordwestbahn den höheren Anflugwinkel von 3,2 statt 3,0 Grad. Und probieren den kontinuierlichen Sinkflug.

Vieles von dem, was Sie aufzählen funktioniert aber nur bei geringem Verkehrsaufkommen.

Ja, einige Maßnahmen können nur in den verkehrsarmen Zeiten getestet werden. Es gibt ja immer noch Stunden, wo nicht ganz so viel los ist. Etwa am Vormittag oder am Nachmittag. Aber so oft geht es in Frankfurt nicht. Außerdem arbeitet man an Verfahren wie dem Point Merge, um die Anflüge neu zu organisieren.

Was bedeutet Point Merge eigentlich?

Die Flugzeuge sollen an einem Punkt zusammengeführt werden. Dieser Punkt liegt weiter draußen, in großer Höhe. Er soll über einen Trichter angeflogen werden. Vom Merge Point fliegen die Maschinen dann hintereinander, ganz brav in Richtung Landebahn. Man könnte Trichter für die Nordbahn und Trichter für die Südbahn konstruieren. Bei der Deutschen Flugsicherung gibt es Simulationen. Das dauert aber noch, bis das ausgereift ist.

Und in welcher Höhe werden sich die Trichter befinden?

Man spricht von 12.000 bis 13.000 Fuß, also etwa vier Kilometern.

Wie laut sind die Flugzeuge für die Menschen, die unter den Trichtern wohnen?

Die kann man vielleicht da hinlegen, wo niemand wohnt. Man kann auch nach dem Merge Point noch eine Kurve fliegen. Aber vor 2014 kann man nicht mit diesem Verfahren rechnen.

Wie sieht der Frankfurter Flughafen im Vergleich zu anderen internationalen Airports aus. Ist die Umgebung besonders dicht besiedelt oder ist die Abwicklung besonders kompliziert, weil wir ja drei Parallelbahnen und im rechten Winkel dazu die Startbahn West haben?

Die Besiedlungsdichte rund um den Frankfurter Flughafen ist im Vergleich zu den zehn größten Flughäfen noch relativ entspannt – anders als in Chicago oder New York. Wenn man sich Chicago und New York anguckt – da liegen die Flughäfen eigentlich mitten im Stadtgebiet.

Welchen Flughafen fliegen Sie am liebsten an?

Kapstadt. Das hat weniger mit dem Fliegen zu tun, sondern damit, dass Kapstadt und Umgebung einfach traumhaft schön sind.

Das Interview führte Friederike Tinnappel

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