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30. März 2012

Protest gegen Fluglärm: Im Tiefflug über den Friedhof

Auf dem Dach der Kirche Sankt Peter in Hochheim ist ein riesengroßer Protestbanner gegen Fluglärm installiert.  Foto: Rolf Oeser

Die evangelischen Kirchen im Rhein-Main-Gebiet empören sich über den Fluglärm. Sie beklagen Ruhestörungen während vieler Beerdigungen und Gottesdiensten. Einige Gemeinden wie beispielsweise die in Flörsheim wollen deshalb rechtliche Schritte einleiten. Das wäre eine juristische Premiere in Deutschland.

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Der Anlass ist schon traurig genug: Wenn der evangelische Pfarrer Wolfgang Drewello aus dem Mainzer Stadtteil Laubenheim eine Beerdigung abhält, richtet sich sein banger Blick nach oben. „Hoffentlich kommt kein Flugzeug, wenn der Sarg nach unten gelassen wird“, lautet dann sein kleines Stoßgebet, das nicht immer erhört wird. „Ich sehe dann den Flieger schon kommen und merke, dass den Segen keiner der Trauernden mehr mitbekommt“, sagt der 63-Jährige.

Die Wut ist groß bei den evangelischen Kirchen im Rhein-Main-Gebiet. Seitdem wegen der Erweiterung des Frankfurter Flughafens die Flugrouten geändert wurden, rauschen die Maschinen bei Ostwind im Landeanflug auch nah über Friedhöfe und Gotteshäuser. Der evangelische Pfarrer der Gemeinde Mainz-Marienborn, Harald Jaensch, ist deswegen verzweifelt. „Wir leiden als Kirche und sind zentral betroffen“, sagt der Seelsorger, der seit 34 Jahren in Mainz lebt. Die Lärmbelästigung ist mittlerweile so stark, dass Jaensch gemeinsam mit zwei weiteren Gemeinden aus dem Rhein-Main-Gebiet rechtliche Schritte einleiten will.

Umbettung des Friedhofs im Gespräch

Das wäre dann eine juristische Premiere in Deutschland: Die Kirche klagt auf Artikel 4, Absatz 2 des Grundgesetzes und damit auf das Recht der ungestörten Religionsausübung. Die heran donnernden Flugzeuge hinderten die Gläubigen genau daran, sind die beiden Mainzer Pfarrer überzeugt. „Jedes persönliche Gespräch, jede intime Kommunikation ist beeinträchtigt“, sagt Jaensch. Und wenn nicht einmal ein Begräbnis in Ruhe abgehalten werden könne, treffe das die Kirche eben in ihrer Existenz und verletze damit ein Grundrecht, sind sich Drewello und Jaensch sicher.

Doch ganz so einfach wird die Argumentation nicht werden: Immerhin sei das gesamte Problem juristisch ein weißer Fleck, wissen die Seelsorger. Eine Expertise muss also her. „Das muss mit profundem theologischen Sachverstand geschehen und so, dass es Juristen auch verstehen“, sagt Drewello. Möglicherweise werde daher die Kirchengemeinde im hessischen Flörsheim formal die Spitze der Klagebewegung anführen, weil dort die Lärmbelastung so enorm sei, dass gar über die Umbettung eines gesamten Friedhofes auf Kosten des Flughafenbetreibers Fraport nachgedacht werde.

Gebete nicht brüllen

Die Evangelische Kirche Hessen und Nassau (EKHN), zu der die Gemeinden gehören, hat das Fluglärmproblem auch auf dem Radar. Die Gemeinden haben um juristischen und letztlich finanziellen Beistand gebeten. EKHN-Sprecher Stephan Krebs weiß um die Komplexität einer möglichen Klage. Immerhin gehe es um ein Rechtsgut, das im Grundgesetz steht, aber noch nie bemüht wurde, sagt er. Und eben weil das Verfahren theologisch und juristisch schwierig sei, müsse zunächst ein Gutachten her.

„Die obersten Hüter des Kirchenrechts wurden damit beauftragt“, betont Krebs. Das Kirchenrechtliche Institut der Evangelischen Kirche werde den Sachverhalt prüfen und im Frühherbst eine ausführliche Stellungnahme abgeben. Dann wisse die Kirche, ob eine Klage sinnvoll ist, fügte der EKHN-Sprecher hinzu und macht deutlich: „Wenn sich die Chance auftut, werden wie sie auch ergreifen.“

Harald Jaensch und Wolfgang Drewello wird das freuen. „Ich hätte nicht üble Lust, das alles juristisch durchzufechten“, sagt Jaensch, der in zwei Jahren in den Ruhestand geht. Fest steht aber schon, dass die Kirchen weiter protestieren werden. Dafür sind Jaensch und Drewello bestens gerüstet. Plakate stehen im Haus der Pfarrgemeinde Mainz-Marienborn bereit. Eines gibt die Marschrichtung für die mögliche Klage vor. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes geht“, wird das Matthäus-Evangelium zitiert. Jaensch und Drewello wollen das Wort gerne weiter verkünden, nicht nur in schallgedämmten Räumen, sondern auch auf dem Friedhof. Und für sie ist klar, dass „Gebete nicht gebrüllt werden dürfen, um den Fluglärm zu übertönen“. (dapd)

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