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Formel-1-Geschichte: Einer wie James Dean

Vor 25 Jahren kam Ausnahme-Rennfahrer Stefan Bellof bei einem Unfall in Spa ums Leben - seine Karriere dauerte nur wenige Jahre.

Stefan Bellof wurde als kommender Weltmeister gehandelt. Sein Tod machte ihn zur Legende.
Stefan Bellof wurde als kommender Weltmeister gehandelt. Sein Tod machte ihn zur Legende.
Foto: DPA

Er galt als der James Dean des Motorsports. Ein Draufgänger, Grenzüberschreiter und herausragender Rennfahrer. Die Karriere von Stefan Bellof dauerte nur wenige Jahre, aber er schaffte es wie der Rebell aus Hollywood viele Fans für sich einzunehmen. Mit dem non-konformistischen US-amerikanischen Schauspieler teilte der Gießener auch das Schicksal, in einem Porsche zu sterben.

Am 1. September 1985 krachte Bellof beim Versuch, Jacky Ickx in der berühmt-berüchtigten Eau-Rouge-Kurve zu überholen, mit einem Sportwagen aus der Endurance-Weltmeisterschaft im belgischen Spa in die Leitplanke und in die nur 30 Zentimeter dahinter beginnende Betonmauer. „Wir waren uns der Gefahr unseres Tuns durchaus bewusst“, sagt der ehemalige Formel-1-Fahrer Jochen Mass. „Jedes Jahr haben wir Kollegen verloren. Angst hatte ich nicht, obwohl ich manchmal gedacht habe, die Einschläge kommen immer näher – irgendwann beißt es dich auch. Das Verdrängen ist Bestandteil dieses Sports.“

Mass, damals Teamkollege von Ickx, beobachtete den Unfall von der Boxenmauer aus. Er fuhr mit einem Motorroller zu der nur wenige hundert Meter entfernten Unfallstelle und half, den Schwerverletzten aus dem demolierten Wagen herauszuschneiden.

Gebet um Beistand

Am Ende eines jeden Jahres, so erzählt der dreimalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda, hätten die Überlebenden im stillen Gedenken um weiteren Beistand der Schutzengel gebeten. An diesem ersten Sonntag vor einem Vierteljahrhundert war Stefan Bellof im doppelten Wortsinne von allen guten Geistern verlassen worden. Während Ickx nach der Kollision zwischen seinem Werks- und Bellofs Privat-Porsche nur über leichte Nackenschmerzen klagte, überlebte der Deutsche den Einschlag in die Streckenbegrenzung nicht. Nur drei Wochen vorher hatte Manfred Winkelhock (25) sein junges Leben in einem Sportwagen in Kanada ausgehaucht.

Vor fast genau 40 Jahren starb Jochen Rindt beim Großen Preis von Italien in Monza. Damals fuhr der Tod noch mit. Heute ist die Lebenserwartung dank stark verbesserter Sicherheitsstandards der Autos und an den Strecken ungleich höher. Die Formel 1 betrauerte ihren vorläufig letzten Toten 1994, als Ayrton Senna in Imola verunglückte.

Viele der Namen sind fast ganz in Vergessenheit geraten. An Gerhard Mitter, 1969 auf dem Nürburgring in den Tod gerast, erinnern sich nur noch die Experten. Der 1983 in den USA in einem Sportwagen tödlich verunglückte Rolf Stommelen ist auch deshalb im Gedächtnis geblieben, weil er bei einem Unfall 1975 beim Großen Preis von Spanien fünf Zuschauer in den Tod riss. Ganz anders die Erinnerung an den Tod von Wolfgang Graf Berghe von Trips. Die 13 bei dem Horrorcrash 1961 in der Parabolica von Monza getöteten Besucher sind bei der mythischen Betrachtung des charismatischen Adligen vom Niederrhein meist nur eine Fußnote wert. Der „Heldentod“ auf der Strecke hat manchen der Rennfahrer unsterblich werden lassen.

Stefan Bellof war gut 20 Jahre nach dem Tod Berghe von Trips, der in seinem Ferrari auf dem Weg war, der erste deutsche Formel-1-Weltmeister zu werden, der Gegenentwurf zum Grafen. Der Hesse war bei seinem Unfall 27 Jahre alt, aber seine noch immer jungenhafte Erscheinung, sein Draufgängertum und sein letztlich übermütiges Einschätzen von Risiken machten ihn zum Liebling der Motorsportgemeinde. Er war nach Berghe von Trips wieder der erste deutsche Fahrer, dem auch die Experten zutrauten, endlich den begehrtesten Motorsporttitel ins Land der Automobilisten zu holen. Jackie Stewart sah in ihm „den kommenden Weltmeister“.

Der Hesse war der erste deutsche Rennfahrer, der einen Weltmeister-Titel auf der Rundstrecke gewann. 1984 wurde er Langstrecken-Champion, war deutscher Rennsportmeister und Fahrer-Europameister. Mehr noch als von Titeln und Siegen wird die Legende vom furchtlosen Heroen aber bis heute durch zwei Ereignisse genährt. Der gelernte Karosseriebaumeister ist bis heute der einzige Mensch, der auf der Nordschleife des Nürburgrings einen Schnitt von mehr als 200 Kilometern pro Stunde erreichte. 1983 beim Training zum 1000-Kilometer-Rennen brauchte Stefan Bellof durch die auf 20,835 Kilometer verkürzte „ Grüne Hölle“ in einem Porsche 956 nur 6:11,13 Minuten.

Die Formel-1-Karriere des Stars ohne Allüren verlief aufgrund einiger vertraglicher Probleme sehr kurvenreich. Dennoch hatte er in seinen 20 Rennen in der Königsklasse einige rasante Auftritte. Platz fand Bellof in einem Tyrell, der mit seinem Saugmotor den durch Turboaggregate hochgezüchteten Autos hoffnungslos unterlegen war. 1984 preschte er bei strömendem Regen in Monaco dennoch vom letzten Startplatz bis auf Rang drei. Vor ihm lagen nur noch Sieger Alain Prost und Ayrton Senna. Am Saisonende wurde Tyrell wegen verbotener Manipulationen am Tank disqualifiziert.

Vertrag bei Ferrari lockte

1986 hätte Bellof wahrscheinlich einen Formel-1-Vertrag bei Ferrari bekommen können, wenn da nicht der 1. September 1985 gewesen wäre. Das 1000-Kilometer-Rennen auf dem Traditionskurs in Spa war der siebte Lauf zur Endurance-WM. 78 Runden waren gefahren, als Bellof sein fatales Überholmanöver in der Eau Rouge startete.

Die Kurve mit dem Namen Rotes Wasser gilt bis heute als eine der ultimativen Mutproben. 250 Kilometer pro Stunde hatten die Rivalen drauf, als Bellof alles riskierte – und alles verlor. Beide Autos berührten sich, der Wagen von Ickx drehte sich um die eigene Achse, touchierte die Leitplanke und blieb nur leicht beschädigt liegen. Bellof dagegen raste mit fast unverminderter Geschwindigkeit in die Streckenbegrenzung. Die Retter brauchten 23 Minuten, um ihn zu bergen. Als um 17.20 Uhr der Tod des Rennfahrers bekannt wurde, brach die Rennleitung das Rennen ab.

Niki Lauda hielt Stefan Bellof damals für das größte Talent im deutschen Rennsport, bescheinigte ihm aber auch, einen „gravierenden Fehler“ gemacht zu haben: „In der Eau Rouge kann man nicht überholen.“ Die Rennleitung sprach einen Tag nach dem Unfall von einem „unerklärlichen Fehlverhalten des Piloten“ .

Im Internet pflegen Fans noch immer ihre eigene Variante des Geschehens. Für sie trägt Ickx schuld, weil er blaue Flaggen (das Signal zum Überholenlassen) übersehen und dann die Tür für Bellof zugemacht habe. „Das ist Quatsch. Bellof hatte manchmal zu viel Enthusiasmus“, sagt Mass.

Autor:  Jürgen Ahäuser
Datum:  29 | 8 | 2010
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