Es war einmal eine berühmte deutsche Automobilmarke, für die galt ihr Stern als Programm. Funkelnd, glitzernd, himmlisch, zu Höherem berufen. Doch je umkämpfter der Markt wurde, je stärker die inländische Konkurrenz auftrumpfte, umso mehr Probleme hatte die Autoschmiede ihren guten Ruf zu verteidigen. Und als Mercedes am Montag den neuen Befehlshaber über seine Motorsportsparte vorstellte, verfestigte sich der Eindruck, dass der schwäbische Konzern heute nur noch Trends folgt, statt wie früher selbst welche zu setzen.
Nachdem ein Salzburger Brausehersteller drei Mal in Folge den Boliden stellte, den der deutsche Gastarbeiter Sebastian Vettel zur Formel-1-Weltmeisterschaft steuern durfte, sucht auch Mercedes sein Heil in der Austrifizierung. Vor einem Vierteljahr wurde der frühere Formel-1-Pilot Niki Lauda zum Aufsichtsratsvorsitzenden des Stern-Teams ernannt. Nach Ablösung des langjährigen Motorsportchefs Norbert Haug, berief Mercedes nun den Wiener Torger Christian – genannt Toto – Wolff, 41, zu dessen Nachfolger.
Der neue Mann soll endlich den Anspruch durchsetzen, mit dem Mercedes vor drei Jahren erstmals wieder ein eigenständiges Silberpfeil-Team an den Formel-1-Start schickte. Doch auch einem Piloten wie Michael Schumacher gelang es nicht, Wunder zu vollbringen und Titel als „deutsches Nationalteam“ zu gewinnen, wie vom Konzernboss Dieter Zetsche verheißen. Zu den sportlichen Blamagen kamen Rückschläge im Kerngeschäft: Unlängst musste Mercedes eine Gewinnwarnung herausgeben. Obwohl noch immer acht Milliarden Euro im Jahr verdient werden, liegt die Konkurrenz von Audi und BMW in der Käufergunst vorn.
Dem Mann, der nun den ramponierten Ruf mit Motorsporterfolgen retten soll, eilt der Ruf voraus, so hartnäckig die glücklichen Fügungen aneinander zu reihen, dass das System haben muss. Nachdem er sich als Rennfahrer nicht hatte durchsetzen können, entwickelte Toto Wolff ein sensationell anmutendes wirtschaftliches Gespür. Nach dem Studium der Handelswissenschaften verstand Wolff flink die Funktionsweisen des Finanzmarktes. Mit seinem Risikokapital-Unternehmen Marchfifteen sammelte er ab 1998 so erfolgreich Investorengeld für Startups zusammen, dass ihm die Deutsche Telekom den Laden für angeblich 30 Millionen Euro abkaufte. Danach lernte er Hans-Werner Aufrecht kennen, Boss eines Rennstalls in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft. Der kooperiert nicht nur mit Mercedes, sondern förderte ihn auch noch. Wolff stieg 2009 gar beim Traditionsrennstall Williams ein und heiratete 2011 die attraktive Autopilotin Susie Stoddart. Daheim feierten sie ihn, als wäre alles nur eine Zockersträhne: „der Toto-Gewinner“ („Wiener“).
Mercedes hat er imponiert: Wolff soll künftig an Erfolgen verdienen. Er hat seine Absicht erklärt, sich mit einem wesentlichen Minderheitsanteil an Mercedes’ Formel-1-Tochter zu beteiligen. Ein schwäbisches Geschäftsmodell mit Österreicher: Der neue Angestellte bringt erst mal Geld mit.
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