„Ich bin nicht bereit, Ihr Menschenbild zu teilen“, Andrea Ypsilanti gab gestern Abend bei Anne Will das Stichwort. Denn obgleich Will in ihrer Sendung die Frage stellte, ob der jüngste Aufschwung auf Kosten der Niedrigverdiener und Hartz-IV-Empfänger gehe, wurde in der Diskussion etwas ganz anderes sichtbar: Erstens, wie weit die soziale Schere in unsere Gesellschaft schon aufgegangen sein muss, wenn eine TV-Journalistin, in diesem Falle Rita Knobel-Ulrich, sich herausnimmt, in ihren Beiträgen über die neue Unterschicht im „die-da“-Tonfall zu schwadronieren, sprich Pauschalurteile zu fällen so wie andere sich den Käse über die Nudeln reiben. Zweitens, dass es unmöglich ist, über Hartz-IV-Sätze zu debattieren, wenn man nicht die Niedriglohnpolitik ins Auge fasst.
Denn tatsächlich gehören die beiden ja zusammen, sind ein Ergebnis der „Fordern und Fördern“-Soße, mit der die Agenda 2010 die große Arbeitslosigkeit bekämpfen wollte. Und nun, da so viele Menschen für wenig, um nicht zu sagen zu wenig Geld arbeiten, schreien Menschen wie Knobel-Ulrich, es gehe nicht an, wie Hartz-IV-Empfänger sich auf ihren Pfründen ausruhten, Kindergeld kassierten und ihrem Nachwuchs kein Spielzeug kauften von ihren 1220 Euro im Monat (vierköpfige Familie, so ihr Beispiel). Der Taxifahrer, der sie zu Anne Will ins Studio gefahren hätte, könne von solchen Zahlen nur träumen und auch der Friseur, der sie für die Sendung zurecht gemacht hätte.
In ein ähnliches Horn stieß auch der Ex-Grüne CDU-Politiker Oswald Metzger, der argumentierte, die Geringverdiener müssten wissen, wozu sie morgens aufstünden. Wenn die Hartz-IV-Sätze anstiegen, dann würde das Lohnabstandsgebot missachtet. Das Bild, dass Niedrigverdienende in diesem Land womöglich nicht merken würden, wie sie ausgebeutet werden, wenn die Hartz-IV-Sätze nur niedrig genug blieben – ja, Metzger verstieg sich sogar zu der Behauptung, nur Selbstständige und Besserverdienende guckten die Will-Show – konnte der Journalist Christoph Lütgert ein wenig korrigieren.
Das Gefängnis ist besser
Er brachte zwar kein Neues, aber dafür ziemlich eklatantes Beispiel: den Klamotten-Discounter Kik. Dort können Mitarbeiter im Winter offensichtlich nicht einmal einen beheizten Arbeitsplatz erwarten. Aber, so die Erfahrung von Lütgert, sie nehmen alles in Kauf, um überhaupt arbeiten zu dürfen. So auch die Arbeiterinnen aus Bangladesh, die die Billigware für Kik produzieren. Der Einspieler zeigte eine Näherin, die berichtete, das Gefängnis sei besser, weil man sich da mit seiner Nachbarin unterhalten dürfe.
Und dann das Erschütternde: Die Näherin zeigt Lütgert vor laufender Kamera ihren abgemagerten Neffen. „Er stirbt, er stirbt“, entfährt es Lütgert. Für die Tuberkulose-Behandlung des Jungen, dafür zahlt Kik der Tante nicht genug. Doch deutsche Hartz-IV-Empfänger können sich nicht für Fairtrade-Produkte entscheiden, das gibt ihr Budget dann doch nicht her. Sie finanzieren das Vermögen des Kik-Mogulen Stefan Heinig und sind gezwungen die Niedriglohnpolitik mitzutragen.
Nennt man das Teilhabe? Und wird ein Bildungsgutschein das ändern können? Macht es da überhaupt noch einen Unterschied, ob mein Kind im Vorschulalter mit einem Computer oder Naturholzfiguren spielt? Das Gängeln von Menschen, die sich sowieso kaum noch was aussuchen können, daran haben wir uns schon so gewöhnt, dass uns die Widersprüchlichkeit von Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, kaum auffällt. Wie er zuerst darauf beharrt, es gehe bei der Höhe der Hartz-IV-Sätze um die Frage der Menschenwürde, sich danach aber für den Bildungsgutschein ausspricht, damit das Geld auch wirklich an den abgerutschten Hartz-IV-Eltern vorbei bei ihren Kindern ankommt.
Und während Oswald Metzger von sich zementierenden Hartz-IV-Biographien spricht, denken wir bedrückt, dass gestern viele dieser Menschen noch zur Mittelschicht gehörten.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.