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Günther Jauch: Vom Verschwinden der Erinnerung

Günther Jauch wollte gestern Abend diskutieren, wie wir uns nach dem Tod der letzten Holocaust-Überlebenden an die Shoa erinnern werden – doch die Sendung verlief anders.


Foto: dpa

Wenn es um den Holcocaust, die Shoa, den millionenfachen Mord an den europäischen Juden geht, dann ist das immer ein heikles Thema, an das sich Fernsehmacher nur selten herantrauen.  Umso interessanter, dass Günther Jauch sich gestern Abend unter dem Titel „Die letzten Zeitzeugen – gerät Auschwitz in Vergessenheit?“ diesem  Thema widmete – und das ganz ohne konkreten Anlass in dieser Woche. 

Jauch diskutierte mit vier jüdisch-gläubigen Gästen.  Stargast, wenn man das so formulieren darf, war die Auschwitz- Überlebende Anita Lasker-Wallfisch, die letzte Überlebende des Mädchen-Orchesters in Auschwitz.  Sie musste vor dem KZ-Arzt Josef Mengele die „Träumerei“ von Robert Schumann auf dem Cello spielen.  Lasker-Wallfisch erzählte, wie es ihr jahrelang unmöglich war, nach Deutschland zu kommen, zu groß war ihr Misstrauen den Deutschen gegenüber. Mittlerweile hat die in London lebende 86-Jährige ihren Frieden gemacht mit Deutschland. „Einen Schlussstrich jedoch, den gibt es nicht, solange ich lebe“, sagte sie. 

Das sah auch Marcel Reif so.  Der 1949 geborene Fernseh-Sportkommentator jüdischen Glaubens hat dem Krupp-Manager Berthold Beitz viel zu verdanken, denn der rettete im von den Deutschen besetzten Galizien seinen Vater.  Seine Familie lebte nach dem Krieg mehrere Monate in Israel und kehrte dann schweren Herzens nach Deutschland zurück. 

Jüngster Gast: Piratin Weisband

Jüngster Gast in der Runde war die Piratenpartei-Politikerin Marina Weisband, die in der jüdischen Gemeinde in Münster aktiv ist.   Sie war als politische Geschäftsführerin der Piraten aktiv, gab vor kurzem jedoch ihren Rückzug bekannt, weil sie gesundheitliche Probleme gehabt habe und weil sie ihre Diplomarbeit zu Ende schreiben wolle.

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Für Spekulationen sorgte jedoch, dass Weisband einem, neudeutsch formuliert, „Shitstorm“ im Internet ausgesetzt war:  Sie bekam Dutzende Hassmails, in denen sie wegen ihres jüdischen Glaubens beschimpft wurde. 

Thema verfehlt

Warum der Antisemitismus noch immer in Deutschland so virulent ist, und wie wir uns nach dem Tod der letzten Überlebenden an den Holocaust erinnern werden, das blieb gestern Abend völlig offen. Schade.  Thema verfehlt, Günther Jauch, mag man sagen.  

Einige Aspekte wurden nur angerissen: Der Betreiber eines jüdischen Restaurants in Chemnitz bekam im Laufe der Jahre 2400 (!) Hassmails und Drohanrufe – die Chemnitzer Polizei quittiert das jedoch mit Achselzucken – man solle doch bitte diskreter sein.  Unfassbare Zustände – mitten in Deutschland.  Weiter diskutiert wurde das nicht. 

Und dennoch war die Sendung erstaunlicherweise eine spannende Bestandsaufnahme dessen, wie Juden heute fühlen.   „Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung für die kommenden Generationen“ sagte Anita Lasker-Wallfisch. 

Und dem ist kaum etwas hinzuzufügen. 

Autor:  Michael G. Meyer
Datum:  6 | 2 | 2012
Kommentare:  7
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