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Jazz für die Russen (ARD): Swingen für den Kapitalismus

In den 60er Jahren tourt der Jazzmusiker Benny Goodman mit seiner Band durch die Sowjetunion - im Auftrag der amerikanischen Regierung. Die ARD huldigt den Musiker mit einer gelungenen Dokumentation.

Der amerikanische Jazzmusiker (Klarinettist) Benny Goodman (1972).
Der amerikanische Jazzmusiker (Klarinettist) Benny Goodman (1972).
Foto: dpa

Was für ein erfrischender, wohltuender Soundwechsel um Mitternacht: Nachdem im Ersten drei Stunden lang das Humtata des Kölner Karnevals die Ohren malträtiert hatte, erklang plötzlich cooler Swing der 60er Jahre. Der Soundtrack war mehr als eine bloße Untermalung, sondern gab den Inhalt und den Rhythmus dieser besonderen Doku vor.

Benny Goodman und sein Orchester tourten 1962 sechs Wochen lang im Regierungsauftrag durch die Sowjetunion. Heute kaum mehr vorstellbar – aber damals nahmen beide Seiten eine Jazz-Tournee noch sehr politisch. Die Russen hatten zuvor Klassik-Virtuosen als Demonstration ihrer Überlegenheit in die USA geschickt, die Amerikaner sollten nun swingenderweise westliche Freiheit und Coolness im Osten verbreiten.

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Inspiration für die russischen Jazz-Pioniere

Autorin Konstanze Burkhard hat in „Jazz für die Russen“ (Trailer, ARD-Mediathek), fast fünfzig Jahre nach der Tournee, die letzten sieben Überlebenden des Goodman-Orchesters vor die Kamera geholt – allein das ist ein großes Verdienst.

Zwei der Interviewten, Sängerin Joya Sherill und Pianist John Bunch, sind inzwischen schon verstorben. Außerdem befragt wurden jene russischen Jazz-Pioniere, für die die Auftritte der amerikanischen Vorbilder damals Inspiration war.

Dokumentarfilme des sowjetischen Fernsehens und private, bislang unveröffentlichte Schmalfilme der amerikanischen Gäste bringen zusammen mit der originalen Musik dem Zuschauer das damalige Erlebnis sehr authentisch nahe. Eine Swing-Version des Volksliedes „Katjuscha“ wird zum Symbol des Kulturaustausches.

Nur der Titel „Jazz für die Russen“ war leider so gönnerhaft wie ungenau: Denn in den Interviews wurde ja auch deutlich, dass die amerikanischen Musiker die ganze Weite der Sowjetunion erlebten und im heutigen Georgien und Usbekistan ganz andere Reaktionen erfuhren als in Moskau oder Leningrad. Emotionaler Höhepunkt: Die Erinnerungen von russischen und amerikanischen Musikern an gemeinsame heimliche Jam-Sessions – da hob sich der Eiserne Vorhang für wenige Stunden ein kleines Stück.

Autor:  Torsten Wahl
Datum:  21 | 2 | 2012
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