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TV-Kritik "Anne Will": In der Schraube der Gewalt

Mehr Soldaten bedeuten mehr Tote, sagen die Afghanistan-Kriegsgegner Willemsen und Ströbele. Doch die Spiegel-Reporterin Koelbl sagt, die Soldaten von Kundus hätten Verstärkung gebraucht. Von Natalie Soondrum

Polittalk, immer wieder Sonntags mit Anne Will.
Polittalk, immer wieder Sonntags mit Anne Will.
Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Wir sitzen in der Tinte. Der Afghanistan-Einsatz von 4500 Bundeswehrsoldaten ist definitiv nicht Volkes Wille. Zwei Drittel der Deutschen wollen keinen Krieg in Afghanistan, aber wir haben ihn seit acht Jahren und der Bundestag hat das Bundeswehrmandat erneut verlängert. Die Kundus-Affäre hat die deutsche Bevölkerung der letzten Illusionen beraubt. Und jetzt schickt Obama 30.000 Mann mehr in den Krieg und möchte ab 2013 die Truppen aus Afghanistan wieder abziehen. Nach der Afghanistankonferenz in London nächsten Monat entscheidet unsere Regierung über eine Truppenverstärkung.

Man hätte sich gewünscht, Anne Will hätte sich nicht mit der Rolle begnügt, geschickt das Zeitmanagement für die Beiträge ihrer Gäste zu steuern und hin und wieder eine zentrale, unverbindliche Frage zu stellen. Dann hätte man als Zuschauer am Ende das Gefühl bekommen, wirklich mehr über die Zusammenhänge zu wissen, als beim Einschalten des Fernsehers.

Hans-Christian Ströbele, direkt gewählter Bundestagsabgeordneter der Grünen, hält die Verlängerung des Krieges in Afghanistan für falsch und verantwortungslos. "Der Krieg wird ständig eskaliert, obwohl er nicht zu gewinnen ist." Ganz verurteilen mag Ströbele Obamas neue Strategie nicht, weil er immerhin erstmals ein Datum für den Abzug der Truppen genannt hat. Will fügt hinzu, ein Sprecher Obamas habe mittlerweile ergänzt, man wolle den Abzugstermin überprüfen. Darauf geht Ströbele nicht ein, das lässt aber Böses ahnen.

Mehr Soldaten bedeuten mehr Tote

"Mehr Soldaten bedeuten schlicht mehr Tote", dieser Meinung sind nicht nur Ströbele und der Publizist Roger Willemsen. Diese Meinung äußerte zuletzt auch ein hochrangiger KGB-Kommandeur aus Russland, was auf Spiegel-Online zu lesen steht. Ein General aus Russland, der auch General im sowjetischen Afghanistan-Feldzug war, sagt, die Verlegung von mehr Truppen nach Afghanistan sei sinnlos, das hätte seinerzeit auch nichts gebracht. Als die Sowjets 1989 abzogen, hatten sie nach neun Jahren Krieg 15.000 Soldaten in Afghanistan verloren.

Und die Zahl der Zivilisten? Die sind nicht nur in der Kundus-Affäre tabu gewesen. Im Februar 2009 meldete die AG Friedensforschung der Uni Kassel, ein britischer Offizier sei verhaftet worden, weil er die vertrauliche Information über die Zahl der zivilen Opfer an eine Menschenrechtsorganisation weitergegeben habe.

Den eigentlichen Skandal greift Will nicht auf

Im Fall Kundus moniert Roger Willemsen, dass es eine Woche gedauert hätte, bis der Feldjägerbericht über die zivilen Opfer vorgelegen hätte. "Wir haben von Anfang an 13 tote Kinder gemeldet", bricht es aus ihm heraus, "aber wir haben für diese Information keine Öffentlichkeit in den Medien bekommen." Ein Skandal. Willemsen ist voller Emotionen, man hätte sich an dieser Stelle eine Zäsur gewünscht, um mehr von der Geschichte zu erfahren, die er zu erzählen hat.

2006 ist Willems Buch "Afghanische Reise" erschienen, und er engagiert sich unter anderem als Schirmherr des afghanischen Frauenvereins. Auf seine Initiative hin sind in der Provinz Kundus seit 2006 120 Brunnen entstanden. Doch für Hintergrundeinblicke ist in der Talk Show kein Raum, Will greift diese Information nicht weiter auf.

Keine Antwort vom Verteidigungsminsiterium

Karim Popal kümmert sich seit drei Jahren um den Aufbau eines Justizsystems in seinem Herkunftsland und vertritt die Hinterbliebenen der zivilen Opfer des Luftangriffs von Kundus. Das seien 91 Witwen, sagt er. 91 Frauen, die ihren Ernährer verloren hätten. Er und seine Mitarbeiter hätten vor Ort recherchiert und sprechen von 139 Toten und 22 Verschollenen.

Bei dem Angriff seien nur fünf Taliban ums Leben gekommen. Es habe keine Vorwarnung für den Angriff gegeben, die zivile Bevölkerung sei völlig unwissend überrumpelt worden. Als Popal erklärt, woran man die Zivilisten im Nachhinein klar als solche habe ausmachen können, unterbricht ihn Anne Will und will wissen wie hoch die Entschädigung in Zahlen sei, die Popal einfordere. Der erwidert ihr, er habe bis heute keine Reaktion aus dem Verteidigungsministerium erhalten. Auch hier hätte Will nachhaken können.

FDP-Bundestagsabgeordneter Wolfgang Gerhardt verspricht Popal, dass sich etwas tun werde. Der Untersuchungsausschuss werde die Fälle aufklären. Auf die Frage von Will, warum die Mehrheitsmeinung der Deutschen für die Parlamentarier keine Rolle spiele, entgegnet Gerhardt, er habe noch Bilder vor Augen, als die Taliban Frauen steinigten und Männer erhängt habe. Jetzt komme es auf das richtige Gewicht zwischen militärischem und zivilen Einsatz an. Wie er darauf käme, dass Hoffnung auf erfolgreichen zivilen Aufbau bestehe, will Ströble von ihm wissen.

Die Soldaten wurden mit der Situation nicht fertig

Die Spiegel-Reporterin Susanne Koelbl, die so häufig wie kein anderer deutscher Journalist seit dem Fall der Taliban in Afghanistan gewesen ist - zuletzt vor zehn Tagen - sagt der Vorfall von Kundus habe seine Ursache darin, dass die Soldaten vor Ort mit der Eskalation der Situation nicht fertig geworden seien, die Taliban habe Stadtteil um Stadtteil eingenommen und die Bundeswehr habe ihr Vorgehen nicht beantwortet. Der Kommandeur habe nicht über genug Leute verfügt. Unmittelbar vor dem Angriff hätten ihm auch nicht die Mittel zur Aufklärung, etwa Militärhubschrauber, zur Verfügung gestellt. "Der Befehlshaber hatte bereits Verstärkung angefordert, die jedoch auf dem Weg in einen Hinterhalt geraten war", berichtet Koelbl.

Harald Kujat, Generalinspekteur der Bundeswehr a.D., sagt, die Verstärkung der deutschen Truppen in Afghanistan sei seit mehr als einem halben Jahr überfällig. Man könne doch keine Soldaten entsenden und ihnen nicht einmal die Mittel in die Hand geben, um sich selbst, geschweige denn die Zivilbevölkerung zu schützen. Er beklagt sich über die Vorverurteilung des Oberst Klein in Kundus, der keine andere Wahl gehabt hätte.

Doch hier widerspricht ihm Koelbl: Der Angriff habe eindeutig darauf gezielt, so viele Menschen wie möglich in den Tod zu reißen. Das sei nicht zwangsläufig notwendig gewesen. Koelbl ist auch diejenige, die für die zivilen Fortschritte der Operation eine Lanze bricht, als sie sagt, Kabul habe Ende 2001 wie Stalingrad nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen. Jetzt bewegten sich wieder Frauen frei auf den vollen Straßen und Basaren.

Dann ist die Sendezeit um und man sagt sich: Ist die Verstärkung der Truppen unabdingbar, weil wir die Afghanen beim Kampf gegen die Taliban nicht im Stich lassen dürfen, oder ist es nicht so, dass wir sie im Stich ließen, als wir diesen Krieg anzettelten? Koelbl prophezeit: Wir werden mit mehr Soldaten in Afghanistan hineingehen, weil die Amerikaner das wünschen. Wir stecken in einer Schraube der Gewalt.

Autor:  Natalie Soondrum
Datum:  7 | 12 | 2009
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