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TV-Kritik "Echo 2010": Ergriffen vom eigenen Schwulst

Holprige Abläufe, ungelenke Moderatoren, ein dürftiges Skript: Da half auch nicht Stefan Niggemeier als Autor. Rihanna und Robbie Williams guckten gequält und die Jungs von Depeche Mode machten sich aus dem Staub. Von Harald Keller

Torwart-Legende Oliver Kahn überreicht dem britischen Sänger Robbie
Williams bei der  Echo -Verleihung die Trophäe.
Torwart-Legende Oliver Kahn überreicht dem britischen Sänger Robbie Williams bei der "Echo" -Verleihung die Trophäe.
Foto: dpa

Vielen Fernsehzuschauern dürften die maßgeblichen Sendungen der Sparte Preisgala unbekannt sein: Die US-amerikanischen Zeremonien wie die "Golden Globes" oder die intimeren "SAG Awards" werden in Deutschland spät in der Nacht ausgestrahlt. Dies sogar, wenn es sich, wie bei den "SAG Awards", um eine Aufzeichnung handelt.

Dennoch muss man ProSieben und Kabel 1 dankbar sein, dass sie diese Ereignisse in ihre Programme übernehmen - sie dienen der Information und bereiten in der Regel sehr viel Vergnügen. Wenn beispielsweise das britische Comedy-Genie Ricky Gervais die Vergabe der "Golden Globes" moderiert, dann ist das ein Heidenspaß - bissig, aber nicht unverschämt, lässig, aber nicht fahrig.

Wie tranig und traurig fallen dagegen die deutschen Jubelveranstaltungen aus. Die diesjährige "Echo"-Ausgabe beispielsweise war schon am Bildschirm eine leidige Erfahrung. Im Auditorium dürfte es noch quälender gewesen sein. Die zur Anwesenheit im Saal verdammte US-Sängerin Rihanna beispielsweise strahlte unendliche Freudlosigkeit aus, wann immer sie von einer Kamera erfasst wurde. Und damit war sie nicht allein.

Zwei Vertreter von Depeche Mode suchten bei der erstbesten Gelegenheit das Weite. Robbie Williams, Profi genug, machte gezwungene Miene zum blöden Spiel, auch als er - ein aufmerksamer Kameramann hielt es fest - von Jan Delay gebeten wurde, sich mit ihm fotografieren zu lassen.

Im Rahmen dieser jährlichen Veranstaltung wird der Musikpreis "Echo" unter den nach Maßgabe der Media Control Charts erfolgreichsten Interpreten des Vorjahres vergeben. Die Spannung hält sich dabei in Grenzen. Es ist schließlich nicht schwer zu erraten, wer den Preis in der Kategorie "Bester Künstler internationaler Pop/Rock" entgegennehmen wird, wenn zuvor immer wieder auf die Anwesenheit Robbie Williams’ hingewiesen wird. Zumal Komoderatorin Sabine Heinrich schon zu Beginn herausrutschte, dass Mr. Williams an diesem Abend seinen siebten Echo heimtragen werde.

Sabine Heinrich und ihr Komoderator Matthias Opdenhövel sind in der aktuellen Programmwoche besonders emsig. Am Dienstag absolvierten sie die fünfte Folge von "Unser Star für Oslo", am Freitag werden sie durch das Viertelfinale der von ARD und ProSieben gemeinsam ausgetragenen Talentsuche führen. Zwischendurch schlüpften beide in etwas Unbequemes - Sabine Heinrich ließ sich für die Auftaktmoderation in stanniolblankes Material einnähen, wechselte aber später zu dezentem Schwarz -, um mit dürren Worten die Pausen zwischen Preisvergaben und Musikauftritten zu überbrücken.

Originelle Interviews und spontaner Humor sind Sabine Heinrichs Sache nicht, und auch der sonst leidlich souveräne Matthias Opdenhövel griff an diesem Abend ein ums andere Mal daneben. Peinlich wurde es vor allem dann, wenn beide mit englischsprachigen Künstlern zu tun bekamen.

Opdenhövel schwallte dumpf witzelnd auf die Sängerin Sade ein, wollte von ihr die Marke ihres Shampoos wissen und hoffte auf eine Simultanübersetzung, die jedoch nicht zustande kam. Sade gewann augenscheinlich den Eindruck, dass ihr Interviewer Deutschkenntnisse von ihr erwartete, und reagierte entsprechend unwirsch.

Auch bei Robbie Williams reihte sich ein sprachliches Missverständnis an das nächste. Man kennt das ähnlich auch von "Wetten, dass ...?" und fragt sich ein ums andere Mal, ob in Deutschland kein Moderator aufzutreiben ist, der über Gastgeberqualitäten und einen Basiswortschatz in Englisch verfügt.

Schaurig auch die Vorträge einiger Laudatoren. Der Schauspieler und Rockstar-Darsteller Marius Müller-Westernhagen pries mit Weihrauch in der Stimme die Nominierten der Kategorie "Beste Künstlerin national" und zeigte sich ergriffen vom eigenen Schwulst. Nicht einmal Hape Kerkeling, dieses Mal im Gewande der Kunstfigur Uschi Blum, gelang es, ein wenig Witz in die Veranstaltung zu bringen.

Immerhin dürfte sein Auftritt als so weinerliche wie übergewichtige Schlager-Diva all jene aufs Heilsamste verunsichert haben, die über der Lektüre seiner schriftlich festgehaltenen Jakobsweg-Begehung in schiere Besinnlichkeit verfallen sind. Ein Schmunzeln bewirkte allein das verwitterte Depeche-Mode-Mitglied Martin Gore, das sich für die Echo-Verleihung den einstigen Look von Klaus Eberhartinger, dem Sänger der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, zugelegt zu haben schien.

Vorrangig aber war die Veranstaltung bestimmt von holprigen Abläufen, ungelenken Moderationen und einem dürftigen Skript. Verfasst wurde es laut Abspann von Jens Oliver Haas, der Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar", "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" und "Let’s Dance" in seiner Meritenliste führt. Ferner zeichnete ein gewisser Stefan Niggemeier als Autor verantwortlich, unter gleichem Namen bekannt von F.A.Z. und "Bildblog".

Womit, sollte es sich um dieselbe Person handeln, bewiesen wurde, dass Fernsehkritiker nicht zwingend die besseren Fernsehmacher sind. Aber für diese Erkenntnis hätte es nicht unbedingt einer auf drei Stunden gestreckten, alles in allem wenig erbaulichen Branchenfeier bedurft ...

Autor:  Harald Keller
Datum:  5 | 3 | 2010
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