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TV-Kritik "Hart aber fair": Noch immer fliegen keine Tomaten

Für Hartz-IV-Empfänger werde ausreichend gesorgt. Aber das Elterngeld sei nie für sie gedacht gewesen, rechtfertigen Norbert Röttgen (CDU) und Christian Lindner (FDP) die Kürzungen im Sparpaket der Bundesregierung. Von Judith von Sternburg

Frank Plasberg moderiert Hart aber Fair.
Frank Plasberg moderiert "Hart aber Fair".
Foto: WDR

Für all jene, die weder der Union noch der FDP bei den letzten Bundestagswahlen ihre Stimme gegeben haben, könnten es große Tage sein. Wäre die Lage nicht so ernst. Die Parteien, meinte gestern Abend Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) zum Wildsau-Gurkentruppen-Komplex, müssten sich inhaltlich und stilistisch dem Ernst der Lage angemessen verhalten.

Aber das fiel auch in der Sendung "Hart aber fair" mit Frank Plasberg wieder nicht leicht. Etwaige schnippische Bemerkungen gingen zwar in dem apokalyptischen Gewitter über Frankfurt unter. Inhaltlich war jedoch ebenfalls wenig zu hören. Wie ehemals brave Buben, die jetzt Ärger kriegen, saßen Röttgen und FDP-Generalsekretär Christian Lindner da, als Zuschauer auf die Koalition schimpften. Und wohlhabende Düsseldorfer im Filmbeitrag erklärten, dass sich für sie eigentlich nichts ändere, während auf Hartz IV angewiesene Düsseldorfer ratlos waren, weil ihnen künftig das Elterngeld fehlen wird.

Auch die wohlhabenden Düsseldorfer verstanden es zum Teil nicht. Auch die Zuschauer, deren Zuschriften vorgelesen wurden, verstanden es nicht. Auch Focus-Chefredakteur Helmut Markwort verstand es nicht und sah darin eine große Angriffsfläche. Auch Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, verstand es nicht, verstand aber, dass die Menschen es nicht verstehen. Selbst viele Wohlhabende seien doch bereit, jetzt auf etwas zu verzichten. "Dass Sie die Bereitschaft der Menschen nicht nutzen, das verstehe ich nicht." Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles verstand es nicht und sagte: "Der Lack ist ab".

Im Grunde verstand es nur Linke-Fraktionschef Gregor Gysi: "Dahinter steckt doch der Wunsch, dass es mehr Kinder von besserverdienenden Leuten geben soll und weniger von armen." Das muss es sein, was Markwort mit Angriffsfläche meinte.

Röttgens Erklärungsversuch wäre wirkungsvoller gewesen, wenn die Kinder von Hartz-IV-Empfängern nicht so viele Probleme hätten, die andere Kinder nicht haben. Röttgen wies darauf hin, dass das Elterngeld doch nur dafür gedacht war, jene zu unterstützen, die für einige Zeit aus dem Beruf aussteigen wollten. Es sei doch, sagte Röttgen, für alles gesorgt. Da flogen keine Tomaten aus dem Publikum, aber Nikolaus Schneider sagte, die Sache habe nur einen Haken: "Die Sätze reichen nicht." So spröde, so wahr.

Vorher wurde noch einmal genüsslich erläutert, dass das Elterngeld von 300 Euro für Hartz-IV-Empfänger ja nicht gestrichen wird. Es wird bloß auf den Hartz-IV-Satz angerechnet. Für Zyniker wären es ebenfalls große Tage, wenn nicht auch das dem Ernst der Lage völlig unangemessen wäre.

Nachdem also Röttgen und Lindner, Lindner wie um eine gewisse Unauffälligkeit bemüht, Röttgen tapfer, für das Elterngeld auseinandergenommen worden waren - aber fruchtlos -, kam dann das Thema auch noch auf die Wahl des Bundespräsidenten. Fast alle fanden Joachim Gauck gut. Röttgen fand aber Christian Wulff nicht schlechter. Und nur Gysi fand Luc Jochimsen besser. Weil sie Chefredakteurin war, sagte er unter anderem.

Da widerstand Plasberg nicht und erinnerte noch einmal an das Gysi-Zitat: Jochimsen habe als Chefredakteurin schließlich den Geschmack des gesamten Publikums treffen müssen. Scherzhaft wurde nachgehakt, ob dann nicht auch Carmen Nebel das Amt übernehmen könne, beispielsweise. Aber ob so ein Witzchen der Lage angemessen ist? Ja, dieser Lage ist es angemessen.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  10 | 6 | 2010
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