Die Musik kommt pumpend, dräuend daher, wie bei einem Kino-thriller. Für die Interview-Parts hat man den Kandidaten geschminkt und ausgeleuchet wie einen Hollywood-Star. Und der Erzähler im Hintergrund lässt es ordentlich knarzen. Für das 45-Minuten-Porträt über SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, den "Herausforderer", hat die ARD keine Mühen gescheut.
Da wirkt Brakelsiek, der Heimatort des Außenministers, beinah wie ein Westerndorf. Und die Bilder, die zeigen, wie er die Jemen-Geiselkrise managt, könnten auch aus einer US-Fernsehserie über das Weiße Haus stammen.
Es ist zu merken, dass die Autoren Tom Ockers und Hans-Jürgen Börner bloß nicht langweilen wollen mit ihrer Hauptfigur. Doch Steinmeier ist und bleibt dann eben doch der blasse Technokrat, der nicht möchte, dass seine Lebensgeschichte und Karriere allzu sehr interpretiert werden: "Unmittelbare Ableitungen lässt das nicht zu", das ist die Sprache des Juristen und Diplomaten. "Die Entscheidung ist gefallen, wie sie gefallen ist", mehr lässt sich ihm nicht entlocken über den Machtkampf, den er vor einem Jahr mit dem damaligen SPD-Parteichef Kurt Beck ausgefochten hat.
Und so hat die aufwendige Inszenierung den großartigen Nebeneffekt, dass Steinmeier noch flacher wirkt als ohnehin, als würde man einen 3-D-Film ohne 3-D-Brille anschauen. Trotz eines rührenden Auftritts der Mutter und der Bemühungen der Ehefrau, ihn als "sensiblen" Partner vorzustellen, wird er kenntlich als Mann ohne Charisma und ohne offenen gezeigten Ehrgeiz - als "graue Effizienz", die eigentlich immer in der zweiten Reihe am Besten funktioniert.
Seine Spezialität ist es, geräuschlos Macht auszuüben und kreatives Durcheinander zu bekämpfen. Seinem Mentor Gerhard Schröder hat Steinmeier immer den Rücken frei gehalten bis ins Kanzleramt, seine linke Vergangenheit hat er ebenso hinter sich gelassen wie dieser.
Wie abgespalten scheint die Wohngemeinschaftszeit; die drolligen Fotos und Videos, die der Kandidat den Filmemachern überließ, lassen es ein wenig menscheln, doch dann kommt wieder von ihm wieder so ein Satz im Aktenordner-Sound: "Ich bemühe mich, authentisch zu bleiben." Es bleibe nichts haften von diesem Mann, sagt Wolfgang Nowak, ehemaliger Planungschef im Kanzleramt, der Steinmeier gut kennt, aber auch noch eine Rechnung mit ihm offen hat, weil dieser ihn einst entmachtete.
Wie wird aus einem linken Juristen, der einst seine Doktorarbeit über Obdachlosigkeit schrieb und sich um behinderte Kommilitonen kümmerte, ein Über-Bürokrat, Geheimdienstkoordinator und schließlich Kanzlerkandidat des rechten SPD-Flügels? Diese Frage kann ein 45-Minuten-Film nicht wirklich beantworten.
Eins aber ist den Autoren wirklich gelungen - sie konfrontieren Steinmeier auf entlarvende Weise mit seinem dunkelsten Moment, der Affäre um Murat Kurnaz. Sie fragen nach, warum dieser unschuldige Mann jahrelang in Guantanmo einsitzen musste. Antwort: "Unter den erreichbaren Erkenntnissen war das die richtige Entscheidung." Warum sich Steinmeier nicht bei Kurnaz entschuldige? Antwort: "Ich habe keinen persönlichen Streit mit Herrn Kurnaz." Und: "Ich hätte ihm im persönlichen Gespräch auch kaum anderes zu sagen."
Es ist die beeindruckendste Passage dieses Films, sie zeigt, was auf der Strecke bleibt bei so einem Aufstieg.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.